Bayern 2 - Notizbuch


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Patienten in Gefahr? Mangelernährung in Kliniken

In vielen deutschen Kliniken spielt Ernährungsmedizin kaum eine Rolle. Für Patienten hat das fatale Folgen. Ein schneller Gewichtsverlust in kurzer Zeit wird häufig nicht als gefährlich erkannt. Jedes Jahr sterben zehntausende Patienten an Mangelernährung. Doch Ärzte und Politik schauen weg.

Von: Jan Zimmermann und Vanessa Lünenschloß

Stand: 23.09.2017

Diätassistenten sind die Spezialisten für Ernährung im Krankenhaus. Im Klinikum Bielefeld kontrolliert Ursula Lukas, ob Patienten genügend essen und trinken. Wenn jemand zu wenig Essen bestellt oder bereits sehr abgemagert ist, stellt die Diätassistentin gemeinsam mit der Küche eine Sonderkost mit hoher Kalorienzahl zusammen.

Mangelernährt trotz Übergewicht

Doch auch Patienten, die auf den ersten Blick genug oder gar zu viel wiegen, können mangelernährt sein. Dann nämlich, wenn sie zu wenig Nährstoffen und Energie aufnehmen und in kurzer Zeit sehr viel Gewicht verlieren. Die Mangelernährung hat oft schwerwiegende Folgen für die Patienten.

Diätassistentin Ursula Lukas kümmert sich um Risikopatienten.

"Mangelernährung im Krankenhaus bedeutet, dass wir unter Umständen längere Liegezeiten haben, dass die Therapie aufwendiger wird, dass es mit mehr Kosten verbunden ist, aber auch mit mehr Komplikationen. Das kann dann auch die Konsequenz haben, dass die Patienten versterben."

Ursula Lukas, Diätassistentin Klinikum Bielefeld

Mangelernährung ist ein häufiges Problem in den Krankenhäusern. Laut verschiedener Studien ist ein Viertel der Patienten in deutschen Kliniken mangelernährt. Trotzdem wird das häufig nicht erkannt. Was sind die Ursachen?

Zahlen und Studien

Der Redaktion liegen Zahlen und Studien von Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin und der Deutschen Krebsgesellschaft, von Berufsverbänden wie dem Verband der Diätassistenten und dem Verband Oecotrophologie sowie mehreren Wissenschaftlern und Medizinern wie Dr. Jann Arends vom Universitätsklinikum Freiburg und Dr. Matthias Pirlich mit seiner Arbeit "The German Hospital Malnutrition Study" vor.

Missstände in Kliniken

Die Krebsmedizinerin Jutta Hübner forscht seit Jahren zum Thema Mangelernährung und ist Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft. Sie beobachtet: In vielen Kliniken wird Ernährungsmedizin völlig vernachlässigt. Das Fach kommt in der Medizinerausbildung viel zu kurz, zudem fehlt es an Personal. So rutschen zahlreiche Patienten durch.

"Die aktuelle Situation in Deutschland kann man eigentlich wirklich nur noch als Missstand bezeichnen. Ich glaube, das ist genau das richtige Wort dafür."

Jutta Hübner, Krebsmedizinerin Universitätsklinikum Jena

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt sich im Klinikum Bielefeld: Dort ist Diätassistentin Ursula Lukas in Sachen Ernährungsberatung und Mangelernährung alleine in dem 600-Betten-Haus. Während der Dreharbeiten für mehr/wert stellt sie fest, dass ein Patient mit einer chronischen Darmerkrankung tagelang nur Wasser bekommen hat. Nährstoffe wurden nicht verabreicht, obwohl ein Arzt das angeordnet hatte. Ursula Lukas ist darauf angewiesen, dass Pflegekräfte und Ärzte ihr kritische Fälle melden. Doch im stressigen Klinikalltag kann so etwas schnell durchrutschen.

"Nein. Ich kriege nicht alles mit. Nein. Es ist einfach so: Ich kann das alleine nicht leisten."

Ursula Lukas, Diätassistentin Klinikum Bielefeld

Ob Bielefeld oder anderswo: Solche Beispiele werden der Redaktion aus zahlreichen Krankenhäusern berichtet. In vielen Kliniken stehen wenige Diätassistenten hunderten Patienten gegenüber.

Tod durch Mangelernährung

Vor allem Krebspatienten sind in Gefahr. Oft sitzen Tumore in Mund, Hals oder Magen. Das erschwert das Essen. Dazu kommen kraftraubende Therapien, die den Appetit nehmen.

Das hat Anne Blumers aus Stuttgart erfahren. Ihr Ex-Mann, mit dem sie gut befreundet blieb, litt an Hautkrebs. Nach einer Immuntherapie verlor er 40 Kilo Gewicht, stürzte von 100 auf 60 Kilo ab. Doch die Ärzte reagieren nicht.

Anne Blumers trauert um ihren Ex-Mann

"Mir war nicht klar, während der Krankheit und auch kurz danach nicht, dass er tatsächlich mangelernährt war. Sondern ich dachte eben, klar, der hat halt starke Nebenwirkung aufgrund dieser  Therapie und dann verliert man halt an Gewicht, das ist halt so."

Anne Blumers

Sieben Monate nach der Krebs-Diagnose starb ihr Ex-Mann. Anne Blumers will, dass sich künftig keiner so im Stich gelassen fühlt, wie ihr früherer Partner und sie. Im Internet hat sie jetzt eine Aufklärungskampagne "Was essen bei Krebs?" gestartet.

Mangelernährung ist häufige Todesursache

Auch die Forschung bestätigt Mangelernährung als häufige Todesursache bei Krebspatienten. Von den 200.000 Krebstoten pro Jahr  in Deutschland stirbt laut Studien jeder Vierte, rund 50.000 Menschen, nicht am Tumor – sondern an der Mangelernährung.

"Es gibt überhaupt gar keinen Zweifel, dass Patienten mit einer Mangelernährung ein kürzeres Überleben haben, also dass wir hier wirklich eine sehr viel schlechtere Prognose dieser Patienten haben."

Jutta Hübner, Krebsmedizinerin Universitätsklinikum Jena

Nur manche Kliniken versuchen, inzwischen gegenzusteuern. Sie lassen alle Patienten bei der Aufnahme einen "Screening-Bogen" ausfüllen. Es müssen Fragen zu Größe, Gewicht, Ernährung beantwortet werden. Zudem kümmert sich ein festangestelltes Team um die Ernährung der Patienten – mit Diätassistenten, Ärzten und Pflegekräften. Experten fordern genau das für alle Kliniken: Ein Ernährungsteam und Screeningbögen bei der Patientenaufnahme.

Wie sieht das tatsächlich in deutschen Krankenhäusern aus?

Umfrage zu Mangelernährung in Kliniken

In einer Stichprobe fragen wir deutschlandweit in 34 Kliniken mit onkologischen Abteilungen nach – darunter Universitätskliniken in Großstädten, aber auch kleinere Krankenhäuser auf dem Land. Das Ergebnis:

Ein standardisiertes Screening aller Patienten mit Fragebogen gibt es nur in acht Kliniken. Lediglich sechs Krankenhäuser haben ein festes Ernährungsteam. Ernährungsmedizin spielt also kaum eine Rolle.

Versagen von Kliniken und Politik

Ernährungsteam im Klinikum Großhadern in München

Als Begründung hören wir: Die Kassen würden in vielen Fällen nicht zahlen. Für Klinik-Berater Dominik Lindner ist das nur die halbe Wahrheit. Für ihn lässt sich die Behandlung mangelernährter Krebspatienten vor allem deswegen schlecht abrechnen, weil  Mangelernährung im System zu eng definiert sei.

"Weil die Definition ausschließlich von Körpergröße in Verbindung mit Körpergewicht ausgeht. Wenn man aber jetzt den tumorerkrankten Patienten mit 140 Kilo sieht, der in wenigen Monaten 30, 40 Kilo Gewicht verloren hat, dann ist der nach Körpergröße in Verbindung mit Körpergewicht eher noch adipös und dann fällt er nicht unter die Mangelernährungsdefinition, obwohl er das medizinisch tut."

Dominik Lindner, Privatinstitut für Klinikmanagement

Ein weiteres Problem: Viele Kliniken versuchen laut Lindner, gar nicht erst Mangelernährung abzurechnen. Selbst bei den Patienten, wo es möglich wäre.

Warum greift die Politik nicht ein?

Das zuständige Bundesgesundheitsministerium fühlt sich nicht verantwortlich. Auf unsere Anfrage verweist es auf die medizinischen Fachgesellschaften, den Gemeinsamen Bundesausschuss und die Krankenhäuser selbst. Ein politisches Eingreifen ist nicht zu erwarten.

So werden wohl auch in Zukunft zigtausende schwer kranke Patienten in Deutschland allein gelassen. Sie sind in Gefahr, an Mangelernährung zu sterben.


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Jan Köllner, Donnerstag, 28.September, 10:06 Uhr

6. Mangelernährung im Krankenhaus

Nachtrag zu meinem vorherigen Kommentar:
Zudem haben wir vor einigen Jahren eine "besondere Zwischenmahlzeit" eingeführt, als Alternative zu den üblichen "Astronautennahrungen". Diese wird in unserer Küche hergestellt, und für mangelernährte Patienten bereitgestellt. Diese Zwischenmahlzeiten werden von den Patienten gut angenommen. Zusätzlich erhalten mangelernährte Patienten einen eigens kreierten Info-Flyer zum Thema Mangelernährung und "besonderer Zwischenmahlzeit".

Jan Köllner, Donnerstag, 28.September, 09:42 Uhr

5. Mangelernährung im Krankenhaus

Im Klinikum Augsburg haben wir uns dieses Problems seit geraumer Zeit angenommen. Wir haben ein Ernährungsteam (seit 1988), das im Kern aus einem Arzt, einer Ernährungswissenschaftlerin und zwei Vollzeit-Pflegekräften besteht. Zudem arbeiten wir eng mit der Küche und der Apotheke zusammen. Im Screeningverfahren NRS 2002 (Nutritional Risk Screening) versuchen wir alle leicht, mittel und erheblich Mangelernährten zu erfassen. Das bedeutet, dass möglichst jeder Patient, der im Klinikum Augsburg stationär aufgenommen wird, entsprechend gescreent werden sollte. Das funktioniert leider noch nicht zu 100 Prozent, aber wir erzielen diesbezüglich deutliche Fortschritte. Die im Screening auffälligen Patienten werden dann ab einem bestimmten Punktwert an uns gemeldet, möglichst beraten, entsprechend versorgt, z.B. mit Zusatznahrung ("Astronautenkost"), Sondennahrung (sog. enterale Ernährung) oder intravenöser Nahrung (sog. parenterale Ernährung) und nach Hause übergeleitet.

Pflegerin , Samstag, 23.September, 21:28 Uhr

4. Als Begründung hören wir: Die Kassen würden in vielen Fällen nicht zahlen.

Die gesetzlichen Krankenkassen werden mit den zugewanderten Arbeitslosen nach dem Familiennachzug noch mehr sparen müssen oder die Zusatzneiträge erhöhen oder den Leistungskatalog reduzieren müssen. Privat Versicherte bleiben ungeschoren. Deswegen brauchen wir dringend die Bürgerversicherung (SPD).

Tochter, Freitag, 22.September, 13:45 Uhr

3. Kann ich absolut bestätigen

Mein Vater lag Anfang des Jahres auch auf der onkologischen Station. Man hat ihm dort ständig Essen gegeben, dass er nicht essen konnte. Oft wurde das Essen unberührt wieder weggeräumt. Hat keinen auch nur ansatzweise interessiert. Hätte meine Mutter nicht ständig zu Hause für ihn gekocht und ihm Essen mitgebracht, wäre er dort wahrscheinlich auch extrem abgemagert. Zum Glück wurde er schließlich auf eine Palliativstation verlegt, wo man sich rührend um ihn gekümmert hat. Dort ist er regelrecht wieder aufgeblüht.

Wirklich erschreckend, was in deutschen Krankenhäusern so abgeht.

  • Antwort von Maria , Samstag, 23.September, 21:31 Uhr

    Handelt es sich um das sogenannte "Sozialverträgliche Ableben"?

Traurigaberwahr, Donnerstag, 21.September, 08:35 Uhr

2. Kein Einzelfall

Alter Mann kommt in Charité. Ihm wird durchaus Essen hingestellt. Er merkt das nicht, es sagt ihm auch keiner. Anschließend wird das Essen unberührt wieder abgeräumt. Er magert ab, bis ein Bettnachbar sich darüber beschwert, der das beobachtet. Das Abmagern wird auf einen Tumor geschoben. (Ja, starker Gewichtsverlust ist dafür typisch. Aber nicht in diesem Ausmaß, es stand noch nicht im Verhältnis zur Größe des Tumors).

Die entfernt lebende Familie erfährt das nach 3 Wochen. Die Diagnostik hat so lange gedauert. Er steht auch während langer Tage auf Fluren rum, weil er für Untersuchungen im Haus herumgeschoben werden muss. Dann "verpasst" er das Essen sowieso. Vorher wohlgenährt, ist er nur noch Haut und Knochen, kommt wegen der Schwäche in ein Hospiz (Tumor nicht oparabel, jetzt soll er sehr plötzlich raus aus der Klinik). Im Hospiz blüht er wieder total auf, weil er was zu Essen kriegt und alle freundlich zu ihm sind. Unfassbar.