Bayern 2 - Notizbuch

Krankengeld Woher kommt der kräftige Anstieg der Ausgaben?

Wer zu krank ist, um zu arbeiten, der bekommt in Deutschland trotzdem Geld – die ersten sechs Wochen zahlt bei Angestellten und Arbeitern der Arbeitgeber, danach springt die Krankenkasse ein. Die gesetzlichen Kassen zahlen bis zu eineinhalb Jahre lang. Diese Leistung galt lange Zeit als eine der besonders wichtigen Errungenschaften des Sozialstaats. Doch Kassen und auch Politiker beobachten die Entwicklung der Summen, die fürs Krankengeld ausgegeben werden, mit Sorge.

Autor: Nikolaus Nützel Stand: 04.02.2012
Symbolbild: Krankengeld | Bild: picture-alliance/dpa

Wenn es darum geht, welche gigantischen Summen die Krankenkassen in Deutschland ausgeben, dann fallen einem als erstes die Krankenhäuser ein oder auch die Arzneimittel. Doch es gibt auch einen Posten, an den viele Versicherte erst einmal nicht denken – der aber die Kassen durchaus beschäftigt: Die Leistungen für Patienten, die lange Zeit krankgeschrieben sind.

"Die größte Gruppe sind psychische Erkrankungen, dann haben wir Muskel- und Skeletterkrankungen die auch einen sehr hohen Anteil am Krankengeld ausmachen. Dann haben wir Krebsdiagnosen, Brüche, eine Vielzahl von Diagnosen kommen hier zum Tragen."

Gerhard Schweiger, Techniker Krankenkasse

Enormer Anstieg der Zahlungen beim Krankengeld

Wann gibt es Krankengeld?

Krankengeld zahlen die Kassen in der Regel dann, wenn ein Versicherter länger als sechs Wochen krank ist und aus der Lohnfortzahlung herausfällt, die bis dahin die Arbeitgeber übernehmen. Es geht also um Erkrankungen, die nicht schnell wieder ausheilen.

Eines macht Kassenmitarbeitern wie Gerhard Schweiger dabei allerdings Sorge. Die Ausgaben fürs Krankengeld sind in letzter Zeit rasant angestiegen. Um mehr als ein Drittel sind die Aufwendungen der Kassen fürs Krankengeld innerhalb von nur fünf Jahren angewachsen. Rund 8 Milliarden Euro jährlich haben die gesetzlichen Kassen dafür zuletzt ausgegeben.

Größter Kostenfaktor: psychische Erkrankungen

Krankschreibungen wegen psychische Erkrankungen haben in den letzten Jahren stark zugenommen.

Vor allem eine Art von Krankheiten hat zu diesem Anstieg beigetragen: psychische Erkrankungen. Die Krankenkassen wollen nicht in Frage stellen, dass immer mehr Menschen unter immer größeren Gesundheitsproblemen leiden. Doch das Tempo, mit dem diese Probleme zunehmen, kann man bei den Kassen nicht nachvollziehen.

Krankengeld als klammheimliche Brücke in den Ruhestand ?

Rechenbeispiel

Wenn ein 63-Jähriger eine reguläre Altersrente beantragt, muss er eine Rente akzeptieren, die über sieben Prozent niedriger ist als das reguläre Ruhegeld. Wenn der gleiche 63-jährige aber anderthalb Jahre lang krankgeschrieben ist, in dieser Zeit Krankengeld bezieht, und dementsprechend erst kurz vor seinem 65. Geburtstag offiziell in Rente geht, dann bekommt er fast die vollen Altersbezüge.

Immer wieder wird ein Verdacht geäußert: Ärzte schreiben möglicherweise Arbeitnehmer, die beispielsweise um die 60 Jahre alt sind, so lange krank, bis sie ohne große Abschläge in Rente gehen können. Gerhard Schweiger von der Techniker Krankenkasse ist sicher, dass solche Fälle immer wieder vorkommen – doch er ist vorsichtig mit eindeutigen Aussagen:

"Also ich würde hier eher sagen, es geht hier um sogenannte Ausweichstrategien. Es gibt aber keine konkreten Anhaltspunkte, deswegen kann ich auch keine konkreten Zahlen nennen, um wie viele Fälle es sich handelt. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass natürlich solche Verdachtsmomente, bzw. solche Ausweichstrategien durchaus im Bereich des Möglichen liegen."

Gerhard Schweiger, Techniker Krankenkasse

Diese "Ausweichstrategien", wie Gerhard Schweiger es nennt, könnten die Kassen allerdings viele Millionen Euro kosten – wenn nicht Milliarden. Die Kassen tun sich allerdings schwer, gegenzusteuern. Denn hinter jeder Krankengeldzahlung steht ein Attest, das ein Arzt ausgestellt hat. Solche Atteste in Frage zu stellen, sorgt schnell für eine Menge Ärger mit Ärzten und auch mit Versicherten.

Die Kassen versuchen das Thema deswegen diplomatisch anzugehen. Sie beschäftigen sogenannte Krankengeld-Manager. Sie melden sich bei Versicherten, die lange krank geschrieben sind, und fragen nach, ob die Kasse Unterstützung bieten kann – beispielsweise, um Reha-Maßnahmen zu finden, die dafür sorgen könnten, dass ein  Langzeitkranker doch wieder arbeitsfähig wird. Einen Eindruck will Gerhard Schweiger auf jeden Fall vermeiden: Dass seine Kasse schwerkranke Menschen unter Druck setzt. Das Gegenteil sei richtig, meint er.

"Wir versuchen den Kunden hier in diesem Dschungel der Versorgung optimal zu managen."

Gerhard Schweiger, Techniker Krankenkasse

Aber nicht nur bei den Krankenkassen findet man das Thema ausgesprochen heikel. Auch Politiker melden sich kaum zu Wort. Denn wie man die "Ausweichstrategien" beim Krankengeld mit gesetzlichen Maßnahmen in der Griff bekommen könnte, weiß keiner so genau. Es sei denn, man greift zu radikalen Maßnahmen und verkürzt beispielsweise einfach den Anspruch auf Krankengeld. Das allerdings wäre ein Einschnitt ins soziale Netz, der sicher einen beträchtlichen Aufschrei auslösen dürfte.