Bayern 2 - Notizbuch


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Psychosomatische Leiden bei Kindern Wenn Sorgen und Ängste krank machen

Angst vor der Schule, Schwindel, Übelkeit, Schlafprobleme, Bauch- oder Kopfschmerzen und Essstörungen. Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden an psychosomatischen Beschwerden. Hilfe wird ihnen in München geboten.

Von: Sabine Weis und Matthias Lauer

Stand: 29.03.2017

Mädchen weint | Bild: picture-alliance/dpa/ Silvia Marks

In der psychosomatischen Abteilung für Kinder- und Jugendliche im Klinikum Schwabing werden junge Patienten auch wegen Depressionen behandelt. Oft sind die Kinder und Jugendlichen monate- oder sogar jahrelang nicht in die Schule gegangen. Hier sollen sie lernen, wieder Struktur in den Tag zu bekommen und selbständig zu werden.

"Die Jugendlichen sollten sich selbst wecken, dann beginnt der Schulalltag mit vier Stunden, dann kommen sie wieder auf Station, dann gibt es Mittagessen und Therapien."

Pia, Pflegerin

Therapiehund Filou hilft den Kindern

In Einzel- und Gruppentherapien, mit Musik-, Kunst- und Körpertherapien wird versucht, die Ursachen für die Beschwerden aufzudecken. Auch die Eltern und Geschwister werden einbezogen. Denn geht es dem einen Kind besser, treten oft bei Bruder oder Schwester Symptome auf. Und bei sehr schüchternen oder überaktiven Kindern kommt Therapiehund Filou zum Einsatz.

"Wir schulen da auch mal Verantwortungsübernahme, die Kinder dürfen Gassi gehen, der Hund spürt auch, wenn jemand traurig ist, stupst die an. Das kann viel bewirken."

Sigrid Aberl, Chefärztin

Station 8 im Klinikum Schwabing: Hier wird Kindern geholfen

15 Plätze gibt es auf der Station. Etwa ein halbes Jahr müssen Kinder und Eltern derzeit warten, um hier unterzukommen. Trotzdem: Seelische Probleme sind nicht häufiger geworden, sagt Ärztin Sabine Ludyga - sie werden heute einfach früher erkannt:

"Die Schulen kommen, die Kinderärzte, Sportvereine, da wird einfach der Focus drauf gelegt: Wie geht es meinem Kind? Ist es traurig? Das hat sich geändert in den letzten Jahrzehnten."

Sabine Ludyga, Ärztin

Klinikum Schwabing, Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik

Bis zu drei Monate kann ein Aufenthalt dauern. In dieser Zeit versuchen die Kinder zu lernen, mit ihren Symptomen umzugehen und ihren Beschwerden rechtzeitig gegenzusteuern. Und ganz langsam werden die jungen Patienten wieder an die Schule gewöhnt: Erst stundenweise, dann auch länger in ihrer Stammschule.

"Die Kinder müssen nicht gerne zur Schule gehen, das ist ein schönes Ziel, das nicht immer erreicht werden kann. Aber sie müssen wieder gehen."

Sabine Ludyga, Ärztin

Die Kinder lernen so im Idealfall, zu den Managern ihrer eigenen Erkrankungen zu werden, erklärt Sigrid Aberl:

"Ich sag auch meistens, Du wirst Deine Schmerzen nicht komplett verlieren, aber Du wirst sie besser im Griff haben. Wichtig ist auch, keine falschen Hoffnungen zu machen."

Sigrid Aberl, Chefärztin

Stille Hilferufe

Wie Eltern erkennen, dass ihr Kind Hilfe braucht, erklärt Prof. Dr. Peter Henningsen, der Direktor der Klinik und Poliklinik Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Leiter der Kinder- und Jugendpsychosomatik TU-München:

Stress bei Schulkindern: Tipps für Eltern

Die meisten Schulanfänger sind neugierig und freuen sich auf die Schule. Sie haben im Kindergarten bereits erfahren, was auf sie zukommt, können vielleicht schon ein bisschen lesen und schreiben. Nur wenige sind ängstlich und fragen sich, ob sie die Schule auch schaffen.

Rhythmus und Struktur im Alltag

Schulpsychologe Hans-Joachim  Röthlein rät bereits den Eltern von ABC-Schützen, auf feste Aufstehzeiten zu achten, für ein regelmäßiges Frühstück zu sorgen und dafür, dass Kinder einen Ansprechpartner haben, wenn sie von der Schule heim kommen. Der Grund: Viele Kinder möchten darüber sprechen, was sie in der Schule erlebt haben. Außerdem empfiehlt der Experte, schon von der ersten Klasse an feste Zeiten für die Hausaufgaben einzuplanen. 

Zuwendung und Monitoring

"Eltern können sich deutlich dafür interessieren, was ihrem Kind in der Schule passiert und es wohlmeinend begleiten. Sie können z.B. fragen, wie war es heute in der Schule? Welche Punktzahl oder welche Note hast du bekommen? Was könntest du Deiner Meinung nach besser machen? - Weniger motivierend ist der Verweis auf die Leistungen anderer Kinder, denn das schafft eher Schulstress, weil Kinder dann besser sein wollen als die anderen. Außerdem sind überehrgeizige Kinder oft nicht beliebt."

Schulpsychologe Hans-Joachim Röthlein

Stabiles Leistungs-Selbstwertgefühl

Kinder sollten schon im Vorschulalter Verständnis dafür entwickeln, was sie leisten können und was nicht, ohne sich überlegen oder unterlegen zu fühlen. Dabei können die Eltern sie unterstützen, indem sie mit ihnen sprechen und regelmäßig ein Fazit der Leistungen ziehen. Und sie können ihren Kindern dabei helfen, Frustrationstoleranz zu entwickeln, damit sie lernen, dass andere Kinder und Erwachsene auch Bedürfnisse haben.

Soziale Integration

Der Schulpsychologe Hans-Joachim Röthlein rät Eltern von Grundschulkindern außerdem, darauf zu achten, ob und wie sie sozial integriert sind. Wird das Kind oft gehänselt, muss es allein spielen oder den Schulweg alleine zurücklegen? Eltern, die beunruhigt sind, sollten frühzeitig Kontakt zu den Lehrern aufnehmen, um herauszufinden, wie die Entwicklung ihres Kindes in der Schule verläuft und eventuell einzugreifen.

Schulwechsel von der Grundschule

Generell sollten Eltern wissen, dass jedes Kind sich unterschiedlich entwickelt. Manche sind früher leistungsmotiviert als andere. Wer sich unsicher ist, wie die Begabungsstruktur ihres Kindes aussieht und welcher Bildungsweg sich eignet, der kann sich am Ende der Grundschulzeit an den schulischen Beratungsdienst wenden: Es gibt inzwischen eine Vielzahl unterschiedlicher Bildungswege, um zum Beispiel zum Abitur zu kommen.

Übertritt ins Gymnasium

Unter besonderem Stress stehen Kinder oft, wenn sie von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. In dieser Phase können Eltern, die ihre Kindern entlasten wollen, bewusst darauf vertrauen, dass ihre Kinder aus Krisen lernen. Schreibt das Kind zum Beispiel mal eine schlechte Note, dann sollte man nicht drohen, sondern gemeinsam die Ursachen erforschen: Wie kannst du dich verbessern und willst du das überhaupt? Denn manche Kinder sind ganz bewusst eher mittelmäßig gut, weil sie nicht als Streber gelten wollen. Bereits am Ende der Grundschulzeit können Kinder das differenziert einschätzen.

Wichtig:

Wenn Eltern dem Schulstress ihrer Kinder Abhilfe schaffen wollen, sollten sie sich fragen, ob sie eventuell überhöhte Leistungserwartungen haben. Und sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass Noten eine Rückmeldung für die Leistung des Kindes sind, nicht für die der Eltern. Alles in allem können sich Eltern davor hüten, auf schlechte Noten enttäuscht mit Zurückweisung oder Liebesentzug zu reagieren. Denn wer lernt: Nur wenn ich gut bin, werde ich geliebt, der hat als Erwachsener im Berufsleben große Schwierigkeiten, wenn er mal scheitert.

  • Sabine Weis | Bild: BR/Julia Müller Sabine Weis

    Journalistin

  • Matthias Lauer | Bild: BR/Julia Müller Matthias Lauer

    Matthias Lauer, Moderator und Autor für den Hörfunk und Online, überwiegend für die Redaktionen Schwaben, Oberbayern, Bayern plus und BR24


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Leser, Montag, 03.April, 00:43 Uhr

3. Gesellschaft/ Zustände unter Menschen innerhalb und außerhalb der Familie

Echt schlimm solche Fälle, in denen schon kleine Kinder nicht mehr mit ihrem Leben zurecht kommen.Hier muss man die Ursachen suchen. Alle Stresspegel,(die, innerhalb der Familien, und die Belastungen, die außerhalb der Familien noch dazukommen), müssen wissenschaftlich aufgedeckt und abgeblockt werden. Es kann nicht sein, dass wir eine kranke Kindergesellschaft erzeugen. Die Schulen tragen Verantwortung. Es geht nicht, dass die Leistungsgesellschaft die Kindheiten unserer Kinder, massiv und großflächig zerstört. Kinder sind keine Maschinen, keine Roboter und keine Lerncomputer. Wer sie so behandelt und sie so großzieht, braucht sich über das Ergebnis nicht zu wundern. Die rücksichtslose Optimierung und Rationalisierung, die lieblose und überheblich/abwertende Behandlung von Kindern,eine pessimistische Zukunftsvorstellung und die ständige Vermittlung der "unlösbaren" Gesellschafts-/Umweltprobleme, ist schädlich - auch für die Erwachsenen.Es fehlen fortschrittliche Gesellschaftskonzepte

AFDlerin , Donnerstag, 30.März, 08:41 Uhr

2. Nicht zu unterschätzen ist das Mobbing gegen Kinder

in Klassen, die mehrheitlich aus Migranten bestehen. Ist halt auch schwer, wenn 10 oder mehr Nationalitäten in einem Klassenzimmer vereint sind. Das wird immer mehr die Regel ...

  • Antwort von Fremdschämer , Donnerstag, 30.März, 23:50 Uhr

    @ AFDlerin
    Sie stellen einen Zusammenhang von Migration zu Mobbing und
    psychosomatischen Erkrankungen her.
    Wie kann man nur mit soviel Ahnungslosigkeit hier dauernd Kommentare
    schreiben, die jeder Grundlage entbehren ?
    Fehlt bei ihnen die Lesekompetenz und die Auffassungsgabe ?
    Den Artikel haben sie nicht gelesen und auch nicht verstanden.
    Gute Frau, was stimmt bei ihnen nicht ?
    Gegen Migration schreiben, rassistisches und beleidigendes Gedankengut ablassen,
    ist das ihre Motivation ? Für sie schäme ich mich fremd.

Atze, Mittwoch, 29.März, 20:10 Uhr

1. Schwererziehbar

War unser Pflegesohn, das ist 20 Jahre her, als er mit 10 zu uns kam. Unseren Hund hat er geliebt und ihn manchmal als " seinen Bruder" bezeichnet. Es war sehr schwer, aber durch viele Täler und Höhen und mithilfe auch des gutmütigen Gesellen haben wir es gemeinsam geschafft. Ein Hund kann mit im Garten toben, man kann mit ihm schmusen und ihm etwas in seine Schlappohren fluestern. 10 Jahre hat es fast gedauert, bis die psychischen Störungen verschwunden waren, u.a.Hospitalismus- Auswirkungen durch Heimauffenthalte von Baby- Alter an bis 10 Jahre. Wir waren als Pflegeeltern sehr gefordert und sind jetzt sehr froh über seine Entwicklung.

  • Antwort von R.S., Freitag, 31.März, 09:08 Uhr

    @ Atze
    Viel Glück weiterhin bei ihrer schwierigen Aufgabe.