Bayern 2 - Notizbuch


29

Basislager Kinderzimmer Ordnung halten oder wohlfühlen dürfen?

Das eigene Zimmer von Kindern und Jugendlichen - für viele Eltern ist es oft ein Ort, um den es Streit gibt: Dürfen Mama oder Papa reinkommen? Wieviel Ordnung muss sein? Familientherapeut Ulrich Wiltschko hat im Notizbuch Ihre Fragen beantwortet.

Stand: 06.10.2015

Ein unaufgeräumtes Kinderzimmer | Bild: picture-alliance/dpa

Kinder unter zehn Jahren: Gemeinsam aufräumen

Die achtjährige Prinzessin sitzt in ihrem Reich ...

... mitten im Chaos zwischen Teddybären, Bauklötzchen und getragenen Socken. Alle Wünsche und Bitten wie "Räumst Du das mal weg?" prallen völlig an ihr ab. Aufräumen? Wozu? Wenn es der Großmutter Spaß macht, dann soll sie das doch machen und vielleicht hilft die Prinzessin dann auch mit. Wenn die Großmutter schimpft und laut wird, versteht die Achtjährige das nicht so recht: Eigentlich ist doch alles in Ordnung...

Erziehungsexperte Ulrich Wiltschko attestiert, dass dies ein ganz normales, altersgemäßes Verhalten sei. Kinder unter zehn Jahren könnten meist noch nicht alleine ein ganzes Zimmer aufräumen. Sie brauchen Anleitung: Was bedeutet Aufräumen überhaupt? Was mache ich mit der Socke, die da in der Ecke liegt und wo kommt sie eigentlich hin?

"Ich habe das Gefühl, das achtjährige Mädchen macht das ganz gut. Gemeinsam mit der Großmutter räumt sie das Kinderzimmer auf, es gibt keine großen Scherereien oder Zerwürfnisse. Es ist halt ein bisschen mühsam, man muss zu jedem roten Socken sagen: schau, da ist der andere rote Socken. Das ist altersgemäß."

Ulrich Wiltschko, Familientherapeut

Übers Aufräumen miteinander in Kontakt kommen

Damit Kinder Struktur und Ordnung lernen, rät der Familientherapeuth, dass die Erwachsenen gemeinsam mit dem Kind aufräumen sollen und nicht etwa, wenn das Kind gar nicht da ist, weil es dann schneller geht. Übers Aufräumen können Sie mit Ihrem Kind in Kontakt kommen, es kann sogar Spaß machen, empfiehlt Ulrich Wiltschko. Lassen Sie Ihre Kinder selbst entscheiden, was sie wegwerfen wollen. Manchmal hängen Kinder sehr an alten Spielsachen, auch wenn sie nicht mehr damit spielen. Bleiben Sie respektvoll und gehen Sie mit Geduld und Humor ans Aufräumen, auch wenn es mühsam ist. Erwarten Sie keine perfekt aufgeräumten Kinderzimmer, sondern achten Sie lieber darauf, dass die Beziehung zu Ihren Kindern gut bleibt.

Familientherapeut Ulrich Wiltschko: Kinderzimmer als Basislager

Familientherapeut Ulrich Wiltschko ist Gründer des Vereins "Neue Wege", der Jugendlichen dabei hilft, auf eigenen Füßen zu stehen. Der Volksschullehrer und Psychologe arbeitete zwölf Jahre in einer Ehe-, Familien und Sexualberatungsstelle, bevor er den Verein gründete.

Für Ulrich Wiltschko ist das Kinderzimmer wie ein Basislager, das zunächst ein Rückzugsort ist. Wenn man dort gut genährt ist und es warm hat, dann kann man den Elementen draußen standhalten und von dort aus sogar den Mount Everest besteigen. Natürlich braucht das Basislager aber auch Strukturen: Wenn der Ofen aus ist, weil kein Holz da ist, und außerdem die Bettwäsche verdreckt und durchlöchert ist, dann wird Sie Ihr Basislager auch nicht mehr wärmen.

Kinder in der Pubertät: Chaos im Basislager zulassen

Heranwachsende leben oft in ihrem Kokon ...

... sie spinnen sich ein in ihrer Welt und machen immer öfter die Tür zu. Einen Vorteil mag das ja haben: Eltern sehen das Chaos im Kinderzimmer nicht mehr. Das nimmt bei Teenager manchmal zu und die Bereitschaft, darüber zu diskutieren, ab. Zwischen abgegessenen Tellern, getragenen Klamotten und Apfelbutzen werden die Hausaufgaben gemacht oder auch nicht. Wie ist das möglich, da doch die Eltern so sehr auf Ordnung achten?

Dauerstreit ums Aufräumen

Als besonders belastend empfinden es viele Eltern, wenn sie sehr oft mit ihren Kindern über das Aufräumen und Sauberhalten streiten, viel gemeinsame kostbare Zeit geht dabei verloren. Ulrich Wiltschko rät, in der Familie gemeinsam Regeln auszuhandeln. Je früher man anfängt mit der Autonomie, aber auch mit der Struktur im Kinderzimmer, desto besser klappt es dann auch in der Pubertät. Es ist gut, wenn Eltern sich vergegenwärtigen, dass es beim Thema Ordnung oft um Bindung geht. Manchmal lohnt es sich zu überlegen: Will ich eine saubere Wohnung haben oder eine gute Beziehung zu den Kindern?

"Auch beim Thema Ordnung gilt die 80:20-Regel. 80 Prozent sind schon genug. Die Kinder müssen jetzt nicht jeden Fussel aufräumen. Ich finde die Beziehung zwischen Eltern und Kinder wichtiger als die Ordnung in der Familie."

Ulrich Wiltschko, Familientherapeut

Besonders bei Heranwachsenden sollten die Eltern Verständnis haben, denn dass das kreative Chaos im Kinderzimmer zunimmt, liegt oft daran, dass die Pubertierenden sich mit ganz anderen, wichtigen Themen auseinandersetzen müssen, "dass ein schmutziger Socken wirklich nicht dazugehört", so Wiltschko.

Gemeinsam Regeln aushandeln

Wählen Sie einen ruhigen Zeitpunkt, um mit Ihren Kindern gemeinsam über das Thema Ordnung zu verhandeln. Vermeiden Sie es, in einer Situation, in der die Gemüter erhitzt sind, darüber zu reden. Vermeiden Sie es zu sagen: "Was macht der Socken hier im Wohnzimmer?" oder "Du hast schon wieder..." Sprechen Sie über die Bedürfnisse aller Familienmitglieder. Wie stellt sich wer Ordnung vor? Vielleicht darf im Kinderzimmer eine andere Art von Ordnung herrschen als in den Räumen, die von allen genutzt werden. Handeln Sie Regeln aus und seien Sie kompromissbereit, auch wenn Sie vielleicht von Ihrer Idealvorstellung von Ordnung abweichen müssen, das rät der Erziehungsexperte.

Erwachsene Kinder: Zeit, selbstständig zu werden

Geschafft: Die Kinder sind endlich volljährig!

Jetzt dürfte das ja klappen mit dem Aufräumen und Wäschewaschen.... Denkste! Immer noch prallen alle Appelle an dem 18-Jährigen ab, auch Reden hilft nichts. Am Ende gibt die Mutter auf, wäscht eben doch die Wäsche für den Sohn, der gerade eine Lehre macht, denn das Kind kann ja nicht mit dreckiger und stinkender Wäsche das Haus verlassen, das geht doch nicht. Wieso eigentlich nicht?, fragt Erziehungsexperte Ulrich Wiltschko. So langsam sind die Kinder alt genug, um die Konsequenzen ihres Tuns zu übernehmen.

Anleiten ja, handeln nein

Einen Achtzehnjährigen darf man dennoch liebevoll begleiten, auch ein Volljähriger muss noch nicht alles können, meint Ulrich Wiltschko. Leiten Sie ihn zum Beispiel an, wie Wäsche waschen geht, aber überlassen Sie es ihm, ob er es tut oder nicht. Haben Sie einen langen Atem, er wird erstaunt sein über Ihre Konsequenz. Wenn er mit dreckiger Wäsche aus dem Haus muss, so wird er schon sehen, was dann passiert.

"Türe zu" muss manchmal sein

Jugendliche erleben eine Zeit der Verpuppung, bevor sie zu Schmetterlingen werden. Im Jugendalter brauchen sie ihren Kokon, ihren Rückzugsort noch viel mehr. Ich denke da immer an Dornröschen im Märchen, das sich hinter der Dornenhecke verkriecht und erst nach hundert Jahren - mit einem Prinzen - wieder herauskommt. Das Kinderzimmer ist wie ein Symbol für die Beziehung und den Ton, der im Haus herrscht. Hier erkennt man den Erziehungsstil, aber auch, wie respektvoll mit Kindern umgegangen wird, wie sehr das Kinderzimmer als Rückzugsort akzeptiert wird.

Einschreiten bei Gefahr

Das bedeutet allerdings nicht, dass Sie Ihr Kind völlig sorglos sich selbst überlassen sollten. Begleiten und beobachten Sie es weiter respektvoll und schreiten Sie ein, wenn es sich in Gefahr bringt: wenn beispielsweise die Gesundheit durch Schimmelbildung im Zimmer gefährdet ist, Ihr Kind Drogen nimmt, Waffen besitzt oder vom Computerspielen so absorbiert ist, dass es sich nicht mehr um sein Leben kümmert. Bleiben Sie in Kontakt mit Ihrem Kind, lassen sie es selbstständig sein, aber bewahren sie es auch vor Gefahren, rät Familientheraupeut Ulrich Wiltschko.


29