Bayern 2 - Notizbuch


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"Möchtest Du auch?" Kann man Kindern das Teilen beibringen?

"Geben ist seliger denn nehmen", sagt schon die Bibel. Doch woher sollen Kinder das wissen? Man muss es ihnen im Alltag vorleben. Wie das am Besten geht? Unser Experte Ulrich Wiltschko hat Ihre Fragen beantwortet.

Von: Ulrike Hagen

Stand: 03.11.2015

Zwei kleine Jungs stehen im Freibad und der eine lässt den anderen an seinem Eis am Stil schlecken | Bild: colourbox.com

Ein altes deutsches Sprichwort besagt: "Geiz ist die größte Armut." Das ist sicherlich sehr weise und auch wahr, doch wie sollen Kinder das verstehen? Wie können wir ihnen beibringen, dass es im Leben wichtig ist, auch mal zu teilen? Der Familientherapeut Ulrich Wiltschko hat im Notizbuch erklärt, wie Kinder das Teilen am besten lernen können.

Ich und Du, Müllers Kuh, Müllers Esel, das bist Du.

Situation 1: Ein Kind nimmt sich im Sandkasten einfach das Schäufelchen eines anderen. Das Kind will sein Schäufelchen aber partout nicht hergeben.

Das steckt dahinter: Familientherapeut Ulrich Wiltschko erklärt...

Kinder lernen erst im Alter von etwa zwei Jahren zwischen Ich und Du zu unterscheiden. Und das Schäufelchen, das sie sehen, gehört genauso zu ihrem Ich wie ihre Mutter oder der Vater - insofern ist es ziemlich bedrohlich für sie, wenn sie ein Stück davon hergeben sollen. Das Schäufelchen ist eine Art Ich-Verlängerung in die Welt hinein, ein Stückchen vom eigenen Ich, das man nicht so leicht loslässt. Erst wenn sich ein Kind im Spiegel erkennt, dann lernt es zwischen Du und Ich zu unterscheiden. Dann spricht es auch nicht mehr von sich in der dritten Person. Das sind die Anfänge von mein und dein.

Das kann man tun: Kinder sind in diesem Alter noch schnell abzulenken und für eine andere Sache zu interessieren. So könnte man diese Situation vielleicht entschärfen, indem man das Interesse des Kindes auf etwas anderes lenkt - etwa auf die schönen bunten Förmchen im Sandkasten. Um den Kindern dann nach und nach das Teilen beizubringen, sollten sie gelobt werden, wenn sie es schaffen, etwas herzugeben. Wenn das Kind also der Mutter oder der Schwester etwas von ihrer Schokolade abgibt, kann man ruhig mal Beifall spenden.

"Lob und Bestärkung für gutes Verhalten helfen, den Kindern etwas beizubringen. Härte und Schimpfen haben nicht so eine gute Wirkung."

Ulrich Wiltschko

Eifersucht unter Geschwistern

Situation 2: Geschwisterliebe kann ganz schön fies sein.  Der fünfjährige Sohn reißt seiner kleinen Schwester einfach die Gummibärchen aus der Hand und lässt diese schnell im Mund verschwinden. Sein Buch darf die kleine Schwester auch nicht in die Hand nehmen und mit dem neuen Feuerwehrauto spielen, das ist ihr sogar strengstens untersagt.  Wie können die Eltern dem großen Bruder das Teilen beibringen?

Das steckt dahinter: Familientherapeut Ulrich Wiltschko erklärt...

Der Erstgeborene hatte seine Eltern lange Zeit für sich alleine. Und plötzlich war er nur noch zweiter. Alle schauten verzückt in den Kinderwagen, in dem das süße, kleine Geschwisterchen liegt. Das verkraften viele Erstgeborene nur sehr schwer. Der ältere Bruder hat das Gefühl: „Mir ist etwas weggenommen worden. Ich muss jetzt mein Leben mit einem anderen Kind teilen.“

Das kostet Nerven: Wenn Kinder nicht teilen können

Das kann man tun: Am Besten sollte man das ältere Geschwisterchen schon in der Schwangerschaft  auf das neue Familienmitglied vorbereiten. Es ist wichtig, darüber zu sprechen. Man könnte sogar eine Puppe einführen, mit der das Kind spielen kann, schlägt der Experte Ulrich Wiltschko vor. So kann sich das ältere Geschwisterchen auf das Baby vorbereiten. Wenn das zweite Kind dann da ist und die Eifersucht des älteren Kindes wächst, bleibt den Eltern nichts anderes übrig als mit möglichst viel Geduld und Gelassenheit darauf zu reagieren. Wichtig ist, zu loben, wenn die Geschwister etwas teilen und immer wieder an die Empathie des älteren Kindes zu appellieren. Empathie bedeutet: Man kann sich in das Gegenüber hineinversetzen. Das Kind erkennt also, dass es schön ist, wenn jemand anderes etwas mit ihm teilt und dass sich andere freuen, wenn man ihnen etwas abgibt. Wenn das Teilen absolut nicht klappen will, können es die Eltern zunächst mit dem Ausleihen von Dingen probieren. Ausleihen ist quasi die Vorstufe des Hergebens.  Das fällt den Kindern mitunter leichter, weil sie wissen, dass sie ihre Spielsachen nach einer gewissen Zeit wieder bekommen.

Teilen lernen: 2 Kinder und ein Stück Kuchen

Situation 3: In vielen Familien klappt das Geben und Nehmen ganz gut. Nur an einem Punkt ist Schluss mit lustig: beim Essen! Wenn der große Teller mit dem Braten auf den Tisch kommt, geht das Gabel-Gestochere  los. Jeder will das größte und beste Stück. Auch ältere Kinder haben da noch Schwierigkeiten zurückzustecken. Ist das normal und wie können sich Eltern in der Situation verhalten?

"Essen ist ein archaisches Bedürfnis. Der Futterneid in den Familien ist oft erstaunlich. Das muss man mit einem gewissen Humor nehmen."

Ulrich Wiltschko

Das kann man tun: Kinder lernen durch Nachahmung. Wenn die Eltern also etwas von ihrem Schnitzel abgeben und nicht immer auf das größte Stück Fleisch spechten, schaffen es die Kinder auch leichter, zu teilen.  Das Vorbild der Eltern ist somit immens wichtig. Eine Möglichkeit das Teilen zu üben ist folgende: Nehmen wir an, es gibt noch ein größeres Stück Kuchen, das sich zwei Kinder teilen sollen. Das eine Kind teilt schließlich den Kuchen in zwei Stücke, das andere darf sich als erstes ein Stück davon aussuchen. Das ist eine gute Methode um den Konflikt zu entschärfen. Die Methode ist nach Meinung des Psychologen Ulrich Wiltschko auch deswegen sinnvoll, weil sie sehr demokratisch ist. Die Kinder entscheiden selbst, wer welche Rolle übernimmt.

Arbeitsteilung - auch eine Form des Teilens

Situation 4: Brot kaufen, Wäsche aufhängen, abtrocknen: Der Haushalt macht sich bekanntlich nicht von selbst. Viele Eltern haben das Gefühl, unendlich viel in den Haushalt mit ihren Kindern hineinzubuttern ohne etwas dafür zurückzubekommen und fühlen sich dadurch ausgenutzt. Wie können sie ihre Kinder ermutigen mitzuhelfen?

Das steckt dahinter: Familientherapeut Ulrich Wiltschko erklärt...

Natürlich kann man jungen Menschen mit 18, 19 oder 20 Jahren zumuten, dass sie einkaufen gehen oder auch etwas kochen oder ihre Wäsche selbst waschen. Eltern dürfen sich aber auch die Frage stellen, ob sie einen solchen Konflikt auf Biegen und Brechen ausfechten wollen, oder lieber mit großzügigem Herzen darauf schauen.

Das kann man tun: Man darf authentisch sein und auch mal energisch eine Mithilfe oder eine Beteiligung am gemeinsamen Haushaltsgeschehen einfordern. Nicht immer lässt sich in der Familie aber alles eins zu eins aufwiegen. Vielleicht trägt der Jugendliche ja durch etwas ganz anderes zur Gemeinschaft bei, indem er Musik macht oder das Auto zum Reifenwechsel bringt. Und wer weiß, was er für die Eltern tun wird, wenn sie alt geworden sind und seine Hilfe und Unterstützung benötigen.

Geben und Nehmen, eine gesellschaftliche Norm

Beim "Geben und Nehmen" gibt es verschiedene Rollen: Da ist derjenige, der gibt und der, der annimmt und dem anderen zu Dank verpflichtet ist. Der ist dann aufgerufen, sich dankbar zu zeigen - mit einem anderen Geschenk, einer guten Freundschaft oder einer sonstigen Gegenleistung. Aber wie ausgeglichen, muss das Geben und Nehmen sein? Da stellt sich nach Ansicht von Ulrich Wiltschko immer auch die Frage, in welchem zeitlichen Rahmen sehen wir uns den Austausch an? Grundsätzlich ist eine Ausgeglichenheit wichtig: Geschenke und Gaben stabilisieren Beziehungen zwischen Menschen. Bei symmetrischen Beziehungen zwischen Partnern oder Geschwistern ist der Austausch gleichwertig, bei asymetrischen Beziehungen wie zwischen jungen Kindern und Eltern oder erwachsenen Kindern und ihren hilfsbedürftigen alten Eltern ist die Situation natürlich eine einseitige. Es gibt übrigens auch bei Affen ein grundlegendes soziales Verhalten! Es ist sinnvoll, das früh zu lernen …

Familientherapeut Ulrich Wiltschko

Familientherapeut Ulrich Wiltschko ist Gründer des Vereins "Neue Wege", der Jugendlichen dabei hilft, auf eigenen Füßen zu stehen. Der Volksschullehrer und Psychologe arbeitete zwölf Jahre in einer Ehe-, Familien und Sexualberatungsstelle, bevor er den Verein gründete.


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