Bayern 2 - Notizbuch


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Netznotizen Digitale Trauer im Netz

Ein Mann feuert in Las Vegas mehrere Minuten in eine Menschenmenge. In den sozialen Medien: Bilder von Flüchtenden und auf den Boden liegenden Menschen. Und getrauert wird nicht nur vor Ort, sondern auch im Netz. Auf ganz andere Weise.

Stand: 06.10.2017

Finger drückt auf Ende Taste | Bild: picture-alliance/dpa

58 Menschen starben beim Massaker in Las Vegas, die Hintergründe sind noch immer unklar. Neben der Frage nach den Motiven des Schützen, wird in den sozialen Medien insbesondere ein Thema diskutiert: die US-Waffengesetze. Anstoß dafür gab unter anderen der Tweet des Musikers Caleb Keeter, der selbst auf dem Country-Festival in Las Vegas gespielt hatte.

"Ich bin mein ganzes Leben lang ein Befürworter des 'Second Amendment' gewesen, bis letzte Nacht. Ich kann nicht ausdrücken, wie falsch ich lag. Wir brauchen schärfere Waffengesetze. Sofort."

Caleb Keeter, Musikers

Mittlerweile haben mehr als 100.000 Menschen den Tweet geliked, mehrere tausend Menschen haben dem Musiker geantwortet. Im Moment der Trauer ist das Netz also nicht ruhig und andächtig. Ganz im Gegenteil: Es ist laut, aufgekratzt und hochpolitisch. Digitale Trauer scheint nach anderen Mechanismen zu funktionieren als in der analogen Welt. Sie liegt weniger im Rückzug, sondern mehr im Gespräch.

Im Netz noch lebendig

Mit der Digitalisierung ändert sich aber nicht nur die Form zu trauern, sie schafft auch neue Räume, in denen getrauert werden kann. Auf Facebook zum Beispiel: Hier gibt es etwa 30 Millionen Profile von Toten. Betrachtet man etwa den Account des US-Rockmusikers Tom Petty, der in dieser Woche nach einem Herzinfarkt verstarb, dann sieht man als erstes ein Schwarz-Weiss-Foto des Musikers auf dem Geburts- und Sterbedatum stehen. Ansonsten blickt man auf die Seite eines Lebendigen. Es gibt ein Video, in dem er über seine neue Tour spricht, man findet eine Liste mit den kommenden Tourdaten. Die letzte Nachricht ist die offizielle Todesnachricht. Manchmal liegen Leben und Tod doch ziemlich nahe beieinander.

Neue Räume für Trauer

Eine Homepage oder ein Account der Social Media Kanäle kann Trauernden so ein Forum bieten, um sich auszutauschen. Sie können ein Ort des Gedenkens werden, der leichter zu erreichen ist, als ein Friedhof. Zumindest wenn die Seiten der Verstorbenen noch sichtbar sind. Damit ein solcher digitaler Ort derTrauer eingerichtet werden kann, muss der Verstorbene auf Facebook einen Nachlasskontakt benennen.

Digitaler Nachlassverwalter

Diese Person, die den digitalen Nachlass verwaltet, darf Bilder aktualisieren, Beiträge erstellen oder eben das Profil löschen. Gibt es keinen digitalen Nachlassverwalter und kennt niemand das richtige Passwort für den Facebook-Account, ist es für Angehörige kaum möglich, Zugriff zu bekommen. Denn Facebook muss das Konto nicht freigeben. Wer seinen Angehörigen also einige Mühen ersparen möchte, der sollte ein paar bürokratische Hürden schon zu Lebzeiten abgebaut haben - das gilt in der analogen und digitalen Welt gleichermaßen.


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