Bayern 2 - Notizbuch


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Contergan-Geschädigte "Im Alter wird's schlimmer"

Vor 60 Jahren brachte die Firma Grünenthal das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan auf den deutschen Markt. Es wurde als unproblematisch und frei von Nebenwirkungen angepriesen. Doch das Gegenteil war der Fall. Das Notizbuch-Freitagsforum fragt, wie es den Geschädigten heute geht.

Stand: 28.09.2017

Vor allem für schwangere Mütter und deren ungeborene Kinder waren die Auswirkungen von Contergan fatal. Inzwischen sind die Geschädigten über 50 Jahre alt. Sie mussten wegen ihrer Behinderung bei vielen Alltagsdingen - ob Schuhe binden, Zähne putzen oder kochen - improvisieren und erfinderisch sein. Die gesundheitlichen Folgen der oft akrobatischen Kompensationsleistungen zeigen sich jetzt: Rückenprobleme oder ein kaputtes Gebiss sind keine Seltenheit.

Sind Pauschalzahlungen an Contergan-Geschädigte gerecht?

Die staatliche Unterstützung der Contergan-Geschädigten soll nun grundlegend geändert werden, indem die komplizierte Prüfung der Einzelfälle wegfällt. Aber sind pauschale Zahlungen nach dem Gießkannenprinzip wirklich besser und gerechter?

Zu Gast bei Sybille Giel

Georg Löwenhauser, Lily Eben und Sybille Giel.

Georg Löwenhauser, Jahrgang '61. Informatiker und erster Vorsitzende des Bundesverbandes der Contergan-Geschädigten

Lilli Eben, ebenfalls Jahrgang '61. Künstlerin und aktiv beim Contergan-Netzwerk.

Thema Eltern und Schuldgefühle

Notizbuch: Haben Sie mit ihren Eltern mal darüber gesprochen, wie es für sie war, als Sie geboren worden sind?

Lilli Eben, Jahrgang 1961, ist Künstlerin und aktiv beim Contergan-Netzwerk.

Lilli Eben: Ich habe mit meiner Mutter kurz nach der Geburt meines Sohnes darüber gesprochen. Da kam heraus, dass sie Schuldgefühle ohne Ende hat. Obwohl wir vorher schon mal kurz darüber gesprochen hatten und ich ihr gesagt habe, dass ich ihr niemals einen Vorwurf machen würde. Ganz ehlich. Ich habe ihr nur gesagt, dass ich gerne schön früher und öfter mit ihr darüber gesprochen hätte - gerade in der Pubertät. Nur mit meinen Vater gab es gar keine Gespräche. Er hatte riesige Probleme damit. Ihm war es richtig peinlich. Meine Eltern haben sich dann auch scheiden lassen als ich 13 war.

Georg Löwenhauser: Wir haben nicht sehr viel darüber gesprochen. Ich bin mir aber sicher, dass sie auch Schuldgefühle hatten. Natürlich. Aber sie haben alles getan, was sie konnten, um mich als selbstständigen Menschen zu erziehen. Und sie haben sich auch viel für andere eingesetzt. Mein Vater war lange im bayerischen Landesverband tätig.

Thema Unterstützung

Notizbuch: Was kriegen Sie konkret für Unterstützung im Leben? Im Topf der Contergan-Stiftung sind 30 Mio. Euro pro Jahr drin. Und es gibt ja gar nicht so viele Contergan-Geschädigte in Deutschland.

Georg Löwenhauser: Das ist richtig. Aber bisher ist es ja so, dass wir jede einzelne Leistung bei der Contergan-Stiftung beantragen müssen. Und das Verfahren ist sehr sehr langwierig. Laut Gesetz - und das verstehe ich auch - soll die Stiftung erst tätig werden, wenn kein anderer zahlt, also nachrangig. Aber der ganze Vorgang dauert dann eben oft ziemlich lange.

Lilli Eben: Ich brauchte mal ein Hilfmittel für die Küche, einen Zerhäcksler, weil ich selber mein Gemüse nicht mehr schneiden kann. Also suchte ich mir einen Zerhäcksler, den ich bedienen kann. Dann bekam ich einen Kostenvoranschlag. Dann ging ich zu meinem Orthopäden, der mir die Küchenmaschine verschreiben musste. Der hat natürlich geschaut. Dann ging das alles zur Krankenkasse. Die lehnte das natürlich ab, aber das dauerte auch erstmal ziemlich lange. Dann konnte ich erst zur Stiftung gehen. Und dann sagte die Stiftung auch noch: Ja, so eine Küchenmaschine brauchen andere Leute ja auch... Und dann habe ich am Ende den Zerhäcksler nicht bekommen.

Notizbuch: Was würden Sie sagen, wie viel Prozent von den Behandlungen und Dingen, die Ihnen wohltuen, kriegen Sie bezahlt und wie viel zahlen Sie selbst?

Georg Löwenhauser: Das kommt bei jedem einzelnen darauf an, wie gut er noch in der Lage ist Anträge zu stellen und wie viel Ruhe und Nerven er auch hat, nach 45 Jahren noch immer noch Anträge zu stellen und immer wieder als Bittsteller aufzutreten. Das ist für viele mittlerweile ein richtige Problem.

Notizbuch: Jetzt sollen die Hilfsgelder pauschaliert werden. Das soll sie davor schützen, unentwegs Anträge stellen zu müssen. Ist das der richtige Weg?

Georg Löwenhauser, Jahrgang 1961, ist Informatiker und der erste Vorsitzende des Bundesverbandes der Contergan-Geschädigten.

Georg Löwenhauser: Wir sind mit jedem Weg glücklich, der den vorhandenen Topf an alle Geschädigten auszahlt. Im Moment werden gerade einmal zehn Prozent dieser 30 Mio. Euro ausgezahlt. Weil es einfach so kompliziert ist: Jeder Fall ist eine Einzelfallentscheidung. Und ob das genehmigt wird oder nicht, hängt auch ein bisschen davon ab, welche Wortwahl ich in meinem Antrag drin habe. Und die Entscheidung der Stiftung ist - weil es ja eine Einzelfallentsheidung ist - auch nicht immer transparent. Deswegen ist so eine Pauschalisierung mit Sicherheit sinnvoll. Denn dann kommen die Gelder sicher bei de Geschädigten an.

Lilli Eben: Ich möchte auch mit 55 Jahren nicht mehr erklären müssen, warum das jetzt für mich ein Hilfmittel ist. Ich würde mir wünschen, dass ich einen Pauschalbetrag habe und damit einfach das kaufen kann, was ich brauche und was ich will. Und auch einfach auf Kur gehen kann.

Thema Lebensgefühl

Notizbuch: Was können Sie besser als Menschen mit langen Armen?

Georg Löwenhauser: Gute Laune haben! Das überrascht mich immer wieder, egal, welche Schicksale ich sehe bei anderen Contergan-Geschädigten: Die meisten sind nach wie vor Leute, die wahnsinnig viel Freude am Leben haben, die ganz offen auf andere Leute zugehen - und die sich auch um andere Leute kümmern.

Lilli Eben: Ja. Ich bin froh, dass ich so viel Humor habe und ich lache auch sehr gerne.


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