Bayern 2 - Notizbuch


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Abholzung im Naturschutzgebiet Bialowieza Kampf um Europas letzten Urwald

Der Bialowieza-Wald im tiefen Nordosten Polens ist in Teilen seit Urzeiten unberührt. Er beherbergt zigtausende Tier- und Pflanzenarten, viele davon nur dort zu Hause, und einige Exemplare des europäischen Bisons, Wisent genannt. Als einer der letzten Urwälder Europas, wohl der einzige größere im Flachland, steht er unter dem Weltnaturerbe-Status der Unesco. Doch die polnische Regierung erlaubt seit einiger Zeit, dass dreimal mehr Holz einschlagen wird, als zuvor geplant war.

Von: Jan Pallokat, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 31.08.2017

Der Bialowieza-Urwald, polnisch Puszcza Bialowieska, erstreckt sich über 150.000 Hektar - ein Teil liegt auf der polnischen Seite, der andere in Weißrussland. Der Wald birgt nicht nur einen wertvollen alten Baumbestand, sondern ist auch Heimat von Europas größtem Landsäugetier, dem Wisent. Insgesamt leben hier 20.000 Species, unter ihnen 250 Vogel- und 62 Säugetierarten, zum Beispiel der Wisent - ein Wildrind und Europas größtes Landsäugetier.

Baumstümpfe im Bialowieza-Wald

Während auf weißrussischer Seite der gesamte Wald unter Schutz steht, gilt das auf polnischer Seite nur für Teile. Knapp 20 Prozent der Fläche sind im engeren Sinne Naturreservat. Hier wird auch weiterhin kein Holz geschlagen. Weitere Teile der Bialowieza gehören zu unterschiedlichen Schutzzonen. Ein Teil wird seit jeher auch wirtschaftlich genutzt. Nur eine Fläche von hundert Quadratkilometern gilt jetzt noch als besonders geschützter Nationalpark. Umweltschützer sehen deshalb den Wald als Ganzes in Gefahr.

Wirtschaftswald oder Weltnaturerbe? Eine Frage der Sichtweise

Der Bialowieza-Wald gilt als der letzte große Urwald Europas

Der Wald von Bialowieza zählt nicht nur zum Weltnaturerbe und Biosphärenreservat der Unesco. Auch als ausgewiesenes "Natura 2000"-Gebiet gelten hier besondere Regeln. "Natura 2000"-Flächen bilden ein zusammenhängendes Netz von Schutzgebieten, um einen länderübergreifenden Schutz für gefährdete wildlebende Pflanzen und Tiere und ihrer Lebensräume zu gewährleisten.

Bialowieza gehört zum grenzüberschreitenden Schutzprogramm "Natura 2000". Polen ist demnach vertraglich verpflichtet, bestimmte Regeln einzuhalten. Die EU-Kommission hat Polen deshalb verklagt. Der Europäische Gerichtshof erließ im Juli eine einstweile Anordnung, die Baumarbeiten bis zum endgültigen Urteil einzustellen, was Polen aber nicht aufhält, weiter zu fällen.

Der Streit darüber, wie weit die Waldnutzung gehen sollte, schwelt schon seit den 1990er Jahren. Nachdem in den Nuller-Jahren der Naturschutzgedanke die Oberhand hatte und die Schutzflächen ausgeweitet wurden, geht die nationalkonservative PIS-Regierung nun wieder den entgegengesetzten Weg. Sie erlaubt, dreimal mehr Holz einzuschlagen, als zuvor geplant war. Bialowieza sei ein Wirtschaftswald, den man nutzen und gestalten sollte, heißt es.

EU-Mitglied Polen ignoriert Anordnung des Europäischen Gerichtshofs

Die staatliche polnische Forstverwaltung betont zudem, Nichtstun sei eine Gefahr für den Wald, denn der Borkenkäfer sei derzeit auf dem Vormarsch. Der Käfer befällt vor allem Fichten. Umweltschützer argumentieren dagegen, dass es den Borkenkäfer seit Jahrtausenden im Wald gibt. Er sei ein natürliches Element des Ökosystems und nützlich beim Umbau des Waldbestands. Weil Bialowieza ein Mischwald sei, füllten andere Bäume die Lücken, die der Käfer reiße.

Notizbuch | Hörtipp!

Wie geht's dem deutschen Wald? - Gespräch mit dem Waldexperten Rudolf Fenner von Robin Wood im Notizbuch am 31.08.17

Seit Jahrhunderten wird auch der deutsche Wald zu Wirtschaftszwecken sozusagen "ausgebeutet". Doch die Fichte, der "Brotbaum" der Waldbauern, kommt mit dem Klimawandel überhaupt nicht zurecht. Zu heiß, zu trocken, Windwurf, den Rest erledigt der Borkenkäfer. Ohne einen naturnahen Mischwald wird es in Zukunft wohl nicht gehen. Doch die robusten Buchen und Eichen, die einst für den Mythos des deutschen Waldes standen, muss man heute in vielen Regionen mit der Lupe suchen.


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