Obdachlos in München Auf der Straße gelandet
Die Situation in München hat sich wieder verschärft: Die Plätze in den Notquartieren für Obdachlose sind überfüllt. Vor allem die Zahl wohnungsloser Frauen und Jugendlicher ist in den letzten Jahren gestiegen.
Mehr als 2.000 Menschen übernachten in den völlig überfüllten Notunterkünften in München. Das sind 400 mehr als noch vor zwei Jahren. Die Gründe sind vielfältig: Das wegbrechende Sozialsystem, Arbeitslosigkeit, Schulden, Suchtprobleme. Unterschätzt wurde bisher, dass sich hinter der Wohnungslosigkeit oft psychische Krankheiten wie Depressionen oder Schizophrenie verbergen. Viele Betroffene sind isoliert und fallen dann leicht durch alle sozialen Netze. Es fehlt ihnen nicht nur an warmem Essen und frischer Kleidung, sondern auch an menschlicher Fürsorge, sagt die Allgemeinmedizinerin Barbara Peters-Steinwachs, die sich in einer mobilen Arztpraxis um Obdachlose kümmert: "Wir sind für manche Patienten ein Familienersatz. Deshalb kommen sie mit jedem Problemchen oder auch mit erfreulichen Nachrichten."
Immer mehr wohnungslose Frauen
Die Armut hat in Deutschland in den letzten Jahren messbar zugenommen. Vor allem Frauen sind davon betroffen. Die Zahl derer, die bis in die Wohnungslosigkeit abrutschen, nimmt zu, auch in einer reichen Stadt wie München. Isabel Schmidhuber, die Leiterin des Frauenobdachs "Karla 51" sagt: "Etliche Jahre lang gingen die Zahlen sukzessive nach unten, aber jetzt steigen sie wieder an." Mittlerweile seien in einigen Altersgruppen unter den Wohnungslosen 30 Prozent Frauen. Die Wartelisten für die Notunterkunft "Karla 51" sind lang. Sozialpädagogin Schmidhuber glaubt, dass das auch an der angespannten Wohnungssituation in München liegt: Allein in den letzten beiden Jahren sind in der Landeshauptstadt tausende von Sozialwohnungen weggefallen. Die Stadt München hat es lange versäumt, für Nachschub zu sorgen.
"Ich hätte nie gedacht, dass ich in diese Situation hier kommen würde, dass ich alles verliere. Was ich erlebt habe, ist hinter mir, aber was kommt morgen? Ich weiß es nicht. Du kannst in ein paar Minuten nichts mehr haben. Das kann jedem passieren."
Renata, Bewohnerin der Notunterkunft Karla 51
Angebote für Obdachlose in München
Münchner Straßenambulanz
Die rollende Praxis fährt drei Mal pro Woche - montags, mittwochs und freitags - mit einem Arztmobil durch München, um Obdachlosen medizinische Hilfe anzubieten. Gemeinsam mit einem ehrenamtlichen Pfleger der Barmherzigen Brüder klappert die Allgemeinmedizinerin Barbara Peters-Steinwachs die Treffpunkte und Schlafplätze wohnungsloser Menschen ab, oft bis spät in die Nacht. Die Münchner Straßenambulanz gibt es schon seit 15 Jahren. In der mobilen Arztpraxis sieht es fast so aus wie in einem ganz normalen Sprechzimmer: Darin sind ein Tisch, zwei Stühle, eine Behandlungsliege. Die wohnungslosen Patienten bekommen Schmerztabletten, lassen Wunden versorgen - oder sie suchen einfach nur nach etwas Gesellschaft und unterhalten sich mit dem Mediziner-Team.
Notunterkunft Karla 51
Die Einrichtung des evangelischen Hilfswerks bietet Platz für 50 wohnungslose Frauen. Im Café von Karla 51 gibt es für einen Euro ein günstiges Frühstück mit Brot, Käse, Wurst, Marmelade und einem Ei. Schon lange seien es nicht mehr nur suchtkranke Frauen, die bei Karla 51 stranden, sagt die Leiterin der Einrichtung Isabel Schmidhuber. In den letzten Jahren kämen immer mehr Frauen mit ganz normalen Lebensläufen, Frauen aus der Mittelschicht: Ehemalige Krankenschwestern, Graphik-Designerinnen, Buchhalterinnen. Vor allem junge Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen und Alleinerziehende seien gefährdet, in die Wohnungslosigkeit abzurutschen. In der Unterkunft Karla 51 gibt es 40 Einzelzimmer für Frauen. Sie können auch ihre Kinder mitbringen.
Katholische Männerfürsorge
Im rosafarbenen Haus des katholischen Männerfürsorgevereins in der Knorrstraße wohnen 50 Männer. Alle sind aufgrund psychischer Probleme obdachlos geworden. Viele von ihnen haben lange isoliert auf der Straße gelebt, sind suchtkrank geworden. Es sind Männer, denen es schwer fällt, wieder im Strom mitzuschwimmen, mit anderen Menschen umzugehen. Aber im Haus in der Knorrstraße werden sie mit ihren Eigenheiten angenommen, sagt der Leiter des Hauses Christian Jäger: "Man muss die Leute erst einmal ankommen lassen und ihnen dann immer wieder die Hand reichen, Hilfen anbieten und dem Tag eine Struktur geben."
Psychisch krank und obdachlos
Etwa zwei Drittel der obdachlosen Frauen, die Zuflucht in der Unterkunft "Karla 51" finden, leiden unter einer psychischen Erkrankung. Den Zusammenhang zwischen psychischer Krankheit und Obdachlosigkeit hat die Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Münchner Klinikum Rechts der Isar untersucht. Seit einem Jahr arbeitet dort ein Team aus Sozialpädagogen und Psychiatern an der so genannten SEEWOLF-Studie. Bis Ende 2012 befragen die Wissenschaftler dafür rund 300 Obdachlose in den Münchner Notunterkünften.
"Diese Wohnungsloseneinrichtungen haben sich als Parallelpsychiatrie entwickelt, mit sehr viel Know-How und sehr großem psychosozialen Aufwand. Die Betreiber dieser Einrichtungen wollen auch wissen, ob sie eigentlich genügend Personal und genügend Geld haben, um diese sehr anspruchsvolle und wichtige Aufgabe erfüllen zu können. Und wir möchten auch untersuchen, ob der Schweregrad der psychischen Erkrankungen sich verändert hat."
Josef Bäuml, Leiter der SEEWOLF-Studie
Isolieren oder wegsperren?
Schon jetzt vermuten die Forscher, dass es in München künftig mehr spezialisierte Wohnheime geben muss, die eng mit psychiatrischen Diensten zusammenarbeiten, um wohnungslose Menschen, die etwa unter Schizophrenie oder Angststörungen leiden, dauerhaft aufzufangen. Dabei gehe es nicht darum, psychisch Kranke zu isolieren oder wegzusperren, sagt Josef Bäuml. Im Gegenteil: "Wir müssen einen Weg finden, um auch Schwerstkranke zu erreichen und ihnen ein Leben in Freiheit, unter menschenwürdigen Konditionen zu ermöglichen."

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