Kollektiver Blödsinn Eine Diskussion der Schwarmintelligenz
Etwas stimmt nicht mit unserem Bild von der Schwarmintelligenz. Einerseits gibt es die Furcht vor dem Verlust der individuellen Freiheit. Andererseits sammeln wir Beweise für die Wirkmächtigkeit der "Weisheit der Vielen".
Am 20. Januar 2008 moderierte Günther Jauch bei RTL die interaktive Live-Event-Show Die Weisheit der Vielen. In dieser Sendung sollte die Frage geklärt werden, ob ein einzelner Experte klüger ist als die Gesamtheit der Zuschauer.
Günther Jauch und die Intelligenz der Masse
Beim Publikumsjoker legen sich die Studiogäste mehrheitlich auf eine bestimmte Antwort fest und der Kandidat kann anschließend entscheiden, ob er der Einschätzung der "Masse" folgt. Interessanter Fact: In 91 Prozent der Fälle liegt das Publikum richtig. Auf der Grundlage dieser Zahl wollte Jauch herausfinden: "Sind die Schätzwerte, die viele Menschen auf einmal unabhängig abgeben, zuverlässiger als das Wissen eines Fachmanns?" Verschiedene Prominente wurden als Experten zu einem Themengebiet präsentiert und mussten aus diesem Gebiet Wissens- oder Schätzfragen beantworten. Am Ende der Sendung war das Ergebnis zwischen Experten und Zuschauern ausgeglichen.
Crowdsourcing, nicht Schwarmintelligenz
Doch wenn jemand in der Quizsendung an die Weisheit der Vielen appelliert, handelt es sich in aller Regel nicht um eine Form der Schwarmintelligenz, sondern um Crowdsourcing. Will sagen: Die richtige Antwort kommt nicht, weil die Vielen gemeinsam eine gute Lösung für ein Problem finden, sondern weil genügend Zuschauer daheim ein Lexikon zur Hand haben, oder weil sich unter Tausenden von Zuschauern ziemlich wahrscheinlich ein Spezialist für mehr oder weniger jedes Thema findet.
Schlauer durch Facebook?
Auch die so genannten Social Media stellen vor allem Kommunikation und vorhandenes Wissen zur Verfügung, bilden eine endlose Verkettung von Zitaten und Zitaten und Zitaten, eine gewaltige Blubberblase des immergleichen, das eben nicht schon deswegen wahrer, interessanter und praktikabler wird, bloß weil es in ungeheuren Mengen und an allen Orten gleich wieder auftaucht. Es geht in den Social Media also nicht so sehr um das Erzeugen und Kritisieren von Erkenntnissen. Mögen sich Science Fiction-Autoren seit Ewigkeiten mit der apokalyptischen Steigerung von Schwarmverhalten auseinandersetzen, mögen die Nerds in ihren Computerlaboratorien an selbstorganisierenden Steuer- und Kommunikationsprogrammen arbeiten – in der Mitte der Gesellschaft bleibt die Schwarmintelligenz ein simpel gestrickter Mythos, den es zu hinterfragen gilt.

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