Bayern 2 - Nachtstudio

Rappen lernen Die Kultur des Hip Hop

Es war die falsche Entscheidung: Ende der 1980er Jahre wurde Mark Greif Postpunk-Fan, schon damals ein Genre ohne große Zukunft. Hip Hop aber hat er ignoriert. Jetzt macht er diesen Fehler wieder gut und lernt rappen.

Autor: Mark Greif Stand: 20.01.2012
Der Schriftsteller und Essayist Mark Greif | Bild: Nelson Villarreal

Man muss dem Schicksal dankbar sein, wenn die Erfindung einer bedeutenden Kunstform in die eigene Lebensspanne fällt. Umso peinlicher ist es dann allerdings, wenn man sie nicht sofort versteht oder nicht angemessen würdigt, wenn man nicht von Anfang an von ihr begeistert oder gar ein richtiger Fan ist. Besonders beschämend wird die ganze Sache, wenn die Begeisterung für diese Kunst es einem ermöglicht hätte (und sei es nur in der eigenen Vorstellung), die Rassenschranken innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zu überwinden – zumindest so weit, wie ein Weißer, der sich dieser Grenze von der falschen Seite nähert, gehen kann, ohne sich selbst etwas vorzumachen.

Als Hip Hop im Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit auftauchte, war selbst mir als weißem Mittelklasse-Kind aus der Vorstadt klar, dass hier etwas Bedeutendes vor sich ging – obwohl ich im Radio und im Fernsehen so gut wie nichts mitbekam und von der schwarzen Community komplett abgeschnitten war. Auch ich wollte unbedingt Werte in dieses Phänomen hineinlesen, um es "realer" zu machen. Politische Werte, die eine Alternative zu Ronald Reagans grinsendem Kürbiskopf darstellten, den ich zur Zeit seiner Wiederwahl 1984 bereits aus den Abendnachrichten kannte und der mir bald wie die Fratze des Todes vorkam.

Materialismus als Hürde

Das größte Hindernis für politisierte weiße Mittelklasse-Teenager, die sich in den Neunzigern erstmals mit dem Hip Hop aus den schwarzen Gettos konfrontiert sahen, stellte das Materialismus-Problem dar – und das war denn doch eine Überraschung. Man muss sich an dieser Stelle noch einmal die ökonomische Geschichte der schwarzen Amerikaner im 20. Jahrhundert vor Augen führen. Im Zuge der Great Migration zwischen den Weltkriegen zogen sechs Millionen schwarzer Bürger in die großen Industriestädte im Nordosten, nach Chicago, Detroit und New York, oder nach Los Angeles. Ab ungefähr 1964, dem Jahr also, in dem die Bürgerrechtsbewegung mit dem Civil Rights Act ihren Durchbruch erzielte, wurden auch sie zu Opfern der rasanten Deindustrialisierung und den damit verbundenen Arbeitsplatzverlusten, welche die USA in den sechziger und siebziger Jahren erfassten. Nach der reinen neoliberalen Lehre konnten weder die Armut noch das Drogenproblem mit Sozialhilfe oder mit öffentlichen Leistungen bekämpft werden, die bislang vor allem über die Steuern der Reichen, die nun entlastet werden sollten, finanziert worden waren: Bildung, Arbeitsvermittlung, Investitionen in heruntergekommene Viertel.

Protest im Hip Hop

Die Strategie der Wahl im Umgang mit der benachteiligten schwarzen Bevölkerung, die in den Innenstädten vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten war, stellten in den Reagan-Bush-Jahren dagegen Polizeiterror und die Verbringung von immer mehr Menschen in die Gefängnisse dar. Soziologen gehen davon aus, dass die Arbeitslosigkeit unter jungen Afroamerikanern Mitte der achtziger Jahre über fünfzig Prozent lag; dazu kam, dass damals zu jedem gegebenen Zeitpunkt zehn Prozent aller jungen schwarzen Männer inhaftiert waren, so dass, statistisch gesehen, jeder dritte Schwarze einmal in seinem Leben im Gefängnis saß.

Was gerade in den erfolgreichsten und bedeutendsten Hip Hop-Stücken so gut wie nie zur Sprache kam, waren die Freuden und Visionen der Mittelklasse. Auch dass es so etwas geben könnte wie kollektiven sozialen Aufstieg, Eigentum, das der ganzen Gemeinschaft gehört, oder kleine, unabhängige schwarze oder multiethnische Unternehmen, spielte überhaupt keine Rolle. Es gab nur zwei Alternativen: entweder das individuelle Schicksal des elenden kleinen Gauners, der jederzeit von der Polizei verhaftet oder schikaniert werden konnte; oder aber das individuelle Schicksal des erfolgreichen Dealers oder Hip Hop-Stars, der es – zumindest vorübergehend – an die Spitze der Hierarchie der weißen Oberklasse schafft, deren Statussymbole er anerkennt und erobert hat.

Komplexe Lyrik statt einfache Paarreime

Was einem außerdem schnell auffällt, wenn man sich ein bisschen mit Hip Hop beschäftigt, ist, dass es sich dabei um eine viel komplexere lyrische Kunstform handelt als alles, was Rockmusiker in der Geschichte dieses Genres zuwege gebracht haben, und daran hat sich auch in den letzten zwanzig Jahren nichts geändert. Ich habe festgestellt, dass Weiße in meinem Alter, vor allem aber, wenn sie noch etwas älter sind, immer sofort in paarreimige Couplets verfallen, wie wir sie von Kinderliedern kennen, wenn sie zu rappen versuchen; doch das macht seit dem Ende der Old-School-Ära vor etwa zwanzig Jahren kein professioneller MC mehr. Mit modernem Hip Hop hat das in etwa so viel zu tun wie zeitgenössische Rockmusik mit den Bands aus der Zeit, in der es noch keine richtigen E-Gitarren ohne Resonanzkörper gab.

Lob der freien Sprache

Der Enthusiasmus für die amerikanische Demokratie fand dabei immer seine Entsprechung im Enthusiasmus für die amerikanische Sprache. Zu ihren besonders attraktiven Kennzeichen zählen ihre Freizügigkeit, Offenheit, ihre vielfältigen Ursprünge, die Tatsache, dass sie immer dann besonders großartig klingt, wenn sie abweichend verwendet wird. Unsere Sprache kostet nichts. Sie gehört uns allen. Man kann sie nicht privatisieren. Die Fähigkeit, geschickt mit Worten umzugehen, ist zu einem Kennzeichen der Armen geworden, der Minderheiten, der ganz normalen Leute, der Schriftsteller und Intellektuellen; all jener also, die sich keine Bilder leisten können, die gemeinsam in einer älteren Welt leben, in der es keine Bilder gibt, oder die ganz bewusst darauf verzichten, sie zu benutzen. Das Gedächtnis des Hip-Hop ist intakt.

Über den Autor:

Mark Greif, geboren 1975, lebt als Autor und Publizist in New York. Er hat in Harvard, Oxford und Yale Literaturwissenschaft und Geschichte studiert. Er ist Gründungsherausgeber der Essay-Zeitschrift n+1, für die er auch regelmäßig schreibt. Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung u.a. Bluescreen. Essays (2011) und Hipster. Eine transantlantische Diskussion (2012).