Bayern 2 - Nachtstudio

Opportunismus Utopien für den schwachen Menschen

'Wo stehst du eigentlich?' Dem Moralisten fällt es nicht schwer, diese Frage zu beantworten, dem Opportunisten schon. Der haltungslose Mitläufer hat zwar keinen guten Ruf, aber trotzdem Erfolg und Anhänger. Wo bleibt da die Moral?

Stand: 17.11.2011
Applaudierende Menschen | Bild: picture-alliance/dpa

Sich nach Gelegenheiten zu richten, ist nicht nur sinnvoll, sondern unausweichlich. Anpassungsbereitschaft gehört zur Evolution, Unangepasstes stirbt aus. Das hat der Mensch tief verinnerlicht. Und das geht absolut in Ordnung! Man muss ernten, wenn die Früchte reif sind und das Wetter passt – nicht, wenn es einen dazu in den Fingern juckt, obwohl es gerade regnet. Das ist natürlich und normal. Opportunismus im negativen Wortsinn beginnt erst dann, wenn man sich nicht länger den selbst erkannten Gegebenheiten fügt, sondern den Erkenntnisprozess an andere delegiert und sich deren Interpretation der Wirklichkeit unterwirft – um keine Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernehmen zu müssen.

"Die weltlichen Gesetze sind so beschaffen, dass man, falls man sich nicht an den Verbrechen der Machthaber beteiligen will, ein Opfer ihrer Verbrechen werden muss."

Isaac Basheivs Singer

Gut, böse oder einfach nur nützlich?

Vielleicht der richtige Zeitpunkt, um einen Blick auf die Entwicklung des Moralempfindens zu werfen. Also: Es beginnt im Kindesalter mit dem simplen Manichäismus von Gut und Böse, dem Märchenstadium, das in der ausgedehnten Pubertät bis zum Ende der Studentenzeit eine zweite Blüte erlebt. Dann ist es allerdings schon vom Gegensatzpaar 'nützlich' versus 'unnütz' überlagert; selbst hoch idealistische junge Menschen können die Augen schwer vor der Erkenntnis verschließen, dass Gutes oftmals zu nichts nutze, Böses hingegen regelmäßig brauchbar ist, weil es das Feld der Nutzanwendungen durch Regelbruch vergrößert. Die dritte Stufe differenziert noch einmal zwischen 'mir nützlich' und 'vielleicht generell nützlich, mir aber nicht'. Auf dieser Ebene treffen wir als Erwachsene unsere Wahlentscheidungen.

"Ich stelle mich dem Geschehen zur Disposition."

Stefan Zweig

Wer einverstanden ist, der will belohnt sein

Der aufgeklärte Opportunist weiß, dass er Belohnungsmechanismen gegenüber anfällig ist; in dieser Selbsterkenntnis liegt das Moment der Aufklärung. Dennoch bleibt er opportunistisch, indem er nicht versucht, sich über diese Gegebenheit hinwegzusetzen, sondern weiterhin vielen Belohnungen hinterherläuft, sich von ihnen lenken und leiten lässt. Seiner staatsbürgerlichen Pflicht kommt er nach, indem er sich dafür einsetzt, dass die Belohnungsmechanismen insgesamt im Sinne des bestmöglichen Nutzens für alle geändert werden. So vereint er den privaten Opportunismus mit den Wirkungen einer aufgeklärten Haltung, auch wenn die Haltung an sich gar nicht souverän ist, und entschärft damit die Risiken des Herdentriebs.

Literaturhinweise

  • Rolf Dobelli: Turbulenzen. Zürich 2007.
  • Andreas Drouve: Erich Kästner - Moralist mit doppeltem Boden. Marburg 1993.
  • Johannes Gross: Tacheles gesprochen. Stuttgart 1996.
  • Jan-Christoph Hauschild: Heiner Müller oder Das Prinzip Zweifel. Berlin 2003.
  • Erich Kästner: Notabene 45. Zürich 1961.
  • Erich Kästner: Das Blaue Buch. Marbach 2006.
  • Odo Marquard: Skepsis in der Moderne. Stuttgart 2007.
  • Colin Powell: Mein Weg. München 2003.
  • Isaac Bashevis Singer: Der Büßer. München 1987.
  • Heinrich Stader: Mandanten-Schwarzbuch. Lengwil 2009.
  • Stefan Zweig: Joseph Fouché. Frankfurt am Main 1978.