Bayern 2 - Nachtstudio

Poetischer Grenzverkehr Drei Dichterinnen und die Politik

Warum fehlt das politische Gedicht? War vor kurzem in der "Zeit" zu lesen. Die Zeiten, in denen deutsche Dichter selbst Politik gemacht haben, sind vorbei. Hat Poesie in Sachen Politik heute noch etwas sagen?

Stand: 07.11.2011
Porträt der Schriftstellerin Valzhyna Mort | Bild: Doug Barber

Es gibt wohl kaum noch einen Schriftsteller, der mit Propaganda- oder Protest-Songs auf den Lippen auf die Straße gehen und an der Spitze einer skandierenden Menge marschieren möchte. Aber hätte Poesie in Sachen Politik denn nichts zu sagen? Schlägt politische Lyrik heute vielleicht nur dezentere Töne an, so dass Journalisten – oder, wie Journalisten gerne fragen, so dass 'Wir' – die 'Gedichte zur Zeit' einfach überhören? Die Zeitungsmacher wollten es wissen. Sie haben elf Dichterinnen und Dichter eingeladen, sich Woche für Woche einen Reim auf die laufenden Ereignisse zu machen. Monika Rinck hat im März 2011 den Reigen eröffnet. Das Gedicht im Politikteil einer Wochenzeitung – das ist schon mal eine Tat. Keine Frage: Lyrik wird geschätzt, gelesen und gewürdigt, aber all das geschieht normalerweise in ganz speziellen Reservaten.

Lyrik, welt- und gegenwartsnah

Monika Rinck

Monika Rinck, Elke Erb und Valzhyna Mort – drei Autorinnen zwischen Lyrik und Essay, in deren Werk Poesie und Politik einander auf ganz unterschiedliche Weise berühren: Keine von ihnen ist eine "politische Dichterin" im klassischen Sinn, die sich debattenselig oder sendungsbewusst für eine bestimmte Sache ins Zeug legen würde. Alle drei aber sind davon überzeugt, dass Poesie nichts für Dachkammern oder Hinterzimmer ist, sondern ein elementares Vermögen, sich in der Welt zu orientieren – eine Sache von Gemeinsinn und Streitkultur.

Valzhyna Mort

Valzhyna Mort wurde 1981 in Minsk geboren. Sie hat angefangen zu dichten, weil die weißrussische Sprache sie dazu inspiriert hat. Valzhyna Mort nennt sie "Sprache meines Blutes". Dabei hat sie die Muttersprache ihrer Vorfahren erst in der Schule gelernt. Im Gedicht, sagt sie, erscheint die vertraute Sprache in einem anderen Licht.

"In diesem Moment kann es gefährlich werden. Wenn man nicht länger von der Sprache 'kolonisiert' wird, unabhängig denkt und gewissermaßen sein eigenes Land wird, ist das System in Frage gestellt, das sich auf die vorherrschende Sprache stützt. Das ist wohl der Grund, weshalb Schriftsteller und Regierungen sich niemals besonders gut verstanden haben."

Valzhyna Mort

Elke Erb

Elke Erb

Elke Erb wurde 1938 in Scherbach in der Eifel geboren. Als sie elf Jahre alt war übersiedelten die Eltern mit ihr und ihren Geschwistern in die DDR. Elke Erb studierte Pädagogik, Geschichte und Germanistik, legte ein freiwilliges Jahr als Landarbeiterin ein und arbeitete schließlich als Lektorin, Rezensentin, Übersetzerin und freie Schriftstellerin. Poesie erfreut, sagt Erb, weil sie ein Sieg über ihr Gegenteil ist: "Vernichtung und Gefangenschaft".

"Für mich ist eigentlich entscheidend: Etwas zu entdecken ist Befreiung. Es ist ein mehr an Freiheit. Du bist in einem Käfig, und auf einmal – wuhh, geht’s da raus."

Elke Erb

Monika Rinck

Monika Rinck wurde1969 in Zweibrücken in der Pfalz geboren. Sie lebt als Schriftstellerin in Berlin und sammelt seit 1996 sprachliche Sonderfälle, seit 2001 unter der Adresse: begriffsstudio.de.

"Ich habe einen gewissen Widerstand gegen die Idee, dass die Sprache mich behindert oder ein Kerker ist. Dann würde ich immer sagen: Dann muss man mehr arbeiten, muss genauer anschauen, bessere Worte finden, anders zusammenfügen."

Monika Rinck

Unverwechselbar. Unberechenbar

Gedichte brauchen keine politische Botschaft, um politisch zu sein. Soviel ließe sich wohl sagen im Sinne der denkbar unterschiedlichen Lyrikerinnen und Essayistinnen Valzhyna Mort, Elke Erb und Monika Rinck und ihrer Berührungspunkte mit der Politik. Was Gedichte in Sachen Politik zu sagen hätten, bringen sie nicht so sehr durch das zum Ausdruck, was sie behaupten, sondern durch das was sie tun: indem sie Erstarrungen und Versteinerungen widerstehen und sich mit Beweglichkeit, mit einem eigenen Ton und Rhythmus gegen falsche Festlegungen selbst behaupten.

Bücher der Autorinnen

  • Elke Erb: Meins. Gedichte. roughbooks 2010.
  • Elke Erb: Sonanz. Gedichte. Urs Engeler Editor 2008.
  • Valzhyna Mort: Tränenfabrik. Gedichte. edition suhrkamp 2009.
  • Monika Rinck: Ah, das Love-Ding! Essay. kookbooks 2006.
  • Monika Rinck: Helle Verwirrung. Gedichte und Zeichnungen. kookbooks 2009.