Bayern 2 - Nachtstudio

Was ist eine Krise? Über die Gesellschaft in schwierigen Zeiten

Eine Krise ist ein Moment, in dem eine Entscheidung getroffen werden muss. Da geht es um Erfolg oder Scheitern, Recht oder Unrecht, Tod oder Leben. Das heißt, dass man Krisen eher zu vermeiden hat. Wenn das aber nicht möglich ist?

Stand: 12.12.2011
Freifläche in München, darüber ein aufziehendes Gewitter | Bild: BR/Thomas Kretschmer

Eine Krise ist die Vorbereitung auf einen Wendepunkt. In den ältesten Gesellschaften, den so genannten einfachen Gesellschaften oder Stammesgesellschaften wusste man, was an diesen Wendepunkten geschah. Es war, als würde man einen Schalter umlegen und aus dem einen Zustand der Gesellschaft in einen anderen schalten, zum Beispiels aus dem Friedenszustand in den Kriegszustand und umgekehrt, oder aus einer Gesellschaft im Winterlager auf eine Gesellschaft im Sommerlager. Beunruhigend war der Übergang, aber beruhigend war, dass man den anderen Zustand bereits kannte.

Die Krise in der Moderne

Fallende Kurse

In der Moderne bekommen wir es mit einer regelrechten Krisenwissenschaft zu tun, der politischen Ökonomie zunächst und daraufhin den Wirtschaftswissenschaften, die von einer Krise dann sprechen, wenn Arbeits-, Güter- und Kapitalmärkte im Ungleichgewicht sind. Entweder werden Arbeit, Güter und Kapital nicht in dem Maße nachgefragt, wie sie vorhanden sind, dann drängen ungenutzte Ressourcen auf eine Verwendung, die es nicht gibt, oder es werden mehr Arbeit, mehr Güter und mehr Kapital nachgefragt, als vorhanden sind, dann entstehen Mangelsituationen. Beide Ungleichgewichte führen zu Krisen, da im Fall des Angebotsüberschusses bereits geleistete Produktivität frustriert wird und im Fall des Nachfrageüberschusses Produktionspläne, Konsumwünsche und Investitionsabsichten unbefriedigt bleiben. Die Krise ist hier identisch mit dem Auftreten eines Ungleichgewichts, das heißt identisch mit der Störung einen Gleichgewichts, von dem klassische Ökonomen glauben, dass es sich von alleine wieder herstellen wird, wenn man nur allen auftretenden Kräften ihren Spielraum lässt.

Krise und Verantwortung

In der Moderne hat man es mit einer unklaren Gegenwart, einer unbekannten Zukunft und mit einer Vergangenheit zu tun, deren Lehren, da aus jeweils anderen Situationen stammend, nur begrenzt zu gebrauchen sind. Und mittendrin stehen wir und sollen unsere Entscheidungen treffen, für die wir verantwortlich gemacht werden, obwohl jeder weiß, dass wir für ihre Voraussetzungen und für ihre Folgen nur in einem sehr begrenzten Umfang verantwortlich sein können. Eine Krise ist in der modernen Gesellschaft das Signal, dass wir nicht mehr weiter wissen. Wir gestehen unsere Mitschuld ein. Ohne unsere eigenen Fehlentscheidungen gäbe es die Krise nicht.

Das Dilemma der Freiheit

Dirk Baecker

Zugleich jedoch verweisen wir auf eine Dynamik im Zeitablauf, eine Komplexität in der Sache und eine Diversität in der sozialen Einschätzung, die unseren Verständnishorizont allesamt überschreiten, obwohl sie eine Welt beschreiben, in der wir die wichtigsten, wenn nicht die einzigen Akteure sind. Wir überfordern uns selbst. Die moderne Gesellschaft ist jene Gesellschaft, die einen Normalzustand kennt, in dem der Mensch das seiner selbst und seiner Welt mächtige Subjekt ist, und einen Krisenzustand, in dem der Mensch entdeckt, dass er mit sich etwas anstellt, was er selbst nicht versteht. Oder versteht er es doch, versteht er es nur allzu gut?

Über den Autor

Dirk Baecker: geb. 1955, lebt in Basel, Soziologe und Inhaber des Lehrstuhls für Kulturtheorie und –analyse an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Mitherausgeber der Zeitschriften "Soziale Systeme" und der "Revue für postheroisches Management" sowie Herausgeber der Buchreihe "copyrights".