Bayern 2 - Nachtstudio

Feiertags-Podcast Navid Kermani über Hölderlin und Jean Paul

Während der Arbeit an seinem Roman "Dein Name" liest der Schriftsteller Navid Kermani die Werke von Friedrich Hölderlin und Jean Paul. Und interpretiert sie neu: Hölderlin als Mystiker, Jean Paul als Meister der Verfremdung.

Stand: 22.12.2011
Der Schriftsteller Navid Kermani im Dezember 2011 | Bild: picture-alliance/dpa

Zwischen den Jahren stellt das Nachtstudio in seinem Podcast zwei ganz besondere Sendungen zum Anhören und Herunterladen bereit. Der Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Navid Kermani hat sich zwei zentralen und doch außergewöhnlichen deutschen Dichtern angenähert: Friedrich Hölderlin aus Tübingen und Jean Paul aus Wunsiedel. Die Sendungen waren im Oktober 2011 auf Bayern 2 zu hören, nun gibt es sie auch im Podcast des Nachtstudios, am 27.12.2011 und am 3.1.2012.

Schreiben und Lesen

Navid Kermani hielt im Sommersemester 2010 im Rahmen der traditionsreichen Frankfurter Poetikdozentur eine fünfteilige Vorlesung mit dem Titel "Über den Zufall. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe". Sein damals in Entstehung begriffener Roman "Dein Name" ist im Spätsommer 2011 beim Hanser Verlag erschienen.

Jean Paul und die Verfremdung

Jean Paul

"Jean Pauls Romane sind der permanente Verfremdungseffekt. Wie im epischen Theater, gleichwohl ohne Didaktik kommentiert der Romanschreiber das eigene Romanschreiben und stellt es somit in seiner Romanhaftigkeit heraus. Fortlaufend weist Jean Paul (1763-1825) auf besonders schwierige Passagen hin, die er dann innerhalb der Handlung um einen Tag verschiebt, um als Romanschreiber selbst ausgeruhter zu sein, rechtfertigt sich für seine Exkurse, redet seine Figuren an, entschuldigt sich bei den Rezensenten, erklärt, was in Romanen jetzt gewöhnlich geschehen würde und warum er abweicht, oder annonciert das Stadium, in dem sich die Handlung befindet. Er bietet anderen Romanschreibern seine Charaktere sogar zum Verkauf an. Und er macht sich selbst zur Figur innerhalb der Handlung, namentlich als Jean Paul, mal in der ersten, mal in der dritten Person. Ein Selbstportrait? 'Das Ich gilt, aber nicht mein Ich.'"

Hölderlin und Rock'n'Roll

Friedrich Hölderlin

"Nicht Goethe mit seinem gelehrten Diwan oder Rückert mit seinen kunstfertigen Ghaselen, nein, Hölderlin, der sich für den Orient nicht sonderlich interessierte, ist der Sufi der deutschen Literatur, der Sonderling, der Närrische und Verlachte, bis hin zum Aufschrei, zum Verglühen, zur Auflösung. Die anderen schreiben über Mystik, er verkörpert sie", findet der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani in seiner Auseinandersetzung mit Hölderlin (1770-1843) heraus. "Das Hölderlin-Zitat: 'Nimm mich, wie ich mich gebe, und denke, daß es besser ist zu sterben, weil man lebte, als zu leben, weil man nie gelebt!' - das ist mystischer O-Ton, 10. Jahrhundert, und klingt zweihundert Jahre nach Hölderlin zugleich wie eine Fanfare des Rock'n'Roll: It’s better to burn out than to fade away. Natürlich bezieht sich Hölderlin durchgehend auf das Christentum. Was dem Orientalisten sufisch anmutet, aber in allen mystischen Traditionen Belege fände, ist das entfesselte Selbst: 'Ich werde sein; ich frage nicht, was ich werde.'"