Bayern 2 - Nachtstudio

Selbstunzugänglichkeit? Das pathologische Plagiat

Schon liegt jener Fall einige Zeit zurück, der einen prominenten Politiker zu Fall brachte. Ein Fall, zu dem sich neben den journalistischen Stimmen vor allem solche aus den Reihen der Wissenschaft zu Wort meldeten. Ihren kritischen Argumenten soll hier ein Stück weit gefolgt werden.

Autor: Stefan Rieger Stand: 16.06.2011
Karl-Theodor zu Guttenberg eilt davon | Bild: picture-alliance/dpa

Der Fall des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg ist für zwei Dinge symptomatisch. Zum einen dokumentiert er den Stand der Wissenschaft unter den Bedingungen des Internet. Dass veränderte Informationsinfrastrukturen wie das Netz wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten, also Promotionen etwa, verändert haben, wissen alle - aber nur selten wird über die Art dieser Veränderung nachgedacht. Ähnliches gilt für die Weise der Enttarnung. Kurz nach dem Verdacht gab es bereits eine eigene Plattform, die die Plagiatsvorwürfe dokumentierte.

Unbewußtes Abschreiben?

Karl-Theodor zu Guttenberg im Bundestag

Zum zweiten steht der Fall für eine sonderbare Paradoxie der Moderne. Seitdem die Menschen über ein so genanntes Unbewusstes verfügen, wird es schwierig für Zuschreibungen und einfach für Ausreden. Das Argument des Barons nicht absichtlich, sondern unbewusst plagiiert zu haben, zielt genau in Richtung dieser Problematik. Wie unzugänglich können die eigenen Unzulänglichkeiten einem selbst tatsächlich sein? Die Geschichte dieses Arguments hat ihrerseits eine Geschichte. Ihr geht Stefan Rieger in seiner Sendung gemeinsam mit Thomas Kretschmer nach, u.a. in Gesprächen mit der Plagiatsexpertin und Bloggerin Debora Weber-Wulff aus Berlin und dem Juristen Roland Schimmel aus Frankfurt am Main, letzterer ist auch Autor des Buches "Von der hohen Kunst ein Plagiat zu fertigen. Eine Anleitung in 10 Schritten".

Über den Autor:

Stefan Rieger, geb. 1963, ist Professor für Mediengeschichte und Kommunikationstheorie an der Ruhr-Universität Bochum. Er hat zahlreiche Bücher und Texte zu kulturwissenschaftlichen Themen veröffentlicht, zuletzt "Schall und Rauch. Eine Mediengeschichte der Kurve" und "Das Wuchern der Pflanzen. Ein Florilegium des Wissens".