Die Geschichte des Nachtstudios radiogebildet
Zur Geschichte des Nachtstudios im Bayerischen Rundfunk 1948 - 1970
Neuanfang
Eine Sendung für Anspruchsvolle und ein treuer Hüter des Wortes wollte das Nachtstudio sein, als es am 10. Dezember 1948 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Der Bayerische Rundfunk hieß noch Radio München, und die Befehlsgewalt im Funkhaus lag noch bei der amerikanischen Militärbehörde. Die alliierte Siegermacht duldete das neue Kulturprogramm nicht nur, sondern lockerte sogar die Zensurbestimmungen dafür. Das sollte den demokratischen Geist und die freie Meinungsbildung befördern. Nationbuilding würde man das heute nennen, damals hieß es Reeducation.
Kulturemphase
Dann zog die große Kulturbegeisterung, die sich nach dem Krieg buchstäblich aus den Trümmern erhoben hatte, auch in den Rundfunk ein. Zwölf Jahre Gleichschaltung im Nationalsozialismus hatten ein immenses Nachholbedürfnis hinterlassen und den Wunsch, Deutschland möge als Kulturnation wieder auferstehen. Das Nachtstudio kam dem entgegen. Es stellte Gottfried Benn, Sigmund Freud, Martin Heidegger und Franz Kafka vor, den französischen Existentialismus und die neue amerikanische Literatur. Es lud zu einer Tagung der Gruppe 47 ein, fragte "Hat der Nationalsozialismus noch Chancen?" und empfahl zur geistigen Orientierung "Europa und das Christentum".
Intellectual History
Als die Bundesrepublik gegründet wurde, löste der Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die Reeducation der Siegermächte ab. Mittlerweile hatten sich an fast allen westdeutschen Sendern die Abend- Mitternachts- und Nachtstudios etabliert. Sie begleiteten die intellektuelle Geschichte der frühen Bundesrepublik nicht bloß, sondern waren selbst ein Teil von ihr. Dafür stand auch die Riege selbstbewusster Redakteure, die sich kaum als passive Multiplikatoren verstanden, darunter berühmte Namen wie Alfred Andersch, Horst Krüger, Carl Linfert.
Die umfangreichen Schriftwechsel in den Archiven der Rundfunkanstalten machen bis heute anschaulich, dass die führenden Intellektuellen der Bundesrepublik, Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler für das Nachtstudio geschrieben und produziert haben. In München lud Gerhard Szczesny einmal die Woche zu Vortrag, Lesung oder Gespräch, vorerst noch um 23 Uhr.
Szczesny machte keinen Hehl aus seinem Glauben an einen Humanismus, der sich vom Christentum emanzipieren sollte, eine Haltung, die in der Adenauer-Ära kaum auf allseitige Zustimmung stieß - weder draußen im Land, noch in den Gremien des Funkhauses.
Herrschaftsfreier Diskurs
Das Nachtstudio dieser Jahre etablierte eine eigene Gesprächs- und Diskussionskultur und bot dabei ganz en passant eine Übung in praktischer Demokratie. Besonders beliebt waren die sogenannten Round-Table Gespräche, eine Mixtur aus gelehrter Erörterung und scharfer Polemik. Elias Canetti und Alexander Mitscherlich diskutierten im Nachtstudio über "Masse und Macht", Hannah Arendt und Carlo Schmid über das "Recht auf Revolution", Marcel Reich-Ranicki und Hans Egon Holthusen über "Glück und Elend der Literaturkritik".
Funkische Form
Diskussion, Lesung und freies Gespräch stellen eine dem Radio gemäße Ausdrucksform dar. Aber nicht immer harmonierten Inhalt und "funkische Form" auf so selbstverständliche Weise. Der Rundfunk war ein noch relativ junges Medium, das seine eigene Grammatik erst entwickeln musste. Immer noch machte er Anleihen bei den traditionellen Medien, dem geschriebenen Feuilleton und dem akademischen Vortrag. So mutete mancher Beitrag weniger gesprochen als abgelesen an und den Inhalten mangelte es an rundfunktauglicher Inszenierung. Erst allmählich freundete sich das Nachtstudio mit der neuen Montagetechnik des Features und den Möglichkeiten verteilter Sprecherrollen an. Neben dem Hörspiel war das Nachtstudio die Entwicklungsredaktion radiophoner Formate, alle Kulturangebote im Radio greifen bis heute auf diese Vorbilder zurück.
Keine Angst vor dem Fernsehen
Als Ende der fünfziger Jahre das Fernsehen seinen Siegeszug antrat, befürchteten viele das Ende des Radios. Nicht die Redakteure der Nachtstudios, die darin sogar eine langersehnte Chance sahen: Wenn das breite Publikum zum Bildschirm abwanderte, konnte sich das Radio noch viel besser auf die dem Medium treu bleibende geistige Elite konzentrieren, die man in diesen eliteskeptischen Zeiten politisch korrekt als "qualifizierte Minderheit" bezeichnete. So bildete der Aufstieg des Fernsehens ironischerweise die Geburtsstunde erweiterter Kulturprogramme im Radio, welche diejenigen Hörer binden sollten, für die der bunte Fernsehabend keine Verlockung bot.
Sonderprogramm
Das Nachtstudio hieß nun für einige Zeit Sonderprogramm und erfüllte an drei Tagen der Woche bereits ab 20 Uhr höchste Höreransprüche. Eine Anzahl neuer Reihen und Formate erwartete die Hörer. Bis heute legendär blieben die Marginalien, das berühmte fünfzehnminütige kritische Feuilleton. Die Marginalien stellten eine Art Gotha des Kulturadels der frühen Bundesrepublik dar: Carl Amery, Alfred Andersch, Hans Magnus Enzensberger, Wolfgang Hildesheimer und Ludwig Marcuse zählten zu den Stammautoren.
Aber das neue Kulturprogramm wollte nicht bloß informieren, bilden und belehren, es wollte - Zeichen der Zeit - auch unterhalten, freilich auf hohem Niveau. Als eindeutiger Hörerliebling unter den Rate- und Denkspielen erwies sich das Literaturrätsel Drei Personen suchen einen Autor unter der Leitung von W.E. Süskind. Als die Sendung nach fast zehn Jahren eingestellt wurde, trauerte die Fangemeinde ihr noch lange nach.
Ein Fall von Zensur?
Dann passierte, was 1961 als der "Fall Szczesny" in die Rundfunkgeschichte einging. Nachdem ein vermeintlich kommunistischer Radioessay des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski auf Anordnung des Intendanten Christian Wallenreiter abgesetzt wurde, verließ der langjährige Nachtstudio-Leiter Gerhard Szczesny den Sender aus Protest. In der Phase des Kalten Krieges und unter dem Einfluss eines wieder erstarkten katholischen Milieus schienen Pluralismus und Meinungsfreiheit plötzlich ein nurmehr auf Widerruf gewährtes Gut zu sein. Die Kulturredaktion setzte ihre Arbeit dennoch unbeirrt fort. Nach einem Interregnum von Gustava Mösler übernahm Leonhard Reinisch das wieder so genannte Nachtstudio.
Gesellschaft im Wandel
Mit dem Ende der Adenauer-Ära veränderte sich allmählich der Zeitgeist, er wurde soziologischer. Zu den traditionellen kulturellen Themen kam ein erhöhtes Interesse an gesellschaftlichen Fragen hinzu. "Gesellschaft im Umbruch" hieß eine der Reihen, in der das Nachtstudio Politologen und Soziologen um ihre kritische Bilanz der Wiederaufbauphase bat.
Der gesellschaftliche Umbruch vollzog sich jedoch schneller als erwartet. Eine verschleppte Hochschulreform, die Notstandsgesetze und der Vietnamkrieg lösten die Protestbewegung der 68er aus. Kurt Sontheimer konstatierte im Nachtstudio die historische Zäsur: "Die Bundesrepublik macht ihre ersten Erfahrungen mit einer Protestbewegung."
Bilanz
In der Gründungszeit der Bundesrepublik, die nun zu Ende ging, war das Nachtstudio mehr als ein Seismograph des Zeitgeistes. In der heiklen Phase der demokratischen Transformation gelang ihm die Überführung der klassischen bürgerlichen Öffentlichkeit in ein Massenmedium, das als Propagandainstrument der Nazis in Verruf geraten war.
Damit hat das Nachtstudio die alte kulturpessimistische Befürchtung widerlegt, ein Massenmedium könne kein Reflexionsmedium sein. Es widerlegt sie bis heute.

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