Bayern 2 - Nachtstudio

Essay heute Neues aus der Essayismusforschung

Es gibt viele Worte, mit denen die Gattung des Essays beschrieben werden kann. Seit dem 16. Jahrhundert werden Essays verfasst und ebenso lang wird darüber diskutiert, was man unter einem Essay eigentlich versteht.

Stand: 01.02.2012
Verschiebungen | Bild: privat/Stefanie Ramb

Eine eindeutige Definition des Essays sucht man vergeblich. Man kann von Experiment, Kunstform oder Komposition sprechen - der Autor Georg Seeßlen nannte bei seinem Vortrag beim "Forum Essay" 2011 des Bayerischen Rundfunks eine dreifache Form der Faszination, aus der der Essay entsteht, als Wiedergabemedium von Wahrnehmung und Gedanken, als die Frage nach dem "Wie denken wir" anstatt von "Was denken wir". Der Essay beschreibt eine Gedankenfolge, gerne aus subjektiver Sicht, assoziativ und unbefangen.

In aktuellen Veröffentlichungen der Essayismusforschung präsentieren die Autoren verschiedene Theorien über das Wesen des heutigen Essays. Das Nachtstudio stellt vier von ihnen vor.

Dr. Christoph Ernst, Literatur- und Medienwisschenschaftler veröffentlichte 2005 seine Dissertation „Essayistische Medienreflexion. Die Idee des Essayismus und die Frage nach den Medien“. Ein Augenmerk liegt, wie auch der Titel schon zeigt, auf dem Begriff des Essayistischen, nicht auf der Diskussion über die literarische Gattung des Essays. Ihm geht es um ein "Erkenntnisverfahren", und damit geht er mit Georg Seeßlen d'accord: Das Essayistische ist reflektierend, beobachtend und interessiert am Weg des Gedanken. Dabei spielt das Hinterfragen und Anzweifeln eine wichtige Rolle. Ernst stellt fest, dass ein starker Faktor, der das Essayistische in seiner Form beeinflusst, bei den Massenmedien zu finden ist. Oder umgekehrt gedacht: Schon immer erzeugten Neuentwicklungen und Veränderungen im Medienbereich für Diskussionsstoff. Anhand von Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart zeigt er die Wandlung des Essayistischen auf.

Die Literaturwissenschaftlerin und Lyrikerin Monika Rinck gibt den Gedanken Stimmen. In ihrem 2006 erschienenen
Essay(istischen) Roman "Ah, das Love-Ding" gibt es Figuren, und "es geht ja in dem Buch auch um Gruppenphänomene und um Dialog, um Gespräche, um unaufhörliches Gequatsche nicht zuletzt". Sie lässt Veronika und Dings und den Freund von Dings und die anderen Leute, die am Gequatsche beteiligt sind, vielstimmig Gedanken aussprechen und löst mit dieser Kollektives-Denken-Prosa die Grenze zwischen akademischer und poetischer Auseinandersetzung auf.

Georg Stanitzek, Literaturwissenschftler, versucht, den Essay anhand von Einzelpositionen zu bestimmen, also im Besonderen das Allgemeine zu suchen. Das macht er in "Essay-BRD" (2011) mit Hilfe ungewöhnlicher Beispiele. Seine Gedanken kreisen um Theater, Text und Film, um Elfriede Jelinek, Alexander Kluge und "das Triviale in den 70er Jahren". Anhand von Hans Magnus Enzensbergers Werk versucht Stanitzek die Merkmale eines gelungenen Essays darzulegen.

Und was macht Anna Luhn? Die stellt grundsätzlich alle Definitionsversuche von Essay und Essayismus in Frage und dabei fest, dass die meisten Essays gar keine sind.