Bayern 2 - Nachtstudio


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Ausweitung der Gefahrenzone Amoklauf als Chiffre unserer Gegenwart

Jeder Amoklauf lässt uns verstört zurück: Wie kann ein Mensch so etwas tun? Wie können wir das verstehen? Doch es gibt Regelhaftigkeiten im Verhalten der Täter. Ihnen spüren Beatrice Faßbender und Ulrich Rüdenauer nach.

Stand: 28.03.2017

Amoklauf Colombine High School, Littleton, Colorado, 20.04.1999 | Bild: picture-alliance/dpa

Amok, Akt der Überbietung

Amok: Wir blicken fassungslos auf die Bildschirme. Jedes Mal. Und versuchen jedes Mal wieder zu verstehen, was da geschieht. Unser Verstand versagt, wenn wir nach eindeutigen Motiven suchen oder das Geschehen begreiflich machen wollen. Und dennoch zwingen diese Taten zu Erklärungen und Entmystifizierung. Denn fest steht, jeder Amoklauf ist ein wohlkalkulierter Exzess und ein Akt der Überbietung. Er steht in einer Reihe anderer Taten, übernimmt Formen und Bildsprache der Vorgänger und versucht noch eins draufzusetzen. Im Kontrast zu der absoluten psychischen Enthemmung der Täter steht die rationale, fast schon bürokratische oder auch militärische Stringenz und Logik, der die Taten folgen.

Global – heroisch – universal

Amok ist der Ausdruck einer Wut, die sich inzwischen globalisiert hat. Amok bietet jungen Männern Handlungsmodelle, die ihnen erlauben, ihr Unverstandenes auszuagieren. Allmachtsfantasien, faschistoide, sozialdarwinistische Vorstellungen oder Jenseitsversprechen – all das kann in den Gewaltexzessen ausgelebt werden. Amok sagt den jungen Männern: Gerade das perverseste, das abscheulichste Handeln macht uns zu Helden. Das Internet sorgt für den angemessenen Hallraum. Amok sagt auch: Es kann überall passieren. Die Angst ist überall – Ausweitung der Gefahrenzone.

Typ Amokläufer

Amoklauf an der Colombine High School, Littleton Colorado am 20.04.1999: die Täter Eric Harris und Dylan Klebold

Die Täter – und es sind praktisch nur männliche Täter – ähneln sich. Viele von ihnen sind Waffennarren, haben ein schwieriges Verhältnis zu Frauen, hassen die Welt und wollen sie in einen Kriegsschauplatz verwandeln. Auch ihr jeweiliges Vorgehen folgt einem Muster. Es geht um Wiedererkennbarkeit, das sich etwa auch zeigt im stylischen Kampfoutfit, in einer bestimmten Form des Auftretens, einer spezifischen Körperaufrüstung, einer Selbstpanzerung und im sportlichen Training, das man sich auferlegt. Hier wird nicht nur die Konstitution gestählt, sondern auch Empathielosigkeit eingeübt. Viele Amokschützen sind begeisterte Ego-Shooter-Spieler.

"Wenn man versucht so eine Genese dieser Todesgänge sich anzuschauen, kann man selber sehr lange eigentlich diesen jungen Männern folgen. Also, wenn es um solche Fragen wie Mobbingstrukturen oder Loser-Existenz oder was auch immer geht. Aber wo der Atem aussetzt, wo wir fassungslos sind, ist dieser Moment des Umschaltens und der Entscheidung, und es kann eigentlich nicht anders erklärt werden, wenn es denn um diese Erklärung geht, als dass es wie so einen psychotischen Schub gibt, also eine Art Pathologie, die gleichermaßen dennoch ja immer mit dem spricht, was vorher gewesen ist."

Ines Geipel, Literaturwissenschaftlerin

Letzte politische Wirksamkeit

Amokläufer Anders Breivik vor Gericht in Oslo

Amok richtet sich gegen sehr vieles. Gegen das System, gegen den Schmutz, die Komplexität, das Andere. Durch diffuse und meist recht verquaste ideologische Begründungen müssen sich die Täter mit Schuldfragen nicht auseinandersetzen. Mehr noch: Sie sprechen sich selbst von aller Schuld frei. Schuld hat die Gesellschaft, haben die anderen. Der Amoklauf wird Ausdruck für Wut und Aggression, für die die Gesellschaft kein Ventil bietet. Dabei fällt es zusehends schwerer, einen klare Trennlinie zwischen Amokläufer und terroristischem Attentäter zu ziehen.

"Ich glaube, dass diese Art von Mord, von Massenmord und besonders die Erklärungen, die diese Taten begleiten, als der politischste Akt unserer Zeit verstanden werden müssen. Der einzige politische Akt, der Wirkung zeigt. Es ist schrecklich, das zu sagen, aber ich muss es sagen: Selbstmord ist heutzutage der einzig wirksame politische Akt, weil ein Selbstmord die tägliche Hölle auszulöschen vermag, die der neoliberale Kapitalismus für die meisten inzwischen darstellt."

Franco Berardi, Autor und Philosoph

Aufklärung statt Erregung

So selten Amokläufe sind, so deutlich lässt sich am Umgang mit ihnen doch der Zustand der Gesellschaft ablesen. Derzeit schwankt unsere Gesellschaft zwischen Hysterie und Lethargie. Jeder neuerliche Anschlag bestätigt nur das Gefühl eines allgemeinen Unbehagens und fällt auf den Boden erhöhter Erregungsbereitschaft.

"Ich denke, dass es für die Beobachtung solcher Taten sehr wichtig ist, zunächst mal festzustellen, dass sie höchst selten sind. Dass aber die Erregungsbereitschaft, die die Öffentlichkeit angesichts dieser Taten zeigt, ein Indiz dafür ist, dass man in irgendeiner Weise in das Wasserzeichen unserer Gesellschaften blickt, oder dass einem die eigene Gesellschaft als Grimasse dort entgegenblickt. Man glaubt also, einen, ja, wie soll man sagen, einen Deutungsüberschuss dort zu begegnen, und dieser Deutungsüberschuss hat einen diagnostischen Mehrwert."

Joseph Vogl, Kulturtheoretiker

Amoklauf in München am 23.7.2016. Knapp ein Jahr danach immer noch Blumen und Kerzen für die Opfer am OEZ.

Die Aufarbeitungsphasen werden kürzer, die Rufe nach Kontrolle und Überwachung im Namen der Sicherheit dafür umso gellender. Der Feind lauert überall – er soll schon identifiziert werden, bevor er selbst auch nur einen Gedanken an ein Verbrechen verschwendet. Prävention aber geht über ausgeklügelte Alarm- und Sicherheitssysteme oder Polizeipräsenz hinaus. Prävention bedeutet Aufmerksamkeit, Zuwendung, Empathie. Es ist ein aufklärerisches Projekt, das angesichts einer auch verbal aufrüstenden, irrational agierenden Gesellschaft wie eine Sisyphos-Arbeit erscheint. Aber eine notwendige Arbeit.

Ausweitung der Gefahrenzone

Amoklauf als Chiffre unserer Gegenwart
Von Beatrice Faßbender und Ulrich Rüdenauer

Mit Kathrin von Steinburg, Rahel Comtesse, Carsten Fabian, Benedikt Schregle, Peter Veit, Peter Weiß
Regie: Martin Zeyn
BR 2017, 57'


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