Bayern 2 - Nachtmix

Nachtmix Die Musik von morgen am 16. August

Wie jeden Donnerstag der unschlagbare Service für alle Hörer: Die Musikredaktion hat sich durch alle relevanten Album-Neuerscheinungen des folgenden Tages und der Blogs durchgetankt und präsentiert die Hits, aber auch die Misses.

Von: Michael Bartle Stand: 16.08.2012
Ariel Pink's Haunted Graffiti: Mature Themes  | Bild: Beggars/XL/ Ariel Pink's Haunted Graffiti

GOLD

Ariel Pink’s Haunted Graffiti: Mature Themes

Schon Album der Woche im Zündfunk und auch Platte der Woche dieser Ausgabe der “Musik von morgen” im Bayern 2 Nachtmix: Der genialische Ariel Pink ist die Empfehlung für diese Woche: Ein spielwütiger, überbegabter Infantiler, der die Pop-Sandburgen genauso gerne baut wie er sie dann wieder gelangweilt zerstört. Wäre Ariel Pink ein Filmemacher, man würde ihn entweder unter den Trashfilmern einsortieren, so in die Richtung „Grabräuber from Hell“. Mir kommt aber auch Stanley Kubricks „2001“ in den Sinn, ein Film also, der die Zukunft aus der Vergangenheit heraus beschreibt und heute auf eine vergnügliche Art und Weise gleichzeitig outdated und hellseherisch wirkt. Ariel Pink ist ein Mann, für den die Retromania Diskussion quasi erfunden wurde, er kramt im Gedächtnis der Popmusik, sowohl in der Produktion wie im Songwriting und macht bei vollem Bewusstsein Zukunftsmusik mit den Mitteln der Vergangeneit. macht. Und er kann große Popsongs genauso schreiben, wie uns manchmal zu Tode nerven mit absichtsvoll schrecklichen Songs.  Meist aber klingt er wie Frank Zappa, Captain Beefheart und Ween in einer Person. Und das ist schon grenz-genial.

Ry Cooder: Election Special

Der US-amerikanische Slide-Gitarristen Ry Cooder hat als Session Musiker für die Stones und Taj Mahal seine lange Karriere begonnen, seit 1970 macht er Solo-Alben, nebenbei hat er mal mit links den Buena Vista Rentnern zu einer zweiten Welt-Karriere verholfen oder für Wim Wenders die Filmmusik zu „Paris, Texas“ geschrieben. Auf seinem neuen Album „Election Special“ antwortet er auf die Dauer-Propaganda der amerikanischen Rechten und von Fox News. „Election Special“ ist ein locker und mit viel Humor aus dem Album geschütteltes Polt-Album geworden, auf dem er sich mit einem Dutzend Songs in den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf einmischt: In Brother is gone etwa beklagt er sich, dass immer wieder die Wahlstimmen verschwinden – „our highest aim ist to take your vote away“. Eine Platte zur Lage der Nation also – und in guter alter Calypso- und Woody Guthrie Tradition kling sein Kommentar zur USA vor den Wahlen weniger verbittert als kämpferisch und bisweilen zynisch: Das Stück „Guantanamo“  ist ein beschwingten Blues-Rocker, in dem er aus dem illegalen Gefängnis eine Never- Come-Back-Airline macht. „You can’t come back from Guantanamo“. Ry Cooder in Hochform!

Adrian Sherwood: Survival & Resistance

Gerade hatte die seit Olympia in London schnellste Insel der Welt, hatte also Jamaica 50.Unabhängigkeitstag.  Auch für Adrian Sherwood war Jamaica immer ein Sehnsuchtsort. 1989 hat er das britische Dub-Label On U Sound gegründet, da war er grade 22 Jahre - ein junger Punk damals, der wie viele andere Punks von Reggae angefixt wurde. Nun, über 20 Jahre später, bringt er ein neues Album heraus – das die Punkvergangenheit kaum mehr spüren lässt, nicht so sehr mit der Tür ins Haus fällt, sondern sehr zurückgenommen ist. Bei einigen Kritikern ist dieses Album durchgefallen – sie haben ADS oder aus anderen Gründen die Schönheit des Albums „Survival & Resistance“ nicht erkannt, die in dieser Langsamkeit, dieser altersweisen Introspektion liegt.

Silber

Yeasayer: Fragrant World

Yeasayer sind eine hochgelobte und hochbegabte Band aus Brooklyn, die im großen Sandkasten des Pop unterschiedliche Förmchen vollschaufelt. Manchmal bauen sie auch wild durcheinander: Pop, Psychedelic und R’n’B jagen sich oft in einem einzigen Song. Nicht alle sind Killer, aber die im Zündfunk schon öfter gespielte Single „Henrietta“ oder der Song „Damaged Goods“ und das wavige „Reagan’s Skeleton“ sind nicht nur überambitioniert sondern auch richtig gut.

The Darkness: Hot Cake

Auf einer anderen Seite des Größenwahnsinns beheimatet sind The Darkness, deren neues Album eine wunderbare Sache sein könnte für die heile Welt der Formate. Jaulende  Journey-Gitarren, Powerdrums, Status Quo-Riffs, Songs die hochkomplexe Titel tragen wie “Everybody have a good time”. Und ein Sänger, der unbeirrt damit spielt, die heterosexuelle Wiedergeburt von Freddie Mercury zu sein. Auch The Darkness meinen ihren Kniefall vor den späten 70er-Jahre Formatradio Songs nur bedingt ernst, schauen Sie sich nur das Video an zu “Everybody have a good time”. Und natürlich kann das in manchen Momenten Spaß machen, etwa wenn man gerade in einem alten Oldsmobile von einem Tankstellenraub davon braust oder wenn man kurz vor dem Verlust des Bewusstseins einem Football-Spiel beiwohnt.

Cheek Mountain Thief: Cheek Mountain Thief

Mike Lindsay ist der Frontmann der sehr empfehlenswerten Band „Tungg“. Und hat sein Herz mittlerweile an Island verloren und sich dort nicht nur in eine Frau, sondern auch in das Land verliebt. Mit seiner Freundin hat er sich in ein kleines Fischerdorf weit im Norden Islands zurück gezogen, sich immer mehr gefühlt wie in einem „mythologoical wonderland“, die Gitarre angestöpselt und mit Blick auf die Cheek Mountains Stunden lang auf der Veranda gejammt. Und fand sich plötzlich wieder, wie er sagt, in einem niemals enden wollenden Musikvideo. Nach diesem Berg vor seiner Veranda hat sich Mike Lindsay für sein Soloprojekt benannt: Cheek Mountain Thief und die Musik darauf ist so entspannt wie schlau.

Stealing Sheep: Into The Diamond Eyes

Stealing Sheep, die Schafsdiebe, sind eine Damenkapelle aus Liverpool, und schon auf der ersten, über weiten Strecken gelungenen EP "Noah And The Paper Moon" hat sich angedeutet, dass die drei Damen einigermaßen talentiert sind und ein ähnliches Feld beackern wie die tollen First Aid Kit, irgendwo zwischen Folk, leichter Psychedelik und "Twee", also süßlichen, manchmal auch bittersüßen Pop. Das erste, richtige Album "Into The Diamond Eyes" klingt beim ersten Durchlauf noch etwas durchschnittlich, aber wenn man sich zusammenreißt und genauer zuhört, entdeckt man eine Menge gut gesetzter kleiner Verspultheiten.

Bronze

Dylan Leblanc: Cast Of The Same Shadows

Unser nächster Mann sieht aus wie der junge Evan Dando, Sänger der Lemonheads: High cheekbones, lange schwarze Haare, überhaupt ein interessant indianisches Aussehen – hoffen wir mal, dass er nicht genau wie Evan Dando Tonnen von Drogen zu sich nimmt. Dylan Leblanc ist 23, aufgewachsen in Muscle Shoals, Alabama. Mit einer ganzen Menge an musikalischer Früherziehung: sein Vater war Session-Musiker in den legendären Fame-Studios. „Cast Of The Same Shadows“  ist sein zweites Album und er hofft damit einzutreten in die Ahnengalerie großer nordamerikanischer Helden wie Townes van Zandt und Neil Young, auch wenn dieses neue Album hauptsächlich beeinflusst ist von einem Engländer, von George Harrison’s Dreifachalbum „All Things Must Past“. Trotz all dieser ehrenvollen Referenzen: Für mich fällt dieser Dylan Leblanc unter die Kategorie – ganz schön ist das, aber bringt uns auch nicht sehr viel weiter:

Bonaparte: Sorry, we‘re open

Bei der nächsten Party musste man die Befürchtung hegen, dass der Kindergeburtstag von Bonaparte nur beim ersten Mal so richtig Spaß macht. Bonapartes „Anti“ war ein großer Hit, danach hat sich Zirkustruppe um Tobias Jundt etwas verfranst zwischen Dada, vorlautem Remmidemmi, LCD Soundsystem und anarchischem Frank Zappa –aber das muss man dann halt auch können. Auch die neue Platte ist eine zwiespältige Angelegenheit, sie heißt „Sorry we’re open“ und die Entschuldigung tut not, denn manche der dort versammelten Experimente und Zumutungen braucht kein Mensch, ein paar brauchbare Songs sind aber schon  dabei, etwa die Single Quarantine oder „Point and Shoot“ featering Sirius Mo.

Blech

Guido Craveiro Presents: I Don’t Like Reggae / Madsen: Wo es beginnt

Leider kann man die meisten Neuerscheinungen aus Deutschland diese Woche getrost links liegen lassen. Madsen etwa, früher eine ganz gute gymnasiale Punk Rock Band machen auf ihrem neuen Album lautstark Schlager mit viel Gedöns. Und die Compilation  „I don’t like Reggae" remixt andere neue deutsche Schlager von Juli bis Revolverheld auf Reggae und tut das im Stil und mit der Kreativität eines Sachbearbeiters. Geht leider gar nicht.


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