Nachtmix Die Musik von morgen am 2. August
Bronze, Gold und Silber vergibt Roderich Fabian auch diese Woche wieder - unter anderem an Laetitia Sadier, Punch Brothers und Flaming Lips.
GOLD
Camera
„Radiate!“
Deutsche Instrumentals: Camera sind eine Retro-Band, machen sie doch hörbar Krautrock in Sinne der 70er Jahre. Das heißt: Hier wird getrommelt wie bei Neu und geschrammelt wie bei Can, aber Camera tun das mit jugendlichem Übermut und Inspiration, führen den Krautrock also neuen Generationen zu und sind live bestimmt ein Erlebnis.
Antony & The Johnsons
“Cut the World”
In der Regel gilt in der Popmusik das Gebot: „Die Geigen, die Geigen, ach würden sie doch schweigen!“ Anders auf diesem Album, das einer Greatest-Hits-Sammlung in Orchesterfassung nahekommt. Antony hat sich von einem dänischen Orchester begleiten lassen – und dies ist eine Marriage made in Heaven. Antonys Stimme passt zum großen Arrangement. Als Zugaben gibt’s noch einen neuen Track und eine Ansprache des Sängers, wo er gegen die Schwulenfeindlichkeit gewisser Institutionen zu Felde zieht.
Spectrasoul
“Delay No More”
Immer mal wieder kommt aus der Drum-and-Bass-Welt Englands richtig tolle Musik. Die Band hält nichts von dunklen Dubstep-Beats, sie orientiert sich am Groove der 90er Jahre, als in Bristol eine seelenvolle Szene entstand, die mit Tricky, Massive Attack und Roni Size ja echte Größen hervorbringen konnte – ein echter Geheimtipp für friedvolle, elektronische Tanzmusik aus England.
SILBER
Rob Zombie
“Mondo Sex Head”
Das amerikanische Multitalent startete in den 80ern die Spaßmetalband „White Zombie“, machte sich in den 90ern selbstständig, blieb aber immer im Geschäft als amtlicher Geisterbahnschaffner der USA. Seit 2003 dreht Rob Zombie als Regisseur auch Horrorfilme, und zwar richtig gute. Sein Debut „House of 1000 Corpses“ war gleich ein Hit, so dass man ihm die Inszenierung des Remakes von „Helloween“ überließ, und auch das war – auch unter cineastischen Gesichtspunkten – ein Erfolg. Rob Zombie macht trotzdem auch weiterhin Musik und geht auf Tour, und seine Auftritte lassen die von Alice Cooper als Kasperltheater erscheinen. Nun erscheint ein Album, auf dem die bekanntesten Songs von White Zombie und Rob solo von namhaften Remixern nochmal durch den Fleischwolf gedreht wurden. Natürlich pumpt das Album wie Hölle, aber es gibt auch subtilere Annäherungen wie vom britischen Drum-and-Bass-Meister Photek.
Becoming Real
“Solar Dreams/ Neon Decay”
Dieses Projekt ist im HipHop und Grime verwurzelt. Becoming Real ist das Pseudonym des jungen Briten Toby Ridler, der auf dieser Sieben-Track-EP einfach mal so durchspielt, was er alles drauf hat. Das reicht von instrumentalen Spielereien bis zu Arbeiten mit toughen Sängerinnen – schon der Name deutet ja auf die “Realness” im HipHop hin, dabei klingt das alles doch so schön artifiziell.
Kings of Dubrock
“Fettucini”
Das Hamburger Trio um den Studio-Braun-Spaßmacher Jacques Palminger versucht tatsächlich, Rockmusik mit Dubreggae zu vereinen und dazu auch noch völlig verkauzte Texte unterzubringen. Wie bei allen Musikprojekten Palmingers ist das ehrenwert, eigenständig und völlig jenseits von Gut und Böse. Der Dadaismus der 20er Jahre lässt hier immer wieder grüßen. Kurt Schwitters hätte an den Kings of Dubrock seine Freude gehabt.
Eugene McGuinness
„The Invitation to the Voyage“
Der Brite wurde vor fünf Jahren dank eines exzentrischen Hits namens „Monsters under the Bed“ in seiner Heimat einmal kräftig durchgehyped, um dann wieder auf sich selbst gestellt zu werden. Nach drei Jahren Pause bringt McGuinness morgen sein drittes Album heraus. Und dem merkt man schon an, dass sich hier jemand seine Besonderheit erhalten möchte. McGuinness hat sich dafür entschieden, die Songs hier breitbandig im Stile des Sixties-Easy-Listening zu inszenieren. Da taucht dann auch das berühmte Peter-Gunn-Gitarrenriff auf, ohne so richtig zu funktionieren. Hier ist jemand auf sympathische Weise das Opfer seiner Ambitionen geworden.
BRONZE
Walk the Moon
„Walk the Moon“
Eine neue, leichtgewichtige Band aus Ohio, die nun bei uns ihr Debutalbum rausbringt. Es handelt sich hier um lupenreine, teuer produzierte Rockmusik für die amerikanischen Charts – und in den USA ist man hin und weg über „Walk the Moon“. Bei mir hält sich die Euphorie in Grenzen, aber immerhin: Sie haben neben trivialen Gassenhauern auch Tracks drauf, die ein bisschen an die Talking Heads erinnern – und dann bin ich wieder bei ihnen. Die 80er wirken weiterhin nach.
Stan Ridgway
“Mr. Trouble”
Der Amerikaner startete in den 80ern durch als Sänger der Band „Wall of Voodoo“, um seit den 90ern solo zu wandeln. Sein neues Album ist eine Mischung aus sechs Studio- und vier Live-Tracks, ein etwas seltsames Hybrid, aber so konnte er seinen größten Solo-Hit „Camouflage“ noch mal unterbringen: 58 Jahre ist er alt und immer noch gut bei Stimme, der er ja alles verdankt.
Otto Von Schirach
“Supernmeng”
Dieser Artist muss durch ein fernes Sonnensystem geflogen sein, bevor er sich auf der Erde niederließ, um fortan hier Musik zu machen. Otto von Schirach ist ein entfernter Verwandter von sowohl Baldur von Schirach, dem Reichsjugendführer Adolf Hitlers als auch von Ferdinand von Schirach, dem aktuellen Bestsellerautoren. Aber Otto ist in Florida geboren und aufgewachsen, und das hört man seiner krassen Musik auch an. Miami Bass, Glitch, Drum and Bass sind die Basis, auf der er strange Comicwelten setzt: Laut und schrill und ausgestattet mit einer ganz eigenen Variante von Humor. Otto von Schirach ist seit mehr als zehn Jahren eine originelle Nebenfigur im elektronischen Business. Sein neuestes Album hat Songtitel wie „When Dinosaurs rule Earth“ oder „Reptile Brain Wash“.

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