Bayern 2 - Nachtmix

Nachtmix Die Musik von morgen am 25. Oktober

Ein Unstern, der einen falschen Namen trägt und britische Existenzialisten liefern die bemerkenswertesten Alben der Woche ab.

Von: Roderich Fabian Stand: 25.10.2012
Cover "Black Music" Dark Horses | Bild: Cover: Pias / Last Gang / Dark Horses

GOLD

Dark Horses

„Black Music“

Dies hat trotz des Titels nichts mit Soul oder Funk zu tun, sondern spielt auf den existentialistischen Anspruch der Band an. Tatsächlich durchziehen Abgründe die Musik der Band, die Melancholie der Cowboy Junkies klingt durch, manchmal das Surreale der britischen Band Broadcast, vor allem aber die sexy Dunkelheit der Ami-Band „Mazzy Star“, die in den frühen 90ern mal kurz die Welt bewegt hat. Die Mitglieder der Band aus dem britischen Seebad Brighton tragen dann natürlich auch alle Schwarz, so wie es Johnny Cash jahrelang gehalten hat – vieles hier ist natürlich Pose, aber die Musik überzeugt mich trotzdem.

Hans Unstern

„The Great Hans Unstern Swindle“

Die Anspielung auf die Sex Pistols hat vom Sound her nichts mit Punk zu tun, aber es ist die Haltung, die den Sänger aus Berlin als dadaistischen, unberechenbaren  Künstler zeigt. Das ganze Album ist ein Statement der Individualität. Die deutschsprachigen Songs sind provokant, aber verklausuliert – ein Einzelgänger, der lange auf der Straße musiziert hat, äußert sich völlig offen und verletzlich. Die aktuelle Spex hat diesen amüsanten Schwindel zum Album der Ausgabe gemacht. Und es ist – bei allem Wahn, dem dieser Platte innewohnt – tatsächlich ein völlig überraschendes Unikat.  Hans Unstern – man schaue sich seine Videos an – wirkt wie eine Seltenheit, nämlich wie ein freier Mann.

Of Montral

„Daughter of Cloud“

Es handelt sich hier um eine Kollektion von B-Seiten und Outtakes, zehn der 17 Tracks hier sind bislang unveröffentlichte Werke. Wie immer bei Of Montreal reicht die Palette von schnörkellosem Rock über weißen Disco bis zu Zappa-esken Eskapaden. Manches hier sind Hits für eine bessere Welt, und ich bleibe Fan vom verrückten Kevin Barnes, der sämtliche Songs geschrieben hat.

SILBER

Tracey Thorn

„Tinsel and Lights“

Eine großartigen Sängerin, die auf 30 Jahre Erfahrung im Business zurückgreifen kann und am bekanntesten wahrscheinlich als Stimme von „Everything but the Girl“ ist, ist seit ein paar Jahren solo unterwegs. Nun hat sie das gemacht, was viele unnötigerweise tun, nämlich ein Album mit Weihnachtsliedern aufgenommen. Aber dieses hier überzeugt nicht nur wegen Traceys traumhaft sicherer Stimme, sondern auch wegen der Songauswahl. Joni Mitchell, Jack White, Randy Newman und Green Garthside also Scritti Politti gehören zu den Autoren - ein Bescherungs-kompatibles Album.

Ecke Schönhauser

“Input”

In Berlin wird nicht nur Technomusik gespielt, sondern offenbar auch existenzieller Punkrock. Diese Band „Ecke Schönhauser“ widmet ein ganzes Album dem Trennungsschmerz des Sängers Florian Pühs. Der schreibt Texte im Stile eines jungen Jochen Distelmeyer, und auch die Musik hier erinnert an die wilden Jahre von Blumfeld. Natürlich ist dieser Sound ein bisschen angestaubt, aber mich überzeugt die Power und der Wille dieser Band, die hier alles Innere nach außen kehrt.

Martha Wainwright

„Come home to Mama“

Sie kommt aus Montreal, ist aber in der Welt zuhause. Die Schwester von Rufus und die Tochter von Loudon Wainwright hat ihr neues Album ihrer 2010 verstorbenen Mutter, der Folksängerin Kate McGarrigle, gewidmet. Die Musik hier ist allerdings eher rockig als folkig arrangiert, erinnert nicht selten an die ätherischen Songs einer Kate Bush oder an das Frühwerk von Björk. Martha Wainwright wirkt also wieder mal spröde und unnahbar, aber inzwischen wie ein gestandener Profi - ein neuer Wurf aus dem nie versiegenden Quell des Wainwright/McGarrigle-Familienclans (Marthas Tochter fängt gerade an zu singen).

Dead Fingers

„Dead Fingers“

Kate Taylor ist die jüngere Schwester von Maria „Azure Ray“ Taylor, gehört also zur Omaha-Szene um das Label „Saddle Creek Records“. Kate bildet mit ihrem Ehemann Taylor Hollingsworth dieses launige Country-Pop-Duo. Morgen erscheint das Debutalbum der beiden, das eher auf der sonnigen Seite der Straße angesiedelt ist und schwer nach Seventies riecht – ein Beweis für die anscheinend immer noch Heile Welt von Omaha, Nebraska.

Lucas Santtana

„The God who devastates also cures“

Der Neo-Bossa-Nova-Artist wird schon als der neue Jorge Ben oder Tom Zé gehandelt, auch wenn seine Musik den Bossa-Boden oft verlässt und beim Reggae und der Electro-Musik landet. Auf seinem neuen Album probiert Lucas Santtana vieles aus, scheint seine endgültige Parkposition aber noch nicht gefunden zu haben. Und so erscheint das Album vor allem als Talentprobe.

BRONZE

Neil Young

„Psychedelic Pill“

Gerade ist auf Deutsch seine Autobiographie mit dem zielgruppen-gerechten Titel „Ein Hippie Traum“ erschienen. Früher im Jahr gab es schon das Cover-Album „Americana“, eingespielt mit seiner Seventies-Band Crazy Horse. Und nun erscheint noch ein Doppelalbum dieser Kombi: Es besteht nur aus Original-Kompositionen und ist restlos nostalgisch. Neil Young besingt die guten, alten Zeiten und rockt mit Crazy Horse so los, als sei die Uhr seit 1971 stillgestanden. Es finden sich hier drei Tracks, auf denen Viertelstundenlang gejammt wird wie einst auf „Cowgirl in the Sand“ oder „Like a Hurricane“ – nachhaltige Musik: Sie recykeln sich selbst, ohne Rücksicht auf Aktualität.

P.O.S.

„We don’t even live here“

Mit Punk hat der Afro-Amerikaner Stefan Alexander aus Minneapolis angefangen, ist aber später zum HipHop konvertiert, ohne seine rebellische und politische Position aufzugeben. Alexander nennt sich als Rapper „P.O.S.“. Für die Abkürzung darf man verschiedene Langfassungen verwenden, von „Product of Society“ bis „Piece of Shit“. Das neue P.O.S.-Album befasst sich inhaltlich mit der neuen Armut in Amerika und ist auf Attacke gebürstet.

Caroline Keating

„Silver Heart“

Eine Frau und ein Klavier – das ist zurzeit eine erfolgsversprechende Kombi. Die Klavierstunden, die einst die Eltern bezahlt haben, können sich also rentieren. Das beweist nicht nur der Erfolg von Regina Spektor, sondern auch das Debutalbum dieser Kanadierin. Gelegentlich kommen hier auch andere Instrumente und Musiker zum Einsatz, aber am besten klingt sie allein vor dem Klimperkasten. Ob die ganze Anmutung Feministinnen gefällt, darf bezweifelt werden, denn wie viele ihrer Kolleginnen bemüht sich auch Miss Keating darum, als süße Maus rüberzukommen.


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