Bayern 2 - Nachtmix

Nachtmix Die Musik von morgen am 11. Oktober

Viele der Helden aus den 60s und 70s machen weiter, aber nur wenige so überzeugend wie Donald Fagen.

Von: Roderich Fabian Stand: 11.10.2012
Cover "Sunken Condos" Donald Fagen | Bild: Reprise Records / Donald Fagen

GOLD

Ty Segall

„Twins“

Man kann jung sein, vermeintlich altmodische Musik machen und trotzdem an die Zukunft glauben. Dieser Garagenrocker aus Kalifornien, der erst Mitte 20 ist, hat einen ungeheuren Ausstoß an Musik zu verzeichnen. Ob als Solist, als Teilzeit-Mitglied verschiedener Bands oder im Duett mit anderen Punkrockern – Ty Segall haut den Rock and Roll nur so raus, auf Seven-Inch-EPs, CDs, Downloads, you name it. Nun erscheint ein neues Solo-Album, das ich für höchst gelungen halte. Natürlich klingen alle Songs hier nach irgendwas, nach Ramones, The Who, Bluesrock oder John Lennon, aber Ty Segall ist nicht angetreten, um die Musik neu zu erfinden, sondern um sie fortzuführen, allerdings mit jugendlicher Begeisterung. Manche halten ihn schon für den neuen Jay Reatard – ein gefährlicher Vergleich, den der hyperaktive Punkrocker starb 2010 an einer Überdosis im Alter von 29 Jahren.

Donald Fagen

„Sunken Condos“

Ein Mann, der in den 70er Jahren mit seiner Band Steely Dan die Popmusik ein ganzes Stück weitergebracht hat, veröffentlicht nun sein erst viertes Solo-Album. Er wolle sich nun vollends dem Funk widmen, hat Fagen kürzlich verlauten lassen – und tatsächlich funky ist „Sunken Condos“ auch geraten, aber natürlich auch so cool und sophisticated, wie man das von seinen früheren Arbeiten her kennt. Ein großer Wurf von einem 64jährigen für eigentlich jeden, der Musik liebt. Und auch wenn die Songs hier noch so swingen – inhaltlich ist sein Thema die Melancholie darüber, so viel schon hinter sich und so wenig noch vor sich zu haben. Trotzdem: Endlich mal eine neue Platte von einem alten Meister, die restlos zufriedenstellt.

Daphni

„Jiaolong“

Elektronische Musik von Dan Snaith, den man als Caribou kennen könnte, der für dieses Techno-Album aber das Alter Ego „Daphni“ angenommen hat und der hier tatsächlich beweist, dass er nicht nur verträumten Dreampop, sondern auch inspirierte Tanzmusik mühelos hinbekommt.

SILBER

The Wooden Sky

„Every Child a Daughter, every Moon a Sun“

Diese Kapelle will Respekt für ihren seriösen Zugang zur traditionellen Musik Amerikas. Dabei stammen sie eigentlich aus Kanada und nicht aus den Südstaaten der USA. Aber sie verfügen gelegentlich über traumhafte Vokal-Harmonien und ein Gespür fürs Songwriting, das manchmal an Neil Young erinnert - der Sound der Stunde, handgespielt und mundgeblasen.

Murder By Death

“Bitter Drink Bitter Moon”

Eine Band aus dem Inneren der USA, also dort, wo Mitt Romney versucht, die baldige Präsidentschaftswahl zu gewinnen sind „Murder by Death“. So heißt nicht nur eine Krimi-Komödie aus dem Jahr 1976, die bei uns als „Eine Leiche zum Dessert“ recht erfolgreich war, sondern auch die Band aus Indiana, die seit zehn Jahren ziemlich rustikalen Country-Rock spielt und sich damit allmählich immer interessanter macht. Das neueste Werk hat - neben den üblichen Gitarren-Tracks - auch gelegentlich feierliche Bläsersätze zu bieten. Murder by Death sind also perfekt geeignet, um von der derzeitigen Mumford & Sons-Euphorie zu profitieren – ein alberner Name im Kontrast zu einer weitegehend todernsten Musik.

Jason Lytle

„Dept. of Disappearance“

Vom Hang zur Authentizität war die Musik der Band Grandaddy vor zehn Jahren noch weit entfernt. Damals herrschte noch eine ja auch angenehme Ironie im Umgang mit dem Wohlklang. Grandaddy sind Geschichte, ihr Frontmann Jason Lytle aber macht weiter. Morgen erscheint sein zweites Solo-Album, das mit seinen hymnischen Songs ungeheuer an den Sound von Grandaddy erinnert. Auf die Dauer ist das dann so sweet, dass man leicht von Überzuckerung reden kann, aber ganz am Ende versöhnt dann der Track „Gimme Clock Gimme Grid“ – hier geht‘s nostalgisch um das Verschwinden des Realen zugunsten des Virtuellen. Man kann dieses Album auch als allmähliches Rückzugsgefecht verstehen kann, so sehr zweifelt er an der Moderne.

BRONZE

Franzoiz Breut

“La Chirurgie des Sentiments“

Frauen mit tiefen Gedanken zu Liebe und Welt – das ist auch in Frankreich gerne Thema. Und eine anerkannte Protagonistin ist seit mehr als zehn Jahren diese heute 42jährige. Einst vom Produzenten Dominique A ins Szene gesetzt, wurde Francoiz schnell zum Darling von Bands wie den Walkabouts oder Calexico, mit denen sie auch auf Tour war. Nun erscheint ihr neues Album, das weiterhin emotionale Tiefen ausleuchtet mit Musik irgendwo zwischen Bossa Nova und David Bowies Berliner Phase Ende der 70er – cool und sperrig, wie sich das gehört – Musik aus einem weltoffenen Frankreich.

Meshell Ndegeocello

„Pour une ame souveraine – A Dedication to Nina Simone“

In den letzten Jahren sind Künstler aus der Vergangenheit zu Ehren gekommen, die zu ihren aktiven Zeiten eher ein Geheimtipp gewesen sind: Songwriter wie Nick Drake und Tim Buckley etwa, aber auch die amerikanische R&B-Sängerin Nina Simone, auf die sich heute ganze Schwadronen von jungen Diseusen berufen, die selbst in der Jazzabteilung geführt werden, obwohl sie da gar nicht hingehören. Die amerikanische Bassistin gehört sich nicht in diese Liga, dafür ist sie schon zu lang dabei. Aber sie widmet der feministischen und anti-rassistischen Ikone, gleich ein ganzes Tribute-Album mit Songs, die von Nina gesungen oder geschrieben wurden. Das klingt dann immer etwas nach Feierabend-Blues für die gebildeten Stände, hat aber zauberhafte Momente.

Smoke & Jackall

“EP 01”

Sechs massenkompatible Songs, von denen die Welt erfahren wird. Das liegt daran, dass ein Teil dieses ominösen Duos aus Jared Followil besteht – und das ist der Bassist der Kings of Leon, einer der angesagtesten Bands der Gegenwart. Zusammen mit Nick Brown, dem Gitarristen der weit weniger bekannten Nashville-Band „Mona“ macht Followil hier pathetische, bassgetriebene Rockmusik, die manchmal an U2 erinnert und gelegentlich an modernere Varianten wie den sog „Dreampop“. Es schwingt jedenfalls immer eine religiöse Stimmung mit.


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