Nachtmix Die Musik von morgen am 27. September
Van Morrison & John Cale machen einfach weiter, Flying Lotus schaut in die Zukunft.
GOLD
FLYING LOTUS
„Until the Quiet comes“
Schon immer ein Einzelgänger ist Steven Ellison, einer der interessantesten Sound-Künstler der Gegenwart. Der 28jährige ist der Großneffe von Alice Coltrane, ist also indirekt mit Jazzlegende John Coltrane verwandt und macht seit einigen Jahren höchst aufregende, elektronische Musik, die weder Jazz noch Techno ist, sondern versucht, das Spektrum der Popmusik zu erweitern. Das gelingt ihm immer wieder und hier besonders gut auf einem neuen Album, das tatsächlich sehr ruhig und kontemplativ ausgefallen ist. Erykah Badu singt mit, auch Thom Yorke von Radiohead, was natürlich beste Referenzen sind – jede zu empfehlen, der wirklich moderne Musik hören möchte.
MOON DUO
“Circles”
Das Nebenprojekt von Eric Johnson von der Psychedelia-Band Wooden Shjips aus San Francisco klingt auf seinem zweiten Album abermals wie eine Hommage an den Krautrock und die Elektro-Mantras von Suicide – das heißt, hier hören wir hypnotischen, sehr coolen Stoff, der wahrscheinlich in jedem Jahrzehnt funktioniert.
RAYMOND BYRON & WHITE FREIGHTERS
„Little Death Shaker“
Dies ist streng genommen eine neue Band, aber dahinter steckt ein erfahrener Mann, nämlich Raymond Raposa, der sich bislang mit seiner Band The Castanets darum bemühte, der noch strangere Bonnie Prince Billie zu sein. Als Raymond Byron schaltet er in Sachen Weirdness einen Gang zurück und bringt uns eine Reihe von grundsoliden Folk- und Countrysongs, die die Verzweiflung zwar immer noch im Programm haben, aber im Kern mentale Genesung andeuten – schöne Musik.
SILBER
DJ VADIM
“Don’t be scared”
Die Welt gesehen, erkannt und verarbeitet hat dagegen der russiche Klagakrobat Andre Gurov, der von England aus seit Mitte der 90er unter dem Künstlernamen „DJ Vadim“ Platten macht. Die neueste will uns also die Angst vor Veränderung und Globalisierung nehmen und ist tatsächlich voller versöhnlicher Tracks, häufig soulful angereichert durch Gast-Auftritte von erlesenen Vokalisten.
DIANA KRALL
„Glad Rag Doll“
Die Ehefrau von Elvis Costello ein Album voller Jazzschlager aus den 20er und 30er Jahren aufgenommen, das gar nicht mal so nostalgisch klingt, weil es a) zeitlose Songs sind und b) sie eine tolle Band an Bord hatte, mit Leuten wie den Gitarristen Mark Ribot und T-Bone-Burnett, der das Album dann auch produziert hat. Auf dem Cover präsentiert sich Frau Krall zwar ein bisschen zu sehr als „Femme Fatale“, aber ansonsten ist dies ernst zu nehmende Feierabend-Musik – Bayern2 präsentiert ihr Konzert am 29.November in der Münchner Philharmonie.
ERRORS
„New Relics“
Die Schotten veröffentlichen auf dem Label der befreundeten Band Mogwai, emanzipieren sind aber immer mehr von deren Post-Rock-Sound, mit dem sie auch selbst begonnen haben. Die neue Mini-LP zeigt Errors als elektronisch unterwandert und gleichzeitig mit Stimmen experimentierend – im instrumentalen Post-Rock ja eigentlich verboten. Ich finde, Errors haben Mogwai in Sachen Relevanz längt überrundet.
BRONZE
JOHN CALE
“Shifty Adventures in Nookie Wood”
Das Velvet-Underground-Urgestein versucht hier abermals die Grätsche zwischen Pop und Avantgarde-Musik, wie er sie einst bei John Cage und La Monte Young in New York erlernt hat. Das Ergebnis klingt dann natürlich überhaupt nicht modern, sondern eher nach den sonischen Exkursionen der 80er Jahre, als neue Sampling- und Keyboard-Technologien in den Pop eindrangen. Mit anderen Worten: Dies ist eine durch und durch seltsame Platte –und hätte man sich je vorstellen können, dass John Cale mal wie Duran Duran klingen könnte? Live ist er am 18.Oktober in der Münchner Freiheiz-Halle zu sehen, präsentiert von Bayern2.
VAN MORRISON
„Born 2 sing: No Plan B“
Der nordirische Sixties-Hero hat mal sein 35.Studioalbum am Start, das schon im Titel sagt: Ich singe hier, ich kann nicht anders. Natürlich ist das eine völlig überraschungsfreie Platte, ein bisschen funky, ein bisschen jazzy wie immer bei Van the Man.
MUSE
“The 2nd Law”
Hier vollendet sich ein Prozess, der sich über die Jahre schon angedeutet hat: Muse klingen nun nicht mehr nur wie Queen, sie haben sich in Queen verwandelt. Matthew Bellamy ist dabei Freddy Mercury und Brian May zugleich: Opernhafter Gesang trifft auf wilde Gitarrenverfremdungen, pompöse Balladen werden mit schrillen Effekten aufgepimpt. Zugleich will die band auch noch di Welt erklären: „The Second Law“ spielt nämlich auf das zweite Gesetz der Thermodynamik an, in gesellschaftlichem Sinne - eine Nacht in der Rockoper – wie immer eine komplett weltfremde Inszenierung.

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