Nachtmix Die Musik von morgen am 20. September
Weihnachten ist näher als man denkt: Schon jetzt erscheinen die Platten, die in drei Monaten unterm Baum liegen sollen.
GOLD
MUMFORD & SONS
"Babel"
Tatsächlich geht es im Musikmarkt immer noch ums Weihnachtsgeschäft: Der Herbst ist die Jahreszeit, in der besonders gern Produkte auf dem Markt platziert werden, die bis zum Jahreswechsel im Gespräch bzw. in den Charts bleiben sollen. Ein sicherer Anwärter für höhere Platzierungen ist das zweite Album dieser britischen Folkband. Dank mitreißender Live-Auftritte ist der Band das Kunststück gelungen, Eulen nach Athen zu tragen, nämlich den Amerikanern ihre eigene Folklore als Importware zu verkaufen. „Babel“ ist genau nach dem gleichen Rezept gekocht wie der Vorgänger „Sigh no more“ von 2009: Emphatische, selbstreflexive Liebeslieder von Marcus Mumford, von denen sich viele zu Hymnen aufschwingen, meist rein akustisch instrumentiert, d.h. auch diesmal gibt’s viel Banjo zu hören. Mumford and Sons sind einfach die Speerspitze einer Bewegung, die die vermeintliche Ursprünglichkeit in den Pop zurückgeholt hat. „Babel“ wird die Band in die absolute Pop-Oberliga spülen: Melodien für Millionen – auch ich kann mich der Power der Band nicht entziehen – als Bonusmaterial empfehle ich die DVD „Big Easy Express“, die die Musiker auf Amerika-Tournee mit einem Sonderzug zeigt.
Verschiedene Artisten
"G.O.O.D. Music presents Cruel Summer"
Dass avancierte Elektronik längst im Mainstrean angekommen ist, davon kann man sich beim Hören dieser Compilation überzeugen. Das Album besteht aus zwölf neuen und exklusiven Tracks des Labels „Good Music“, dessen Vorstandsvorsitzender Kanye West ist. Der HipHop-Superstar hat alte und jüngere Kollegas von Jay-Z bis Kid Cudi antreten lassen, ist an den meisten Tracks aber auch selbst beteiligt, mal als Rapper, mal als Produzent. Manches hier ist aktuelle Standardware, es gibt aber auch Sachen, die schlicht und ergreifend State of the Art sind, also den Sound von 2012 auf den Punkt bringen.
RUDI ZYGADLO
"Tragicomedies"
Dieser Schotte macht elektronischen Avantgarde-Pop, auch auf seinem zweiten Album. Hier fließen sowohl die Errungenschaften des Art Rock als auch avancierter Techno ein, was kein Wunder ist, denn Zygadlo lebt inzwischen in Berlin. In der Zeitschrift Spex ist dies das Album des Ausgabe, und diese Kombi macht absolut Sinn. Der eingängigste Track hier ist ein Walzer – nicht unbedingt typisch für das Album, aber umso unterhaltsamer: „Waltz for Daphnis“.
THE SEA AND CAKE
"Runner"
Seit Mitte der 90er machen die Musiker um Songwriter Sam Prekop und Schlagzeuger John McEntire aus Chicago sehr clevere und verspulte Popsongs, die rein gar nichts mit irgendwelchen Moden zu tun haben, die also nur für sich selbst stehen. Die Kritiker lieben The Sea and Cake, und das bleibt auch so bei ihrem zehnten Album seit 1994. Trotzdem wird die Band auch diesmal nicht berühmter werden, so sehr bewegen sie sich außerhalb des üblichen Rock and Roll Zirkus. Ich kann auch nicht mehr tun, als „Runner“ dringend zu empfehlen – ein ewiger Geheimtipp.
TOY
"Toy"
Das Quintett aus London macht auf seinem Debut eine Mischung aus Sixties-Psychedelia und Brit-Pop-Versatzstücken und wird von den befreundeten Horrors unterstützt, die schon da sind, wo Toy ganz sicher hinkommen – in die Premier League der britischen Popmusik. Tatsächlich sympathisch und engagiert, wenn auch absolut artifiziell ist die Musik hier - erstaunlich, aber der Name war noch frei und ist sogar historisch weitgehend unbelastet. Es gab in den 70ern zwar schon mal eine asiatische Sängerin namens „Toy“, aber die war ziemlich erfolglos und meldet keine Copyright-Ansprüche an.
SILBER
AIMEE MANN
"Charmer"
Ihr Durchbruch kam 1999 mit dem Soundtrack des Films „Magnolia“ – seitdem kennt sie die Welt als intelligente, völlig unabhängige Song-Autorin mit einem unverwechselbaren Stil. Den behält sie auch auf hier bei, wobei sie mir heiterer und entspannter vorkommt als in den letzten Jahren. Nichts wirklich Neues von Aimee Mann also, sondern nur völlig solide Songs für die gebildeten Stände, die auch gern mal einen heben – das Titelstück wird übrigens von einem witzigen Video begleitet, in dem eine Doppelgängerin Aimee Mann allmählich die Identität klaut.
RICKIE LEE JONES
"The Devil you know"
Am bereits bestehenden Kanon der Pop-Klassiker aus den Sixties und Seventies arbeiten sich immer wieder Musiker aus allen Lagern ab, zum Beispiel mit Cover-Alben. Diese eigentlich über jeden Zweifel erhabene Sängerin hat sich von Ben Harper ein Album produzieren lassen, das auf Songs wie „The Weight“ von The Band, auf Tim Hardins „Reason to believe“ oder auf zwei Songs der Rolling Stones zugreift – allesamt kanonisierte Klassiker. Miss Jones eignet sich die Songs mittels Entschleunigung an und verlässt sich voll auf ihre einzigartige Stimme. Auf Albumlänge vielleicht too much, portionsweise großartig.
WINTERSLEEP
"Hello Hum"
Die Kandier machen seit zehn Jahren intelligente, unaufdringliche Popmusik irgendwo zwischen Coldplay und Arcade Fire. Sie können auf eine kleine, aber weltweite Fanbase bauen. Mit „Hello Hum“ werden sie auch nicht berühmter werden, aber hier handelt es sich eben um solide Wertarbeit kanadischer Prägung, d.h. mit ein bisschen Unterstützung vom Staat. Wintersleep - passender Weise erscheint das Album pünktlich vor Einbruch der Kaltzeit.
BRONZE
JON SPENCER BLUES EXPLOSION
"Meat + Bone"
„Meat and Bone“ hat Spencer mit den beiden Originalmitgliedern Judah Bauer und Russel Simmins aufgenommen, und es bleibt absolut beim typischen Sound der Band: Wilder, roher Rock and Roll und Blues ohne Rücksicht auf Gefälligkeit, zornig und trocken, „Meat and Bone“ eben. Da soll noch einer sagen, es gäbe keinen Underground mehr, auch wenn das momentan eher unmodern wirkt.
RICARDO VILLALOBOS
"Dependent and happy"
Das neue Album des Deutsch-Chilenen Ricardo Villalobos ist voller Blubberbeats im unteren Drehzahlbereich. Manchmal wird dieser einstündige Mix von indischen Tablas und Stimmen, manchmal von anderen, sanften Vokaleinlagen durchweht. Immer geht es Villalobos angenehmer Weise um Unaufdringlichkeit

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