Nachtmix Die Musik von morgen am 13. September
Diese Woche: Die Rückkehr von Progressive Rock à la Grizzly Bear, Country-Rock von der Band of Horses und auch Ben Folds legt nach.
GOLD
HOW TO DRESS WELL
“Total Loss”
Die Geschichte des Pop ist immer auch die der Aneignung von afro-amerikanischer Musik durch den Weißen Mann. Elvis, Stones, Clapton, Beastie Boys, Britney Spears – sie alle haben sich aus den Sounds bedient, die Afro-Amerikaner erfunden haben. So ist das auch bei diesem elektronischen Projekt, hinter dem der Amerikaner Tom Krell steckt. Der nämlich eignet sich den bestimmenden Sound der Gegenwart an, nämlich den R&B. Aber er macht das – auch auf seinem zweiten Album sehr geschickt und autonom. Krell verlangsamt und verfremdet die R&B-Elemente fast schon zärtlich, schafft dabei eine neue Form von „Dream Pop“, die kaum tanzbar ist, dafür aber perfekte Stimmungen erzeugt - die modernste und damit interessanteste Platte der Woche und wieder mal ein Beweis, dass die Musikgeschichte fortgeschrieben wird.
THE GASLAMP KILLER
“Breakthrough”
Humor ist eine der Eigenschaften eines neuen Künstlers auf „Brainfeeder Records“, dem Label von Flying Lotus. Der Gaslamp Killer ist ein weißer Neo-Hippie, der mit diversen Stilelementen herumspielt und immer wieder mit Kurswechseln überrascht: Von Spaghetti-Western-Melodien, über Streichquartette mit Vokal-Begleitung bis zu indo-arabischen Instrumentals reicht sein Spektrum. Der Gaslamp-Killer ist ähnlich eigen wie sein Rasta-Kumpel Gonjasufi, der dann hier auch einen Gastauftritt hat, jedenfalls ein höchst originelles Album.
KID KOALA
“12 bit Blues”
Der Kanadier ist schon seit mehr als zehn Jahren ein verlässlicher Interpret moderner Beats und Sampling-Methoden. Hier nähert er sich mit seinen Mitteln tatsächlich der Musik an, die auf den Baumwollfeldern der amerikanischen Südstaaten entstand. D.h. wir hören den Blues, allerdings gescratcht, gesampelt und durch diverse Filter geschickt. Trotzdem ist dies keine Verballhornung, sondern eher eine Hommage an die Helden des Genres – ein höchst gelungenes Werk. Kid Koala hat den Blues, aber er ist trotzdem gut drauf.
DINOSAUR JR
“I bet on Sky”
Aus dem Post-Punk der 80er Jahre kommt eine Band, die sich ja 2005 in Originalbesetzung wiedervereinigt hat. Seitdem sind Gitarrist Jay Mascis, Bassist Lou Barlow und Drummer Murph sehr umtriebig und bringen alle zwei, drei Jahre neue Alben raus. Das neueste bringt haargenau den Sound, den sich Dinosaur-Junior-Fans wünschen: Distortion-getriebener Fuzzrock zwischen Stones und Punk, völlig ungetrübt durch die Ereignisse der letzten 20 Jahre. Das ist solide Wertarbeit und klingt überhaupt nicht müde – so können die Dinosaurier noch ein paar Jahre weiterleben.
SILBER
GRIZZLY BEAR
“Shields”
Die vier Männer aus Brooklyn, die alle diverse Nebenprojekte am Start haben, haben mit ihrem vierten Album ein komplexes Opus Magnum hingelegt, das ganz auf Bedeutsamkeit abzielt – schließlich sind Grizzly Bear neben dem Animal Collective die Vorzeigeband der New Yorker Intellektuellen. Und so gestaltet sich diese Platte lyrisch, komplex und – notwendigerweise – völlig humorlos, aber gekonnt - hier schaut der Prog-Rock um die Ecke – das ist momentan wohl State of the Art.
SOFA SURFERS
“Superluminal”
Die Sofa Surfers, die in den 90er Jahren zur Wiener Downbeat-Schule um Kruder und Dorfmeister gehörten, haben sich vor ein paar Jahren radikal von der elektronischen Musik abgewendet und sind nun eine analoge Rockband. Das bleibt auch so auf dem neuen Album, das trotzdem immer noch funky klingt, weil das bestimmende Instrument noch immer nicht die Gitarre ist, sondern der Bass. Man könnte die Band auf manchen Songs auch mit einer Bluesrock-Band verwechseln, ohne dass das von Nachteil wäre.
BEN FOLDS FIVE
“The Sound of the Life of the Mind”
Das Beharren auf einem erfolgreichen Stil ist für Musiker in diesen prekären Zeiten natürlich verständlich. Der amerikanische Pianist Ben Folds hat in den letzten 13 Jahren viel ausprobiert, hat mit HipHop und Filmmusik experimentiert, um nun seine alte Band zu reaktivieren. Das erste Album der drei Musiker seit 13 Jahren kehrt tatsächlich zum alten Stil zurück. Hier klingt wieder alles wie eine Mischung aus Billy Joel und Joe Jackson, pianogetriebener Power-Pop mit allerdings sehr cleveren und humorvollen Texten. Ben Folds bleibt also ohne Weiteres sympathisch.
CATHERINE IRWIN
“Little Heater”
Diese Countrysängerin war lange Jahre Mitglied der Frauenband Freakwater, um nun nach langer Pause mal wieder ein Solo-Album aufzunehmen. Produziert hat ihre Freundin im Geiste Tara Jane O’Neil, auch sie eine durch Punk Rock sozialisierte und später zum Folk bekehrte Underground-Ikone. Bonnie Prince Billie singt auf ein paar Tracks mit, alles klingt authentisch, gerne auch pathetisch. Irgendwie scheint Catherine Irwin zu Gott gefunden zu haben.
BRONZE
EMANUEL & THE FEAR
“The Janus Mirror”
Dies ist eine Art Rock-and-Roll-Kammerorchester aus Brooklyn, das die Große Geste pflegt auf „The Janus Mirror“ – der doppelte Januskopf ist dann auch auf dem völlig missratenen Cover zu sehen. Die elfköpfige Band um Mastermind Emanuel Ayvas versucht sich am Pathos von Vorbildern wie Arcade Fire, klingt dabei dann aber ebenfalls oft klingt wie Progressive Rock der 70er Jahre, wo Virtuosität ja mal eine Zeitlang das Maß aller Dinge war.
BAND OF HORSES
“Mirage Rock”
Die Band of Horses aus Seattle, die momentan im konföderierten South Carolina zuhause ist, macht auch auf ihrem neuen Album wieder Country Rock reinsten Wassers. Hier geht’s um Banjos und Akustikgitarren, um perfekten Harmonie-Gesang und um Mitsing-Hymnen. Genau mit dieser Rezeptur sind die Eagles Anfang der 70er zu einer der erfolgreichsten Band Amerikas geworden. Die Band of Horses hat für „Mirage Rock“ als Produzenten nun auch noch den Briten Glyn Johns engagiert, der die ersten drei Eagles-Alben abgemischt hat. Es sollte also nichts mehr schiefgehen, auch wenn 40 Jahre Musikgeschichte zwischen den Eagles und der Band of Horses liegen: Ein „Peaceful easy Feeling“ umweht das alles. Vielleicht geht es ja wirklich nicht mehr um Innovation im musikalischen Supermarkt der Gegenwart.
KILLERS
“Battle Born”
Wie immer bei der Band aus Las Vegas ist dies ein pompöses, oft schlagerhaftes, absolut triviales Opus, das trotzdem seine Momente hat. Bei der Band um den glamourösen Sänger Brandon Flowers liegt immer der Ironie-Verdacht nahe. So bombastisch, wie die Songs hier produziert sind, wirkt das Album wie die Inszenierung einer Traumwelt im Disney-Stil. So ganz ernst gemeint kann das nicht sein.

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