Bayern 2 - Nachtmix

Nachtmix Die Musik von morgen am 06. September

Große Namen prägen den Beginn der Herbstsaison. Auf dem Treppchen diese Woche: Bob Dylan, Pet Shop Boys, The XX und Amanda Palmer.

Von: Roderich Fabian Stand: 06.09.2012
Two Gallants: The Bloom and the Blight | Bild: Fargo / Two Gallants

GOLD

The XX

“Coexist”

Die Mischung aus Elektro-Beats und dem spröden New-Wave-Charme der Young Marble Giants haben The XX ganz schnell zu einem Top-Act aufsteigen lassen. Nun kommt das natürlich schwierige, zweite Album heraus und geht auf Nummer Sicher. Das heißt: The XX geben ihren Fans mehr von dem Stoff, der beim ersten Mal so gut angekommen ist: Fragile, dramatische Songs, manchmal mit, manchmal ohne Four-to-the-Floor-Bassdrum. Jedenfalls sowohl für Rocker wie für Raver gleichermaßen zugänglich. Dagegen ist rein gar nichts zu sagen – und die Hallen werden wohl noch größer werden, die sie in Zukunft füllen werden, bei dem Medienecho, das sie ausgelöst haben.

Two Gallants

„The Bloom and the Blight“

Ins Genre „Americana“ passt ganz gut dieses um Gäste angereicherte Duo. Die Beiden waren bislang eher durch rustikalen, bluesigen Country-Rock bekannt. Vor zwei Jahren hatte dann der Tourbus einen schweren Unfall, bei dem der Gallant Adam Stephens fast draufgegangen wäre. Und so kommt das Album nun wie ein Aufschrei der Lebensfreude daher, das heißt es rockt relativ heftig, bleibt aber natürlich dem Genre verhaftet –produziert übrigens vom Mann der Stunde, vom 35jährigen Texaner John Congleton, mit dem zurzeit jeder aufnehmen will.

Pet Shop Boys

“Elysium”

Chris Lowe und Neil Tennant sind mit einer wenig überraschenden, aber umso schöneren Zwölf-Song-Kollektion zurück. Alles klingt ein bisschen nach 80ern, die Balladen überwiegen, für Wohlklang ist jederzeit gesorgt und weil Albernheiten diesmal komplett fehlen, ist „Elysium“ eines der schönsten Pet Shop Alben ever geworden.

Amanda Palmer

„Theatre is evil“

Die 36jährige Amerikanerin und ehemalige Sängerin der Dresden Dolls hat in den letzten Monaten dadurch für Schlagzeilen gesorgt, dass sie ihr neues Album durch Crowdfunding finanziert hat. Das heißt, sie hat im Internet ihre Fans aufgerufen, Geld zu spenden, was dann – je nach Betrag – mit verschiedenen Gegenleistungen seitens der Künstlerin verbunden ist. Das reicht vom schlichten Download des Albums bis zur Privatvorstellung im Wohnzimmer. Angeblich sind dabei 1,4 Millionen Dollar zusammengekommen, was die gute Amanda ganz schön unter Zugzwang gebracht hat. Nun liegt die Platte vor. Und natürlich ist dies eine bombastische Produktion mit Pauken und Trompeten geworden. Statt den Brecht/Weill-Anleihen, die die Dresden Dolls immer ausgezeichnet haben, tritt uns Amanda nun als eine Art weiblicher David Bowie gegenüber, wahlweise in der Ziggy-Stardust oder in der Heroes-Phase. Ein Touch von „Glam Rock“ jedenfalls prägt dieses musikalische Theaterstück.

SILBER

Raveonettes

„Observator“

Konventionell seit eh und je ist der Sound dieses dänischen Duos. Die waren vor acht, neun Jahren mal schwer angesagt mit ihrem Retro-Sound, der immer irgendwo zwischen Everly Brothers und der Jesus and Mary Chain liegt. Auf ihrem neuen Album machen die Raveonettes einfach genau so weiter, längst ohne Sony-Deal, nun halt wieder independent. Und das hat immer noch was, die Raveonettes bleiben Kinder im Geiste eines Phil Spector.

Calexico

„Algiers“

Über die oft nur scheinbare Authentizität von aktueller Roots-Musik ist in letzter Zeit viel geschrieben worden, über die Sehnsüchte nach überschaubareren Strukturen und über den Unterschied zwischen Kunst und Kunsthandwerk. Eine Band, die diese Diskussionen schon früh angeschoben haben, ist Calexico aus Arizona. Aus dem Underground kommend, haben sich John Convertino und Joey Burns zu Mittelstands-Lieblingen gemausert, ohne groß an Credibility zu verlieren. Ihr neues Album „Algiers“, benannt nach einem Stadtteil von New Orleans und ebendort aufgenommen, fährt die Mariachi-Romantik früherer Zeiten wieder ein bisschen zurück. Hier ist über weite Strecken südlich angehauchter Rock and Roll zu hören, was ich als angenehm empfinde.

Bob Dylan

„Tempest“

Er ist schon seit einigen Jahren auf dem Weg zurück zu seinen musikalischen Roots. Ob Country oder Western Swing, ob Folk oder Blues – Dylan und seine reguläre Liveband haben ein traditionelles, aber kein altmodisches Album aufgenommen. „Tempest“, sein 35.Studioalbum, kommt sehr lässig daher. Der 71jährige Dylan klingt zwar genauso alt wie er ist, aber er hat immer noch etwas zu sagen. Die Höhepunkte des Albums sind Blues-Mantras, die an Muddy Waters erinnern und der 14minütige Walzer „Tempest“, der facettenreich vom Untergang der Titanic erzählt.

Graffiti6

„Colours“

Ein Soul-Pop-Projekt aus Los Angeles, das sich dort zwei junge Briten haben einfallen lassen – ein Sänger und ein Songschmied. Und das Album, das die beiden vor zwei Jahren schon mal zum freien Download angeboten hatten, kommt nun noch einmal in Edelverpackung bei einer großen Plattenfirma und erstmals in Deutschland raus. Graffiti6 folgt dem Modell „Gnarls Barkley“, wandelt also auf Motown- und Stax-Spuren, ist immer zugänglich und heiter, ohne zu nerven. Graffiti6 rennen in der immer noch funktionierenden Retro-Soul-Ära also offene Türen ein.

BRONZE

David Byrne/ St.Vincent

„Love this Giant“

Produzent John Congleton, der zugleich Frontmann der großartigen Indie-Band „The Paper Chase“ ist, trifft als Aufnahmeleiter meist die richtige Mischung aus Wohlklang und vorsätzlicher Künstlichkeit. Und damit war er auch genau der richtige Mann für dieses Album. Die Talking-Heads-Legende und die spröde Artrockerin Annie Clark wurden ursprünglich durch ein Charity-Projekt zusammengebracht. Das Album lebt nicht nur von den charakteristischen Stimmen der Beiden, sondern auch von den Bläsersätzen der New Yorker Ethno-Band Antibalas und eben von John Congletons Produktion. Auf jedem Track jedenfalls regiert die Eckigkeit. Manchmal fühlt man sich an die Frühphase der Talking Heads erinnert, die ja auch eine reine Gefälligkeits-Vermeidungs-Strategie war – zwei Generationen im Artpop vereint.

Staff Benda Bilili

“Bouger le Monde”

Die Gruppe aus der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa, von denen einige Mitglieder unter den Folgen der Kinderlähmung leiden, wurden im letzten Jahr – auch dank eines Dokumentarfilms – in Europa schwer gefeiert und sind damit zu Stars der afrikanischen Musik aufgestiegen. Ihr neues Album „Die Welt bewegen“ ist dann auch bestens produziert und bietet wieder die übliche Großstadtmusik, die sowohl traditionelle Folklore als auch Elemente der Rockmusik enthält. So etwas kommt in Europa an und mehrt den Ruhm in der Heimat.

Iamamiwhoami

„Kin“

Dies ist ein ätherisches Elektro-Pop-Duo aus Schweden. Und wer dabei an „The Knife“ denkt, liegt nicht so falsch. Hier regnet es triviale Dramatik, die eher in Richtung „Gothic“ geht als in Richtung „Rock“ oder „Rave“. Mir erscheint das irgendwie berechnend, auch wenn’s ab und zu mal Blair-Witch-mäßig zuschlägt.


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