Nachtmix Die Musik von morgen am 30.08.2012
Swans, Cat Power und Animal Collective: Roderich Fabian vergibt Gold, Silber und Bronze an den ganzen Tierpark.
GOLD
Swans
"The Seer"
Swans waren Zeitgenossen von Bands wie Sonic Youth oder den Ambitious Lovers, allerdings war der Ansatz von Oberschwan Michael Gira immer wesentlich düsterer, existenzieller. Kein Wunder, dass die Band später vor allem in der Industrial- und Goth-Szene geschätzt wurde und niemals in den Mainstream crossovert hat. Lange Zeit ward das Projekt auf Eis gelegen, nun kommt gleich ein monumentales Doppel-Album daher, das von vielen Musikblogs wie eine Art Auferstehung gefeiert wird. Michael Gira zeigt hier tatsächlich die Stärken seines düsteren Wesens. Es gibt eine 32minütige Sound-Orgie, aber auch die üblichen eher zarten Songs, bei denen dann Karen O oder The Akron Family mitsingen dürfen.
Cat Power
“Sun”
Nach langer Zeit mal wieder ein Album mit Originalmaterial: Chan Marshall, aus den Südstaaten der USA stammend, in der intellektuellen Boheme New York Citys sozialisiert und zum schwierigen Pin-Up-Girl der amerikanischen Subkultur aufgestiegen, muss damit zurechtkommen, dass nun – mit 40 – eine neue Lebensphase beginnt. Musikalisch bewältigt sie das auf „Sun“ sehr gut, die Songs hier sind von souveräner Coolness, biedern sich nirgendwo an, versuchen gar nicht erst, innovativ zu sein. Cat Power macht – so einfach ist das – Rock and Roll mit Stil und Haltung.
Jens Lekman
“I know what Love isn’t”
Die 80er - aktuelle Musiker beziehen sich eher nostalgisch auf dieses Jahrzehnt, das sie selbst nur als Kind erlebt haben. Dies ist ein schwedischer Pop-Artist, der mit seinen sehnsuchtsvollen Songs und Sounds weltweit geschätzt wird. Vor fünf Jahren sorgte sein zweites Album für Begeisterung, führte ihn sogar auf eine China-Tournee. Nun erscheint ein perfekt inszeniertes Spektakel voller Humor und Eleganz, das ihn an 80er-Brit-Pop à la Prefab Sprout oder Orange Juice erinnern lässt. Schweden sind und bleiben eben eklektizistisch. Lekman bringt das Kunststück fertig, retro zu sein, ohne nostalgisch zu klingen.
Stealing Sheep
„Into the Diamond Sun“
Dieses britische Frauentrio besteht aus Neo-Hippies mit Anspruch. Sie wollen nie gefällig sein und bieten auf ihrem Debut-Album vor allem eines: Eine Macho-freie Zone und Musik ohne Schweißränder, elegante Kleinode, die in ihren besten Momenten sogar Captain Beefheart in Erinnerung rufen, obwohl die Band ihn vermutlich nie gehört hat - Frauen, mit denen man Schafe stehlen kann.
SILBER
Poor Moon
“Poor Moon”
Prominenz ist immer ein gutes Vehikel, um neue Produkte im Markt zu platzieren. Diese Band kennt bislang noch niemand, aber wenn man dazusagt, dass hier zwei Mitglieder der Fleet Foxes, nämlich der Bassist und der Keyboarder beteiligt sind, steigt automatisch das Interesse. Zusammen mit zwei weiteren Musikern machen Poor Moon auf ihrem ersten Album allerdings fast genau das, was die Fleet Foxes auch machen: Zartesten akustischen Folk-Rock. Allerdings entwickelt sich die Platte später in eine psychedelische Richtung, wo Poor Moon dann plötzlich klingen wie angeturnt und ausgedroppt à la 1967 – und dann wird’s amüsant.
Animal Collective
“Centipede Hz”
Popmusik als in die Zukunft geöffneter Kosmos – das haben die Mitglieder des New Yorker Animal Collectives wohl immer so gesehen. Morgen erscheint ihr auch schon achtes Studioalbum „Centipede Hz“, das vom Titel her an eine Radiostation erinnern soll. Die Mitglieder des Animal Collective glauben offenbar noch an die Macht der Ätherwellen, und musikalisch ist dies auch ein für ihre Verhältnisse sehr zugängliches Album. Experimente werden zugunsten von Songstrukturen beschränkt. Man will offensichtlich den Hörerkreis erweitern. Auffällig ist jedenfalls die Lautstärke des Albums, die In-the-Face-Hysterie, die hier viele Stücke beherrscht.
Vaccines
„Come of Age“
Diese jungen Londoner sind an Punkrock orientiert sind und denken mit ihrer unbekümmerten Art die Musikgeschichte der letzten 35 Jahre mit. Die Vaccines machen auch auf ihrem zweiten Album gutgelaunten Power Pop, der offene Türen einrennt und so tut, als sei das 20ste Jahrhundert nie vergangen. Ramones, Clash, Libertines, Tav Falco und sogar die Cramps lassen grüßen auf diesen unbekümmerten Songs.: der Vergangenheit verpflichtet und live bestimmt ein Erlebnis.
JJ Doom
“Key to the Kuffs”
Avancierter HipHop ist immer noch absolute Gegenwartsmusik. Eine der unverbiegbarsten Figuren im Underground ist ein Mann, der sich MF Doom nennt und seit Jahren versucht, das Spektrum dieser Musik zu erweitern, ob als Solist mit einer Reihe von Instrumentalalben oder als Kollaborateur an der Seite von gleichgesinnten wie Madlib. Für dieses Album ist Doom nun mit dem gleichgesinnten Produzenten Jneiro Jarel ins Studio gegangen. Die Anerkennung in der weißen Szene kann man daran ermessen, dass hier Leute wie Damon Albarn und Beth Gibbons von Portishead mitwirken, aber JJ Doom brauchen gar keine Gäste, um ihre subversiven Botschaften abzusetzen – für die Gemeinder derer, die noch daran glauben, dass HipHop entwicklungsfähig ist.
BRONZE
Archive
„With us until you’re dead“
Steckengeblieben in den 90ern: Eine Band, die immer wieder mit dem Vorwurf leben musste, die Massive Attack des armen Mannes zu sein. Archive gelten in ihrer britischen Heimat nicht viel, freuen sich aber über viele Fans im mediterranen Europa und machen deshalb immer weiter. Ihr neuestes Werk heißt wohl deswegen übersetzt „Uns werdet ihr nicht mehr los!“ Es ist seltsam verkauzte, ja tatsächlich Trip-Hop-Musik. Manchmal wird’s aber auch glaubwürdig intensiv.
The Heavy
“The Glorious Dead.”
Die machen Retro-Funk und Soul um ihrer selbst willen, bringen also keinerlei Neues ein, schielen damit auf ein Publikum, das die „gute alte Zeit“ möglichst originalgetreu erleben möchte. The Heavy machen das freilich sehr professionell, klingen immer amerikanisch und erinnern an Otis Reddings Balladen oder an den Swamp-Blues eines Tom Waits - ein sympathisches Retro-Album.
Chilly Gonzales
“Solo Piano 2”
Der Zündfunk präsentiert das kanadische Enfant Terrible Chilly Gonzales am 21.November im Münchner Prinzregententheater. Dort wird er auch viele Stücke seines neuen Albums vorstellen, das morgen erscheint. Abermals hat sich Gonzales also zum Wanderer zwischen Pop und Klassik, zwischen Melodie und Impressionismus gemacht. Er ist der Ryuichi Sakamoto des Westens.
Dave Stewart
“The Ringmaster General”
Der Brite hat seine Amerika-Begeisterung bis in die letzte Konsequenz ausgelebt und wohnt seit vielen Jahren in Los Angeles. Der Mann kann sich das leisten, schließlich war er einst die eine Hälfte der Eurythmics und kennt seitdem Hinz und auch Kunz der etablierten Musikszene. Stewart legt – kurz vor seinem 60sten Geburtstag – eine Art Hyperaktivität an den Tag, produziert fleißig und veröffentlicht unverdrossen. Natürlich findet sich hier ausschließlich altmodische Musik zwischen Rock, Soul und Country, höchst professionell eingespielt und mit einigen Stargästen gepimpt. Mein Lieblingstrack ist die Ballade „Drowning in the Blues“ mit Bluegrass-Superstar Alison Krauss.

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