Nachtmix Die Musik von morgen am 19. Juli
Man kann jetzt schon sagen, dass „Channel Orange“ von Frank Ocean eines der Alben sein wird, die den Sound des Jahres 2012 prägen werden – R&B in einer neuen Dimension, weil ausnahmsweise mal klischeefrei.
GOLD
Frank Ocean
„Channel Orange“
Er ist die große schwarze Hoffnung des R&B in Amerika. Der 24jährige Kalifornier hat sich zunächst als Sidekick einen Namen gemacht, gehört zur aktuell einflussreichsten HipHop-Posse „Odd Future“ aus LA, ohne deren derbe Attitüde zu teilen. Kurz vor der Veröffentlichung seines Albums outete sich Frank Ocean als schwul, was in der afro-amerikanischen Macho-Kultur eine Ungeheuerlichkeit darstellt, auf jeden Fall aber für beste Promotion gesorgt hat. Was aber ist mit der Musik? Die ist tatsächlich auch ohne Skandale aufsehenerregend. Frank Ocean ist funky, deep und einfühlsam – die Marvin-Gaye-Vergleiche gehen in Ordnung, weil auch die politisch engagierten und cleveren Texte völlig unüblich sind für gängigen R&B. Man kann jetzt schon sagen, dass „Channel Orange“ eines der Alben sein wird, die den Sound des Jahres 2012 prägen werden – R&B in einer neuen Dimension, weil ausnahmsweise mal klischeefrei. Bleibt nur die Frage, wie der Mann mit seinem schnellen Ruhm umgehen wird.
Jimmy Cliff
„Rebirth“
Der Reggae-Star hatte als junger Mann – ein paar Jahre vor Bob Marley – eine Reihe von internationalen Hits: „You can get it if you really want“, „Vietnam“, „The Harder they come“ usw. Jimmy Cliff ist es dabei immer gelungen, soziale Themen mit der Leichtigkeit des frühen Reggae zu verbinden. Das ist auch so bei dieser sog. Wiedergeburt, denn das Album hat nichts mit modernen Entwicklungen der jamaikanischen Musik zu tun. Vorsätzlich altmodisch produziert wurde es von Tim Armstrong, Sänger der amerikanischen Punkband „Rancid“ – eine unerwartete Kombi. Jedenfalls funktioniert das Album ganz wunderbar. Jimmy Cliff verwendet sogar Urformen des Reggae wie Ska und Rocksteady, um weiterhin aktuelle politische Botschaften abzusetzen – die BBC bezeichnet sein neues Album als „delightful“. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Micachu & The Shapes
„Never“
Kompromissloser und ambitioniert klingt das erste Album dieser britischen Band. Micachu ist der Kampfname der Londonerin Mica Levi, die sich hier radikal selbstverwirklicht mit 14 Songs, von denen viele die Zwei-Minuten-Grenze nicht überschreiten. Das steht dann eher in der Tradition von britischem Art Rock von King Crimson bis Gang of Four, ist aber natürlich mit aktuellem Instrumentarium arrangiert. So etwas muss man einfach begrüßen: Micachu and the Shapes sind das Gegenteil von Nummer Sicher.
Purity Ring
„Shrines“
Das kanadische Duo „Purity Ring“ ist mal wieder die beliebte Kombi Sängerin plus Knöpfchendreher. Ihr erstes Album wurde – so gehört sich das für junge Bands – zunächst in den modernen Blogs gefeiert, um nun auch physisch zu erscheinen. Dubstep, R&B und Chillwave sind in die ätherischen Sounds eingeflossen, über die die 21jährige Megan James dann süß drüber singt. Das ist ambitioniert, verträumt und zeitgemäß, Musik ohne Vergangenheit und vielleicht auch ohne Zukunft, aber ganz und gar Hier und Jetzt - der Beweis, dass Popmusik sich immer noch weiterentwickelt.
SILBER
Shawn Lee’s Ping Pong Orchestra
„Reel to Reel“
Ein Amerikaner, der nach Jahren in London nun wieder in Kalifornien arbeitet. Inzwischen haben eben auch die Amerikaner die Bedeutung der musikalischen Vergangenheit erkannt. Man kann auch sagen: Ihnen ist der Fortschrittsglaube abhandengekommen. Dies sind Instrumentals, die versuchen, die Filmmusik der 60er und 70er Jahre zu imitieren. Entsprechend finden sich hier gefakte James-Bond und Spaghetti-Western-Soundtracks. Das alles kommt sehr stilecht und geschmackssicher daher, Nostalgie ohne Schmalzigkeit, dafür mit Humor. Auf Shawn Lee kann man eben sich verlassen.
The Very Best
“MTMTMK”
Der britische Soundkosmos steht ja für jegliche, globale Einflüsse offen. Dies ist ein Projekt, das das Duo Radioclit vor ein paar Jahren mit dem Sänger Esau Mwamwaya aus Malawi gegründet hatte. Radioclit sind verschiedene Wege gegangen. Das neue Album “MTMTMK” – seltsamer Titel, die Band schweigt sich über die Bedeutung aus – hat nun Johan Karlberg allein mit dem Sänger produziert, und zwar überwiegend auf dem afrikanischen Kontinent. Das hört man den Songs hier auch an. Es ist eine Mischung aus Folklore und Housebeats, aus Intensität und Trivialität, will sagen: Manche Songs hier sind regelrecht albern, andere voller Erhabenheit.
Kimbra
“Vows”
Von der Existenz dieses Albums werden viele Menschen erfahren, ob sie es wollen oder nicht. Die neuseeländische Sängerin hatte das Glück, auf dem Gotye-Monsterhit „Somebody that I used to know“ die zweite Stimme zu liefern und damit semi-prominent zu werden. Also hat sich Warner Brothers entschlossen, ihr Debutalbum von 2011 weltweit zu veröffentlichen und zu promoten. Tatsächlich ist Kimbra kein übliches Pop-Sternchen, sondern eine Frau, die komplexe Songs baut und ihr Image in den eigenen Händen behalten will. Insofern sind die Songs hier wohlüberlegt und entsprechend konstruiert. In den besten Momenten erinnert sie sogar an exzentrische Rock-and-Roll-Diven wie Lydia Lunch.
BRONZE
Astrid North
„North“
Neue Sängerinnen überfluten weiterhin den Markt. Irgendwo wird schon eine neue Adele oder Amy Winehouse dabei sein, hoffen die Entertainment-Konzerne. So ist es wohl zu verstehen, wenn morgen das erste Solo-Album dieser deutschen Soul-Sängerin auf den Markt kommt. Allerdings ist Frau North keine wirkliche Debütantin war in den 90ern die Stimme des digitalen Dance-Projektes „Cultured Pearls“, hat sich dann quer durch den deutschen Mainstream gesungen, meist allerdings im Background, um nun endlich ihr erstes Album unter eigenem Namen zu veröffentlichen, mit 39! Die Musik ist dabei nicht wirklich Soul, weil sehr oft heavy Gitarren ins Spiel kommen oder Trip-Hop-Beats, die an die 90er erinnern. Dabei ist Astrid North am besten, wenn ihre beachtliche Stimme im Vordergrund bleibt.
Passion Pit
„Gossamer“
Das zweite Album der Band aus Massachusetts stützt die These, dass Rock and Roll eigentlich vorbei ist, dass jugendliche Unbeschwertheit heute nicht mehr durch kecke Gitarren, sondern durch ebensolche Digitalsounds repräsentiert wird. Passion Pit machen leichtgewichtige Liebeslieder, inhaltlich nicht weit entfernt von den frühen Beach Boys, nicht sehr schlau, aber irgendwie okay. Das Gewicht der Welt sollen andere tragen, meinen die Mitglieder von Passion Pit offenbar. Gleichwohl wird es auch auf sie herniedergehen, aber das hat ja noch Zeit: Die erträgliche Leichtigkeit des Seins.
BLECH
The Gaslight Anthem
„Handwritten“
Die Band aus New Jersey, die bislang stolz darauf war, eine Art jüngere Version des Bruce-Springsteen-Sounds zu repräsentieren, hat nun einen Deal mit Mercury Records, soll nun also komplett in den Mainstream überführt werden. Die Band hat sich für ihr viertes Album dafür entschieden, vom Jersey-Sound abzuweichen und stattdessen so etwas wie heftigen College-Rock zu spielen. Man will offenbar die Jüngeren und die Dümmeren für sich gewinnen und hat dafür auf den provinziellen Charme früherer Jahre verzichtet – ein Missverständnis. Das aber war das Einzige, was The Gaslight Anthem bislang erträglich machte. Natürlich wird das Album trotzdem ein Hit, obwohl es der Anfang vom Ende der Band ist.

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