Bayern 2 - Nachtmix

Nachtmix Die Musik von morgen am 16. Februar

Meistens ist es Anmaßung, wenn sich jemand als Genie bezeichnet. Aber wenn man die zweite Platte von Mike Hadreas hört, glaubt man fast an korrekte Selbsteinschätzung.

Autor: Roderich Fabian Stand: 16.02.2012
Perfume Genius: Put Your Back N2 It | Bild: Matador Records

GOLD

Perfume Genius
„Put your Back N2 it“

Eine spezielle Art von Chique-ness repräsentiert Mike Hadreas aus Washington, DC. Hadreas nennt sich als Musiker „Perfume Genius“ und ist ein Repräsentant der Queer-Szene Amerikas, in seiner Make-Up-verschmierten Seltsamkeit durchaus mit Antony and the Johnsons vergleichbar. Angeblich lebt das parfümierte Genie immer noch bei seiner Mutter, hat sein zweites Album aber in England aufgenommen. Die Songs hier sind mehrheitlich durch Echokammern geschickte, Folk-artige Balladen, oft sparsam am Klavier begleitet. „Put your Back into it“ ist das beste Album dieser Woche, tatsächlich geniale Songs, bestens geeignet für melancholische Blicke in die nächtliche Winterlandschaft.

Islands
„A Sleep and a Forgetting“

Die kanadische Band hat sich nach einem großartigen King-Crimson-Album benannt, klingt aber überhaupt nicht nach Prog-Rock. Die vier Mitglieder leben längst in Los Angeles und machen sonnigen Retro-Pop, der erst mal einen recht simplen Eindruck macht, aber ziemlich clever ausgetüftelt ist. Das vierte Album der Band enthält wieder verklausulierte Zitate aus Soul, Phil-Spector-Sound und Country und verbreitet auf jeden Fall nur positive Gefühle.

Lee Burton
„Busy Day for Fools“

Lefteris Kalabakas ist ein Musiker aus Athen, der sich für den internationalen Markt natürlich nicht Lefteris Kalabakas nennt. Gerne wird Lee Burtons Musik mit der von Nicholas Jaar verglichen, wegen der verträumten Langsamkeit auf elektronischer Basis. Mich erinnert dieses zweite Album aber eher an die Musik des Briten Fink, der sich vom Elektro ja allmählich zum Folk-Sänger entwickelt hat. Die ganze Melancholie, die wegen der wirtschaftlichen Situation die Griechen befallen hat, könnte man in die Musik Lee Burtons hineininterpretieren – vielleicht hätte er die gleichen Songs aber auch in Boomzeiten gemacht, wer weiß.

SILBER

tindersticks
„The Something Rain“

Das Album zeigt uns die Band um Stuart Staples als verträumte Psychedeliker. Dass die Tindersticks in den letzten Jahren viel Soundtrack-Musik gemacht haben – vor allem für die Filme von Claire Denis – ist auch diesem Song-orientierten Album anzumerken. Die meisten Tracks hier sind nicht klassisch mit Strophen-und-Refrain-Struktur gebaut, sondern eher als umherschweifende Mantras, repetitive Schleifen, über die Staples dann elegisch drübersingt. Wirkt natürlich immer ein bisschen manieriert, kann einen aber auch angenehm gefangen nehmen  – sie sind übrigens der “The”-losen Kleinschreibung anheimgefallen.

Pontiak
„Echo Ono“

Dieses Heavy-Blues-Rock-Trio stammt aus Baltimore im Staate Maryland, also aus der Stadt, aus der auch die tolle Krimiserie „The Wire“ kommt. Aber Pontiak nehmen ihre Alben angeblich in einer Waldhütte auf - und genau so klingt auch ihr viertes Album. Hier holt der kerngesunde Hinterwäldler die Streitaxt raus und hackt uns neun naturbelassene Songs hin. Das darf dann ruhig auch mal nach frühen Aerosmith klingen – Naturburschen aus Maryland – man sollte sie mögen.

Field Music
„Plumb“

Die Prog-Rock-Ära fasziniert zurzeit nicht wenige junge Musiker. Schon seit ein paar Jahren arbeiten die Brüder David und Peter Brewis mit ihrer Band „Field Music“ an einer Prog-Rock-Erneuerung. Auch auf ihrem neuen Album hören wir wieder eine höchst eigenwillige Mischung aus Prog-Harmonien und zugänglichem Brit-Pop. Man muss es Field Music lassen, dass sie mit dieser Melange einen absolut einzigartigen Sound hinkriegen, der allerdings Geschmackssache bleibt. Alles, was nach Prog-Rock kam, nämlich Punk, Funk und Disco, bleibt hier komplett ausgeklammert – seltsame Band.

BRONZE

Anais Mitchell
„Young Man in America“

Sie ist spätestens seit ihrer Folk-Oper „Hadestown“ von 2010 eine vielbeachtete Künstlerin. Ihr neues Album ist eine Rückkehr zur konventionelleren Form, nicht weniger intensiv, aber weniger spektakulär und eine Spur zu artifiziell-verdaddelt um sie schon jetzt in die Oberliga aufzunehmen, aber vielleicht kommt sie ja noch, die Einlösung ihres Versprechens.

Charlene Soraia
„Moonchild“

Die „London School for Performing Arts and Technology“, die man in der Szene nur die Brit-School nennt, hat sich in den letzten 20 Jahren zur wichtigsten Talentschmiede fürs britische Entertainment-Geschäft  entwickelt. Adele, Amy Winehouse, Kate Nash und Katie Melua sind alle Absolventen gewesen. Wenn nun mit Charlene Soraia eine weitere Absolventin dieser Pop-Akademie ihr Debutalbum vorlegt, riecht das also sofort nach Durchbruch. Aber Charlene Soraia möchte gar kein Pop-Sternchen werden. Sie ist stolz darauf, alle Gitarrenparts auf ihrem Album selbst eingespielt zu haben und hat einen hörbaren Hang zum milden Jazzrock. Hier geht’s also weniger ums Image und mehr um einen Leistungsnachweis. Nur ein Track des Albums befriedigt die Adele-Fans, die Single „Wherever you will go“,die zugleich der Soundtrack für eine Tee-Werbung und hier als Bonus-Track angehängt ist.

Errors
„Have some faith in Magic“

Ein Album, das zeigt, was inzwischen aus Post-Rock geworden ist: Errors sind eine schottische Band, die auf dem Label der Post-Rock-Helden „Mogwai“ veröffentlichen. Statt aber auf ihrem dritten Album die üblichen langen Gitarren-Insrumetals abzuliefern, haben sich die Errors für Synthesizer und gesampelte Stimmen entschieden. Und so klingt das Album wie Post-Post-Rock und damit nicht selten wie Depeche Mode.

Hanne Hukkelberg
„Featherbrain“

Diese Norwegerin erinnert in ihrer musikalischen Experimentierfreudigkeit immer an Björk. Hukkelberg macht Avantgarde-Musik ohne Kompromisse, aber hier lernen wir auch, wie schön Dissonanzen klingen können.