Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Nils Frahm | Calexio | Django Django

Der kompakte Überblick über die Neuerscheinungen der Woche stellt die neuen Alben vor. Mit dabei sind unter anderem Migos, Calexico, Nils Frahm, Django Django, Ty Segall, The Code und Nightmares On Wax.

Von: Ralf Summer

Stand: 25.01.2018

Cover: Nightmares On Wax - Shape the Future | Bild: beatinternational

Nils Frahm – All Melody

Bekannt wurde der aus Hamburg stammende Pianist mit seinem Soundtrack zum gefeierten Film "Victoria". Inzwischen haben einzelne Klavier-Pop-Songs von ihm zum Teil 50 Millionen Plays auf Spotify. Und für eine sechsstellige Summe (Groove-Magazin) hat er sich mittlerweile sogar ein Studio im Funkhaus Berlin eingerichtet, um das Album "All Melody" aufzunehmen. Es ist eine Zusammenfassung seines Plans drei verschiedene Alben gleichzeitig zu veröffentlichen: Eine Klavier-Platte, eine Platte mit Ensemble-Arbeiten - mit Musikergästen - und eine mit elektronischer Musik. Das neue Werk sollte ihn noch bekannter machen. Seine vier Berliner Funkhause-Konzerte diese Woche sind ebenso ausverkauft wie sein Münchner Konzert im April in der Muffathalle, im Dezember wird in der Philharmonie ein Weiteres folgen. Beeindruckend!
(8,5 Punkte von 10)

Tocotronic – Die Unendlichkeit

Sie hätte auch "Ich War Teil einer Jugendbewegung" heißen können oder "Wir sind gekommen uns zu erinnern", statt "Wir sind gekommen uns zu beschweren". Denn Tocotronic haben zum 25-jährigen Bandbestehen ihre "Autobiographie In Pop" eingespielt, wie Sänger Dirk von Lowtzow im Zündfunk-Interview sagte. In den zwölf Songs auf "Die Unendlichkeit" lässt er sein Leben Revue passieren - die Texte hat Bassist Jan Müller lektoriert, damit sie für die ganze Band sprechen. Die chronologisch aufgebaute Platte beginnt punkig mit den Jugendjahren ("Electric Guitar", "Hey Du") und gibt mit "1993" Dirks Umzug nach Hamburg und auch der Band-Gründung einen eigenen Song. Die zweite Hälfte der Platte spult sich durch die Roxy-Music-Phase der Band - Anfang der Nullerjahre zu Zeiten ihres Weißen Albums - bis zur Liebe für Folk-Songs in der Gegenwart in Berlin, wo Jan und Dirk inzwischen wohnen. Die tolle Platte zeigt, daß eine musikalische Autobiographie funktionieren kann, wenn man sich selbst nicht zu wichtig nimmt und das Album so auch als Porträt einer Generation dienen kann: Als das Porträt der Generation "Hamburger Schule", als Gegenentwurf zur damals zeitgleich agierenden Generation "Love Parade".
(8,5 Punkte von 10)

Nightmares On Wax – Shape The Future

Es ist eine schwierige Gratwanderung zwischen kitschiger Lounge-Tapete und soulfullem Downbeat-Sound mit Tiefgang. Seit den 90ern, als der Downbeat-/Lounge-Sound seinen Höhepunkt feierte - mit Platten von Kruder & Dorfmeister, Buddha Bar oder Cafe Del Mar - haben nur wenige Künstler die qualitative Seite hochhalten können, wie unter anderem Boozoo Bajou aus Nürnberg und Nightmares On Wax aus England beziehungsweise Ibiza. Sie haben ein Verständnis von Dub und Soul für ihren Kosmos. Das Wort "Kosmos" ist bewusst gewählt, denn George Evelyn, der Kopf von N.O.W., wünschte seinen Fans zu Weihnachten ein leicht esoterisches "Merry Cosmos and Happy No Fear". Und legt nach: "Everything in the material world comes from the spirit." Die geschmeidige neue Nightmares On Wax liegt genau im gefährlichen Bermuda-Dreieck zwischen locker swingender Hintergrund-Beschallung, umarmender Eine-Welt-Liebe und geerdetem Soul-Pop. Aber auf der guten Seite von Bermuda.
(8 Punkte von 10)

Khruangbin – Con Todo El Mundo

Das kommt dabei heraus, wenn entliehene Musik wieder zurückgeholt wird: Einst landete der Funk bei seinem Siegeszug um die Welt auch in Asien - eine besondere Spielart ist der Thai-Funk aus den 60ern und 70ern. Inzwischen hat auch der Westen diese fernöstliche Interpretation entdeckt. So entstand in Houston,Texas das Trio Khruangbin. Es ist das thailändische Wort für "Flugzeug". Khruangbin kreuzen ihre Version von Thai-Funk mit leichten Surf-Sounds. Heraus kommt eine angenehm schlappe Variante von Slacker-Pop instrumental und das erinnert teilweise an den Veranda-Sound eines Tommy Guerrero. Die Single "Maria También" könnte mit ihrem Drive dagegen auch in einem Tarantino-Film laufen. Kennengelernt hat sich das Trio über einen Blog zu psychedelischer Thai-Musik. Die zwei Jahre alte Erstauflage ihrer Debüt-LP wird schon schon zwischen 50 und 100 Euro gehandelt. Live spielen Khruangbin am 17. Februar im Strom, München.
(8 Punkte von 10)
           

No Age – Snares Like A Haircut

Eine Band, die dermaßen Gas gibt, das es Spaß macht. No Age fahren auf ihrem neuen Album eigentlich bei jedem Song die Energie und Haltung auf, die den Sonic Youth-Klassiker "Teenage Riot" so besonders machte, also Noise-Rock mit Pop-Touch. Liedern wie "Drippy", "Tidal" oder "Popper" gelingt es sowohl Positivität als auch Negativität unter eine Haube zu bringen. Ein seltenes Talent des kalifornischen Duos. Die Platte ist die beste Werbung dafür, dass Alben noch Sinn machen und Hits nicht immer nur noch zu Playlists zusammengefasst werden müssen. Doch die beiden Herren haben nicht nur Hardcore im Kopf: No Age haben auch schon mit Künstlern wie Hedi Slimane, Doug Aitken und Chloe Sevigny zusammengearbeitet und ihren Gitarre+Gesang+Drum-Sound verfeinert. Nach drei Alben auf SubPop sind sie nun bei Drag City gelandet, einem weiteren tollen US-Label.
(8 Punkte von 10)

Calexico – The Thread That Keeps Us

Joey Burns erzählt von Liebe und Krieg in extremen Zeiten, von "einer Welt, die auseinanderbricht". "The Thread That Keeps Us" heißt denn auch die neue Platte seiner Band Calexico, mit "etwas mehr Chaos und Noise im Mix als bei den vergangenen Alben". Aufgenommen wurde die Platte in San Francisco. Und in dieser Zeit ging Burns viel in Kalifornien wandern. Das Spektrum reicht wieder von Americana über Blues-Rock und leichten Reggae ("Under The Wheels") bis zum typischen Wüsten-Sound mit leichten Latin- und Cumbia-Anklängen. Hauptsache es klingt nach Panorama-Pop. Neu im calexicalischen Kosmos ist der leichte Afro-Ausflug in "Another Space". Sie sind mehr Landschaft als Band. Mehr davon - und weniger Folk+World-Perfektion! Live im Süden: 11. März in der Muffathalle in München und am 22. März im Wizemann, Stuttgart.
(7,5 Punkte von 10)

SZA - Ctrl

SZA, die gefeierte R'n'B-Sängerin bringt morgen ihr Grammy-nominiertes Debüt "Ctrl" - "Control" - in Deutschland raus. Nochmal. Denn hierzulande hat sie bisher nicht annähernd das erreicht, was sie in ihrer Heimat gerissen hat. In den USA erschien "Crtl" schon im Juni und hat damit Goldstatus erreicht - 500.000 Platten hat sie verkauft. Mit ihrem Mix aus modernem R'n'B, Neo-Soul und Charts-Appeal ist sie eine Art weiblicher Frank Ocean. SZA ist Fan von Lauryn Hill und Sade und begann als Songwriterin für Beyoncé und Nicki Minaj. Ihr eigenes Album musste wegen ihrer Angst-Störung bis 2017 warten. Rick Rubin hat ihr dabei geholfen. Und Justin Timberlake und Kendrick Lamar standen als Gäste bei ihr am Mikro. Für das Pitchfork-Blog war das Debüt Platz 2 der Jahres-Charts - nach Kendrick Lamar und vor King Krule. Den Durchbruch in Deutschland hätte sie auch längst verdient. Ihr Künstlername setzt sich übrigens aus drei Buchstaben des sogenannten "Supreme Alphabets" zusammen: "S" steht für "Sovereign", "Z" für "Zig-Zag" und "A" für "Allah". Und dieses "Supreme Alphabet" wurde von der Five Percent Nation erfunden – im Deutschen: Die afroamerikanisch-religiöse Bewegung "Nation of Gods and Earths".
(7,5 Punkte von 10)

Ty Segall – Freedom´s Goblin

Ty Segall, der unberechenbare und unermüdliche Kalifornier, veröffentlicht mit "Der Kobold der Freiheit" sein zehntes Album in nur zehn Jahren. Wieder pickepackvoll mit Songs - diesmal 19 an der Zahl - und verschiedensten Stilen. Mal heulen die 60er auf, mal rumpelt es in der Garage, dann covert er Hot Chocolate ("Everyone's A Winner Baby") oder ein Beat groovt plötzlich los. Sein Label meint, Ty habe ohnehin sechs verschiedene Persönlichkeiten, er sei eine gespaltene Künstlernatur. Damit hätten seine Geister natürlich die meiste Freiheit – siehe Albumtitel. Um alles hinzubekommen, wurde in fünf Studios gezaubert., von L.A. bis Chicago. Insgesamt scheint sein Funk-Kobold diesmal stärker als sonst gewesen zu sein. Selten pluckerte Segall so wie bei "Despoiler Of Cadaver". Das Stück hat sogar einen alten, angezerrten R'n'B-und-Soul-Touch. Steht ihm gut. Wir schon vorhin bei Calexico: Je funkier, desto freier, desto besser!
(7 Punkte von 10)

Django Django – Marble Skies

2012 landeten sie mit ihrem größten Hit "Default" den Song des Jahres vom Nachtmix und Zündfunk. Nun ist Album Nummer Drei der britischen Band fertig. Das wurde auch wieder vom Drummer der Band selbst aufgenommen. Und was die Direktheit betrifft, ist es ans Debüt angelehnt. Django Djangos Stärke ist und bleibt die ansteckende Spielfreude, wie beim Hit "Tic Tac Toe". Auch wenn es diesmal poppiger zugeht. Manko: Manchmal meint man, auch hier den Ramones-Effekt zu spüren: Die Stücken sind schon sehr ähnlich gestrickt. Live ist das sicher anders – Django Django spielen am 13. März im Münchner Strom.
(7 Punkte von 10)  

The Code – Paramount

Cover: The Code - Paramount | Bild:  Warner Bros

Kein Album, sondern ein Mixtape. Aha. Wo war nochmal der Unterschied? Der britische Musiker hinter dem anonymen Projekt vermischt zeitgemäße Sounds: Electronica mit Pop und R'n'B. Klingt wie eine kommerzielle Variante von SOHN oder Flume.
(keine Wertung, da nur 2 Songs vorhörbar)

Migos – Culture II

Sie sind eine der ganz großen, neuen Nummern in den USA. Mit dem Album "Culture" sprangen sie auf Anhieb auf Platz Eins der Album-Charts. Und die drei verwandten und miteinander aufgewachsenen Rapper aus Atlanta überboten bei den Streaming-Zahlen sogar die Superstars Justin Bieber und Beyoncé. Allein ihr Hit "Bad & Boujee" hat vier Mal Platin eingeheimst – für eine halbe Milliarde Streams. Nun legen Onkel Quavo und seine Cousins Offset und Takeoff den Nachfolger vor. Auf "Culture II" sind unter anderem Nicki Minaj und Cardi B Gäste am Mikro. Und auch Pharrell Williams arbeitete mit. Ihr gemeinsames "Stir Fry" ist Teil der NBA-Allstar-Weekend-Kampagne. Rap ist stadiontauglich geworden. 
(keine Wertung möglich, da nur drei Songs vorhörbar)