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Neuerscheinungen der Woche Lali Puna | The National | Sparks

Auf das neue Album von The National mussten wir vier lange Jahre warten. Es wird "Sleep Well Beast" heißen und reiht sich eine lange Reihe von Trump-Protest Alben ein. Seit der letzten Veröffentlichung von Lali Puna vor fünf Jahren hat sich auch viel verändert. Sowohl in der Band, als auch in der Weltordnung. Darauf nimmt die Band in ihren Songs genauso Bezug wie auf den Kampf mit sich selbst. Mount Kimbie haben das Genre Post Dubstep geprägt und standen schon immer für organische Sounds. Außerdem in der Musik von Morgen: Neues von Neil Young, Sparks und Zola Jesus.

Von: Matthias Hacker

Stand: 07.09.2017

Cover: Sparks - Hippopotamus | Bild: BMG

SPARKS – Hippopotamus

Seit 1971 sind die beiden Brüder Russel und Ron Mael gleichzeitig scharfsinnige und komische Kommentatoren der Popkultur. Das beweisen sie auch auf ihrem 22. Studioalbum „Hippopotamus“.  Ob es um die prüde Gesellschaft und die Missionars-Stellung geht, um französisches Kino, Edith Piaf oder Skandinavisches Design.  Scandinavian Design. Zuletzt haben sie mit den Indierockern von Franz Ferdinand die Band FFS gebildet. Jetzt aber sind sie wieder für sich und gewohnt theatralisch, schrill und mit Falsettgesang. (6 Punkte von 10)

Cro – Tru

Es fällt auf: Cro will tiefgründiger klingen als früher. Aber seine neuen Songs sind immer noch nicht sehr deep, weil er immer noch über „boys“ und „girls“ für „boys“ und „girls“ singt. Aber immerhin. Er rappt gut und begibt sich auf die Suche nach neuen Wegen. Das hätte viel schlimmer kommen können.
(5 Punkte von 10)

Nick Mulvey – Wake Up Now

Es ist als wollte uns Nick Mulvey mit dem Albumtitel „Wake Up Now“ aus der Tiefenentspanntheit und Hypnose wecken, in die er uns mit seiner Musik versetzt. Er wäre ein ganz gewöhnlicher Songwriter, würde er einfach nur schön singen und Gitarre spielen. Aber Mulvey unterlegt seinen Songs vielschichtige und unkonventionelle Percussions. Die Grooves erinnern an die Talking Heads und werten viele Songs deutlich auf. Auch die afrikanischen Beat- und Melodieeinflüsse klingen spannend. Hier fühlt man sich schnell an den Beduinen-Sound von Tinariwen erinnert. (7,5 Punkte von 10)

Zola Jesus – Okovi

Für ihr neues Album hat sie sich in ihren Geburtstort in Wisconsin zurückbegeben und dort eine kleine Hütte gebaut. In dieser hat sie sich  mit persönlichen Kindheitstraumata auseinandergesetzt. Die Songs klingen auch fiebrig. Die elektronischen Pop, Gothic und Dark Wave Songs ergeben zusammen mit ihrem Operngesang eine ganz intensive Erfahrung. (6,5 Punkte von 10)

Alex Cameron – Forced Witness

Er ist ein Dandy, wie er im Buche steht: Alex Cameron trägt angesagte Mode, spielt im Video zu Stranger‘s Kiss mit den Geschlechterrollen, und er kokettiert mit kitschigen, trashigen Synthesizer-Sounds. Wie das heute gerne so gemacht wird. Zugegeben: Das geht auch oft zu weit. In den schlechten Momenten erinnert sein zweites Album an die Baywatch-Titelmelodie. Aber das würe Alex Cameron wohl sogar als Lob verstehen. Alex Cameron trägt gerne viel auf. Ob es Pomade in seinen langen, glatten, blonden Haaren ist oder cheesy 80er-Jahre-Synthie Sound. Das cheesy Saxophon, der verhallte Drum-Sound und das Keyboard, das er scheinbar von den Flippers geklaut hat. Prince würde es mögen. Wer es nicht mag, konzentriert sich auf die markante Stimme und auf seine toll geschriebenen Songs. Nicht nur Cameron selbst, sondern auch seine Themen sind Dandy: Er singt über Handy- und Inernetsucht, Chatroom-Liebe und Herzschmerz.
(7 Punkte von 10)

The Waterboys - Out Of All This Blue

Ihr 22. Studioalbum wurde in Dublin und Tokio aufgenommen. Bandchef und Sänger Mike Scott hat produziert. Er sagt: „ Das Album besteht zu zwei Dritteln aus Liebe und Romantik und zu einem Drittel aus Geschichten und Beobachtungen.“ Das sagt Bandchef und Sänger Mike Scott. Musikalisch traut er sich auch mal an R&B, Country, Soul und Funk. Aber trotz all dieser Bemühungen und Einflüsse bleibt es für mich ein blasses Pop-Rock -Album der Schotten. (4 Punkte von 10)

Lali Puna – Two Windows

Vor sieben Jahren erschien das letzte Lali Puna Album „Our Inventions“. Dazwischen ist einiges passiert. Die Welt hat sich weitergedreht und das viel schneller, als sich das manche wünschen. Bandmitgründer Markus Acher hat die Band verlassen, und auch im Leben von Sängerin Valerie Trebeljahr hat sich einiges verändert, was sie auf „Two Windows“ dokumentiert. Musikalisch wird es konkreter als früher und auch tanzbarer. Auf der Hälfte der Tracks wird technoides Adrenalin ausgeschüttet. Die Frequenzen und Sequenzen erhöhen sich. Aber bevor der Herzschrittmacher durchbrennt, drosseln Lali Puna wieder das Tempo und erinnern uns mit ihren melancholischen, klassischen Knister-Kompositionen an ihre Indietronic-Wurzeln. Es ist ein Neuanfang, der das Zurückliegende nicht ignoriert. Auf „Two Windows“ werden gesellschaftspolitische und persönliche Themen verhandelt. Wieso legen wir uns durch neue Technologien Ketten an? Wieso sind wir nicht glücklich? Das alles fragt und säuselt uns Sängerin Valerie Trebeljahr sanft ins Ohr.  Gegen Ende der Platte wartet dann auch noch eine tolle Coverversion eines Kings-Of Leon-Klassikers. Und live kann man das auch bald hören: Am 29.November spielen Lali Puna in den Kammerspielen in München.
(8 Punkte von 10)

The National – Sleep Well Beast

The National sollten sich vielleicht in The International umbenennen. Sie wohnen mittlerweile über die ganze Welt verstreut: New York, Kalifornien, Dänemark, Ohio, Paris. Sie haben sich Zeit genommen für das neue Album. Jeder einzelne hat eigene Projekte vorangetrieben: Sich politisch engagiert, Nebenprojekte verwirklicht, Festivals kuratiert. Das hat ihnen gut getan. Genauso wie ein Besuch im Berliner Funkhaus. Bei einem Musikertreff haben sie mit anderen Künstlern wie zum Beispiel Mouse On Mars an ihren Skizzen gearbeitet und vieles davon hat es aufs Album geschafft, wie Scott Devendorf im Interview erzählt:

"That kind of glitchy like Mouse On Mars, those guys, like processed a lot of like Brian’s drums and then made their own things as well, and kind of like re programmed bits that you hear a lot of on the record, and all that kind of noisy, scratchy, like awesome rhythmic… yeah. Just they’re great, so… Yeah, they went a bit crazy."

Scott Devendorf von The National

Da ist es ein bisschen mit ihnen durchgegangen und es gibt viel experimentellereParts Zeug auf der Platte. Genau das ist es, was Sleep Well Beast besonders interessant macht. (8,5 Punkte von 10)

Mount Kimbie – Love What Survives

Mount Kimbie haben das Genre Post Dubstep geprägt, standen aber schon immer mehr auf organische Sounds und bevorzugten Liveinstrumente bei ihren Konzerten – wie auch bei ihrem tollen, wenn auch verregneten Auftritt beim PUCH Festival.  Auf „Love What Survives“ kommen sie jetzt noch weiter vom geraden Klick der Drummachine oder dem Takt des Metronoms ab. Sie jammen, klingen nach Garage, nicht mehr nach Tonstudio. Ja, man spürt fast Blues in ihren Liedern. Kai Kampos von Mount Kimbie meint:

"Für dieses Album wollten wir herausfinden, wie es sich anfühlt mit eher limitierten Instrumenten zu arbeiten, die aber voller Charakter und Geschichte stecken. Wie können wir diese Instrumente in die Jetztzeit übertragen und ihnen unseren Stempel aufdrücken?"

Kai Campos, Mount Kimbie

Wenn sie dann auch noch ihre zwei alten Freunde King Krule und James Blake ans Mikrofon lassen, ist von hedonistischem Dubstep nichts mehr zu hören. Dann befinden wir uns ganz tief drinnen - in ein hochkomplexen und emotionalen Materie. Mehr zum neuen Album gibt es hier. (8,5 Punkte von 10)

Deerhoof – Mountain Move

Früher haben sie sich auf ihren Alben nicht von der Außenwelt beeinflussen lassen. Auf „Mountain Move“ sei das aber jetzt anders. Das sagen Deerhoof und denken dabei an Donald Trump und das derzeitige Weltgeschehen. Es sei keine Zeit für Isolation in diesen schwierigen Zeiten. Sie wollen sich engagieren, spenden die Downloaderlöse des Albums an eine Hilfsorganisation, die sich für Diskriminierungs- Opfer einsetzt. Ihre Musik soll jetzt Optimismus verbreiten. Die Wahlergebnisse von 2016 sollen nicht auch noch das kaputt machen, meinen Sie. (6,5 Punkte von 10)

Nosaj Thing – Parallels

Jason Chung beweist, dass er nicht nur Rap-Superstars wie Kendrick Lamar oder Chance The Rapper gute Ideen liefern kann, sondern auch noch genug übrig hat für seine Soloplatten. Diesmal hat er sich selbst Unterstützung geholt. Unter anderem von Produzentenguru Steve Spacek. Sein viertes Album war ein Neuanfang. Denn während einer Tournee wurden Jason Chung alias Nosaj Thing Festplatten geklaut. Darauf waren Skizzen und Songs der letzten drei Jahre. Er musste nochmal ganz neu beginnen. Aber in jedem Ende liegt auch ein Anfang. Und er hat das Beste draus gemacht. (7 Punkte von 10)

Neil Young – Hitchhiker

Cover: Neil Young - Hitchhiker | Bild: Reprise

Das verschollene Neil Young Album von 1976 erscheint doch noch. Neil Young hatte sich damals auf andere Projekte konzentriert und so kam es, dass Hitchhiker nie erschien. Jetzt wird dieser Schatz doch noch gehoben. Er hat das Album damals in einer einzigen Session eingespielt – nur mit Akustik-Gitarre und Mundharmonika. Damit wird die Lücke zwischen dem laut polternden „Zuma“ und dem Live-Album „American Stars and Bars“ geschlossen. Viele Songs kennt man aber schon von anderen Platten:  Pocahontas und Ride My Lama zum Beispiel. Oder den Hit Campaigner von einer Stills and Young Platte. Und Powderfinger aus alten Crazy-Horse-Zeiten. Aber all diese Songs gibt’s jetzt im ursprünglichen Original.
(7,5 Punkte von 10)