Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche John Maus | Sepalot | Weezer

In dieser Woche kommen aus fast allen Genres relevante Platten: Pop, Hip Hop, Folk, Techno und sogar Funk, Minimal Music und Meta Pop sind dabei. John Maus schickt uns auf den Referenzfriedhof der Popgeschichte und feiert dort seinen beeindruckenden Meta-Pop mit viel Hall und hymnischen Synthies. Das legendäre Detroiter Funk-Kollektiv Funkadelic wird von seinen musikalischen Erben auf eine Zeitreise geschickt und landet teilweise tatsächlich im Hier und Jetzt. Außerdem u. a. mit dabei: Gisbert zu Knyphausen, Julien Baker, Joe Henry und Sepalot.

Von: Angie Portmann

Stand: 26.10.2017

Cover: Sepalot - Seek | Bild: Eskapaden Musik

John Maus - Screen Memories

Willkommen in der Kathedrale von John Maus. Gleißendes Licht, hymnische Synthies begrüßen uns und eine tiefe Stimme raunt uns etwas ins Ohr. Auch nach sechs Jahren Pause, in denen John Maus seinen Doktor in politischer Philosophie gemacht hat, haben seine Songs etwas Erhabenes. Das mag am Hall liegen, dem großen Raum, der dadurch entsteht, vielleicht aber auch an der Orgel, die immer wieder auftaucht und an polyphone Renaissance-Messen erinnert. Nur selten wird diese Popmesse auf "Screen Memories" unterbrochen. "Find Out" schickt uns kurz in den Keller, wir steigen hinab in die schmutzigen Untiefen des Rock'n'Roll, zu Postpunk, Sisters of Mercy und Joy Division. Aber auch dort gilt: über den vielen Anspielungen und Zitaten des John Maus, seiner radikalen Kombination musikalischer Ideen, liegt immer ein gewisser sakraler Schleier. "Screen Memories" fühlt sich deshalb auch an, als würden wir auf dem Referenzfriedhof der Popgeschichte spazieren gehen, beim Hören läuft einem immer wieder ein wohlig-kalter Schauer über den Rücken. Manche nennen die Musik von John Maus aus Minnesota "Avant-Pop", andere sprechen von "Meta-Pop" (Musik über Musik also) ...für mich ist es die große weise Glaskugel des Pop. Es schneit, aber dazwischen glänzen die wunderbaren Popmelodien des John Maus. (8 Punkte von 10)

Gisbert zu Knyphausen  - Das Licht dieser Welt

"Das Licht dieser Welt" ist das erste Album von Gisbert zu Knyphausen nach sieben Jahren. Dazwischen hatte er mit Nils Koppruch das Duo Kid Kopphausen gegründet. Kurz nach der Veröffentlichung ihres Debüts stirbt Koppruch völlig überraschend. Knyphausen klinkt sich aus, zieht sich zurück und findet erst über einen Bassisten-Job in der Band von Olli Schulz zurück zur Musik. Die Songs auf "Das Licht dieser Welt“ sind introvertiert und melancholisch, kreisen um die großen Fragen des Lebens bzw. die kleinen stillen Dramen direkt neben uns. Und dabei schafft es der Singer/Songwriter Knyphausen fast immer nicht peinlich zu werden, durchaus eine Kunst, die nur wenige andere deutsche Songwriter beherrschen. Denn immer wenn man denkt, ups, jetzt wird's doch einen Ticken zu betroffen, zu romantisch, dann findet Knyphausen fast immer einen Dreh, den Song zu retten. Dann kommt er mit einer tollen, überraschenden Formulierung um die Ecke, mit einem Blixa Bargeld-Zitat z. B. ("jeder geschlossene Raum ist ein Sarg") oder er lässt die neu dazugekommenen Bläser einen guten und vor allem lauten Job machen. Zum ersten Mal singt der Wahlberliner diesmal auch zwei Songs auf englisch, trotz Akzent auch fast nicht peinlich. Und er hat einen Song seines verstorbenen Freundes Koppruch zu Ende geschrieben und mit auf's Album gepackt. Das rastlos optimistische "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall". Fazit: Knyphausen ist nach wie vor der perfekte Begleiter für empfindsame, literaturbegeisterte Menschen, die nicht immer nur Element of Crime hören wollen. (7)

Julien Baker - Turn Out The Lights

Mit ihrem Debüt "Sprained Ankle" hat sich Julien Baker aus Memphis, Tennessee, schon eine kleine aber begeisterte Fan-Gemeinde erspielt, zu der u. a. auch Conor Oberst gehört. Damals, mit 18, hat sie ihre Songs noch ganz spartanisch, nur mit Gitarre, aufgenommen und auf Bandcamp hochgeladen. Mittlerweile hat sie das renommierte Indie-Label Matador gesignt und ihr für "Turn Out The Lights" eine Studioproduktion ermöglicht. Mit Streichern, Bläsern und Klavier ist der Sound auf "Turn Out The Light" jetzt wesentlich breiter, epischer. Textlich bleibt die heute 22-jährige Baker aber ganz bei sich und ihren bisherigen Themen einer jungen Amerikanerin, die weiblich, lesbisch und gläubig ist. Baker, die als Teenager in einem verwirrenden Bermuda-Dreieck zwischen Kirche, Skaterpark und Drogen aufgewachsen ist, weiß davon nach wie vor das ein oder andere Lied zu singen. Mit krassen Textzeilen wie "The harder I swim, the faster I sink" oder "My heart is gonna eat itself, I don't need anybody's help" oder "I used to never wear a seatbelt, I said I didn't care what happened". Früher hat sich Julien Baker nie angeschnallt, doch, und das ist neu auf "Turn Out The Lights", mittlerweile existieren in ihrem Leben Menschen, für die es sich lohnt, unverletzt zu bleiben, den Sicherheitsgurt eben doch anzulegen. Bakers Coming of Age-Songs sind also nicht mehr nur verzweifelt, sie malen auch einen Hoffnungsschimmer ans Ende des Horizonts. Gern würd ich mich davon mitreißen lassen, allerdings berührt mich die musikalisch allzu glatt polierte Umsetzung von "Turn Out The Lights" nur bedingt. Aber vielleicht kann Julien Baker ja mit Album Nummer Drei die Welt retten... (7)

Joe Henry - Thrum

Eigentlich ist Joe Henry ja für jedes Experiment zu haben. Der amerikanische Country- und Folksänger hat schon mit dem Helmet-Frontmann Page Hamilton zusammengearbeitet, an Trip Hop-Beats herumgebastelt, mit Jazzmusikern wie Ornette Coleman im Studio gestanden und einen Song für seine Schwägerin Madonna geschrieben. Und er hat unzählige Alben produziert, für Solomon Burke (Grammy!) bis Elvis Costello. Zuletzt war er zusammen mit Billy Bragg unterwegs durch die USA und hat an Bahnhöfen gleisaffine Songs eingespielt. Sein neues  Soloalbum ist allerdings wieder eine grundsolide Americana-Platte. Mit einem ausgesprochen warmen Sound, aber ohne einen Hauch von Experiment. (6,5)

Weezer - Pacific Daydream

Ich hatte mal einen Freund, der war Hardcore-Weezer-Fan. Er ist durch halb Bayern gefahren, um die Band zu sehen. Ihr Debütalbum war sein ganz persönliches "Sergeant Pepper", "Buddy Holly" seine große Liebe. Sollte er morgen das neue Weezer-Album hören, bin ich mir sicher, es kommen ihm die Tränen... aber nicht vor Glück. "Pacific Daydream" ist ein glatt polierter Beach Boys-Abklatsch ohne Charme, aber viel Charts-Appeal. Popstampfer wie "Feels Like Summer" klingen wie tausend andere momentan, berechnend und lieblos. Zweifelsohne ist Rivers Cuomo immer noch ein großartiger, hochprofessioneller Songschreiber und bei manchen Songs wippt man fast zwanghaft mit. Aber meinen Kumpel und mich bekommen sie damit nicht mehr, dafür aber vielleicht wieder eine Grammy–Nominierung wie fürs letzte Album. (4,5)

Dave Clarke - The Desecration Of Desire

Nach 14 Jahren veröffentlicht der britische DJ, Produzent und Radiomoderator Dave Clarke endlich wieder ein neues Album: "The Desecration Of Desire". Der "Baron des Techno", wie er einst von John Peel getauft wurde, war viel unterwegs seit 2003. Hat viel aufgelegt, aber auch viel gehört, Radio vor allem, wie er selbst sagt. Der mittlerweile in Amsterdam lebende Clarke ist ein großer Fan von BBC6. Und so sind auch wieder etliche Stimmen auf seiner neuen Platte gelandet. Neben Mark Lanegan ist das z. B. Anika, Mt. Sims und LOUISAHHH. Die schroffen Beats und düsteren Synthies, der apokalyptische Trademark-Sound von Clarke, ist aber geblieben. (7,5)

Chloé - Endless Revisions

Chloé ist seit zwanzig Jahren ein Aushängeschild der Pariser DJ Szene. Aber sie arbeitet nicht nur als DJ und Produzentin, sie hat auch das Label Kill the DJ mitgegründet und ist damit eine Schlüsselfigur in der französischen Elektronik-Szene. Zuerst war sie Resident im legendären, queeren Le Pulp, später hat sie dann 15 Jahre lang im Rex aufgelegt. Ihr tolles neues Album "Endless Revisions" geht aber über den DJ-Kontext weit hinaus. Chloé hat sich dafür auch mit klassischer Musik bzw. der Minimal Music von Steve Reich beschäftigt. In der Tradition von Reich steht wiederum Rhys Chatham, der auch auf "Endless Revisions" zu hören ist. Einem Album zwischen dunklen cinematografischen Momenten und klaren technoiden Klängen. Kernstück ist das schwerelose "The Dawn", das Toningenieure des staatlichen französischen Radios mit einer speziellen Aufnahmetechnik abgemischt haben. Entstanden ist so ein Stream of consciousness, dem man sich, vor allem wenn man es mit Kopfhörern hört, nur schwer entziehen kann. Und Chloé hat sich diesmal auch eine Menge Gäste eingeladen. Neben Rhys Chatham hören wir z. B. auch Ben Shemie von den großartigen Suuns. Und wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist: Chloé spielt am 28.10.2017 in München im Blitz Club ein DJ Set - zusammen mit Superpitcher. (8)

Sepalot - Seek

Das neue Sepalot-Album "Seek" ist quasi der zweite Teil eines Doppelalbums, dessen erster Teil "Hide &" bereits im Frühjahr erschienen ist. Der ehemalige DJ bzw. Backbone von Blumentopf ist nicht erst seit deren Auflösung solo unterwegs. "Seek" ist jetzt schon das sechste Album des notorischen Beatbastlers, der allein immer wesentlich elektronischer, experimenteller klingt als er es mit Band je sein konnte. Zwar wird auch auf "Seek" ab und zu gesungen, z. B. von Angela Aux, Miss Platnum oder Lylit, mit Hip Hop hat das aber weniger zu tun. Dazwischen viel Elektronisches, ein klein wenig Tech-House und als Opener eine Trompeteneinlage im Miles Davis-Style. Sehr bunt, sehr eklektizistisch, das alles. Ein kleiner feiner Gemischtwarenladen, der mich allerdings mehr verwirrt als fasziniert. (6,5)

  Funkadelic - Reworked by Detroiters

Funkadelic, das legendäre Detroiter Funk-Kollektiv um George Clinton, Bootsy Collins, Bernie Worrell und viele viele andere hat in den 70er Jahren nicht nur die Musik ihrer Heimatstadt nachhaltig geprägt. Ihr durchgeknallter Mix aus Funk, Soul und Psychedelic wurde schon x-fach gesampelt. Alben wie "Free Your Mind And Your Ass Will Follow" oder "One Nation Under A Groove" sind heute Funk-Klassiker. Jetzt haben 17 Künstler bzw. Künstlerinnen aus der Motor City die größten Tracks von Funkadelic neu interpretiert. Mit dabei sind Techno-Legenden wie Moodyman, Anthony Shake Shakir und Underground Resistance, Electro-Produzenten wie Gay Marvine, aber auch die Garagenrocker The Dirtbombs. Sie alle liefern ihre Version des Funkadelic-Sounds 2017. Je weiter sie sich dabei vom Original entfernen, desto interessanter wird die Sache meistens. Toll z. B. das von Anthony Shake Shakir runtergestrippte "Standings On The Verge". Oder auch "Cosmic Slop", im super entspannten Moodyman-Mix. Die Compilation nennt sich "Funkadelic - Reworked by Detroiters" und will nicht nur uns Nachgeborenen den Funkadelic-Sound der 70er nahebringen (das sicher auch), aber vor allem geht es hier darum, die historischen Linien aufzuzeigen, wie erst der freie Geist von Bootsy Collins & Co. zu der Detroiter Musikszene wie sie heute existiert führen konnte. (7,5)