Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Jessie Ware | La Brass Banda | Zugezogen Maskulin

"European Blues" - so beschreibt der Kanadier Dan Bejar seinen Sound - als Destroyer liefert er wieder exquisiten Pop ab - sein neues Album "ken" ist ein einziges Schwelgen. Nach längerer Pause gibt es wieder ein Lebenszeichen von Matt Johnson - der Brite ist den Fans als The The bekannt. Die Deutsch-Rapper von Zugezogen Maskulin erinnern sich an das alte Punk-Motto von Slime und nennen ihr neues Album auch "Alle gegen Alle". Außerdem beschäftigen wir uns mit dem Live-Album von LaBrassBanda und den neuen Platten von Jessie Ware, Kevin Devine, Mariam The Believer und den Grandbrothers.

Von: Ralf Summer

Stand: 19.10.2017

Cover: Zugezogen Maskulin - Alle gegen alle | Bild: Four Music

 Destroyer - Ken

Er personifiziert das große Schwelgen. In Fom von Indie mit New Order-Bassläufen, dazu Cocteau Twins-hafte Shoegaze-Eleganz und hier und da hingehauchtes Saxophon. Der Herr Destroyer liefert auf seinem neuen Album wieder exquisiten Pop ab - dessen sanfter Vibe manchmal auch an Prefab Sprout erinnert. Der Kanadier Dan Bejar, der bei der Band The New Pornographers begann, beschreibt seinen neuen Sound als "European Blues". Sehr erwachsen, very advanced. Am 20. November präsentiert er Album Nummer 12 in München - in der Muffathalle - der Zündfunk präsentiert das Destroyer-Konzert. (8,5)

Dot - Beast Issues

Ein Auxburger, der in Richtung DJ Shadow geht - sprich dunkelbunten Instrumental-HipHop zusammenschraubt - Sebastian Birkl nennt sich Dot. Einige neue Tracks des Beat-Bastlers wie "Kings By Design", "Gin Fuzz" (mit der schwäbischen Sehnsuchts-Trompete) oder "Loners" leben von einem gewissen 60's bzw 70's-Flair - via Orgel bzw E-Gitarre über den Groove. Dot ist Teil des Auxburger HopHop-Projekts Blindspot und Part des deutsch-amerikanischen Duos Yawl. Dots drittes Solo-Album "Beast Issues" wird am Samstag (21.10.) in Augsburg im City Club gefeiert. (8)

Grandbrothers - Open

Das zweite Album des Düsseldorfer Klavier-Duos. Alle Songs sind am klassischen Konzertflügel entstanden - aber einer elektromechanischen Hämmern, die alle Akkorde verfremden. DJs spielen ihre hypnotischen Klassik-Techno-Hybride, Radiohead baten sie um einen Remix. Und ihr größter Fan lädt sie als Support Act ein: am 1.12. spielen sie vor Bonobo im Zenith in München. Am 29.10. spielen sind sie auch schon in der Stadt - bei der Manic Street Parade München. Die Grandbrothers könnten noch richtig große Brüder werden. (7,5)

Högni - Two Trains

Högni war Teil der isländischen Band GusGus, nun ist er bei Hjaltalin bzw. erstmals allein unterwegs: "Two Trains" heißt sein Solo-Debüt. Und bezieht sich auf die zwei Lokomotiven, die vor 100 Jahren den Kies für den Hafen Reykjaviks transportierten. Seit Ende der Bauarbeiten wurden die Loks jedoch geparkt - für immer. Nie wieder fuhren Züge über die Insel. "Two Trains" erzählt sowohl diese alte Geschichte, als dass sie auch an die Gegenwart andockt: auch im Sound. Högni bezieht sich auf dabei auf die europäische Avantgarde. Und avancierte Elektronik. Man höre nur "Crash" und "Break Up". Der Pop und Dub seiner Band-Jahre fehlt völlig. Mehr E als U - ein dementsprechend konzertsaal-taugliches Werk. Und ein Hoch auf Högni! Passt auf ein tasty Mixtape zwischen Björk und Anohni (Antony & The Johnsons). (8)

Zugezogen Maskulin - Alle Gegen Alle

Das Berliner Rap-Duo um Hendrik Bolz (Testo) und Moritz Wilken (Grim 104) mit seinem zweiten Album. Ihr Debüt auf Buback schaffte es in die deutsche Top20. Nun sind sie beim Sony-Ableger Four Music gelandet. Der Titel "Alle gegen Alle" erinnert an einen Punk-Klassiker von Slime - auch sie hatten ein Album mit dem Titel. Die Beats sind kalt und synthetisch, wie die Zeiten, von denen sie rappen. Bzw. schreien: "Facebook, Trump, KaDeWe, Behindis, ich schlage deine Zähne zu Brei. Was für eine Zeit am Leben zu sein!?" Und Deutschlands Wahnsinn wird in voller Lautstärke zurückgegeben. Für K.I.Z.-Fans und AfD-Hasser. Live sind sie Anfang 2018 u. a. auch hier zu sehen: in München, Frankfurt, Würzburg, Erlangen und Salzburg. (7)

Kevin Devine - We Are Who We've Always Been

Der New Yorker Songwriter Kevin Devine mit seinem ersten Akustik-Album. "We Are Who We've Always Been" ist eine "runtergebrochene" Unplugged-Version seines 2016er Power-Pop-Albums "Instigator" (seinem 9. Werk). "Es macht Spaß und ist gleichzeitig auch herausfordernd herauszufinden, wie man die Songs umschreiben und präsentieren muss, damit sie den Zuhörer genau so fesseln wie das Original", sagt Devine zu seinen Akustikversionen. Ein weiter Weg für einen Ex-Musiker der US-Hardcore-Szene - Devine war Sänger/Gitarrist von Miracle Of '86 - und hat schon mal ein ganzes Nirvana-Nevermind-Cover-Album eingespielt. Man hat das Gefühl, seine zeitweilige Mitgliedschaft beim Manchester Orchestra hätte nun Richtung Indie-Folk-Pop abgefärbt. Befreundete Musiker wirken mit - von Bright Eyes, der Budos Band (Charles Bradleys Backing Band) und Pinegrove. (7,5)

Mariam The Believer - Love Everything

Mariam The Believer heißt Mariam Wallentin - Fans kennen sie als eine Hälfte des schwedischen Psychedelik-Folk-Duos Wildbirds & Peacedrums (und des Fire! Orchestras). Mariam spielte schon Pop, Soul, Improv - und in einer Oper von Musikerkollege Ben Frost. Solo geht sie hier Richtung Indie-Folk. "Musik ist ein heiliger Ort, an dem alle Dimensionen von mir gleichzeitig existieren können. Ich will ganz frei sein." Das ist sie auf "Love Everything". Es ist ein Album voller Liebesgeschichten. (6,5)

Leroy Hutson - Anthology 1972-1984

Er war der Nachfolger von Curtis Mayfield bei der US-Soul-Formation The Impressions: Leroy Hutson. Danach machte Hutson noch Solo-Platten für das Label für Curtis Mayfield. Viele Aufnahmen waren seitdem gesuchtes Material. Sein Comeback von 2009 war eher glücklos. Hoffentlich bringen ihn nun seine alten Songs mit 70er-Soul besser in Erinnerung. (7)

Jessie Ware - Glasshouse

Zwischen R'n'B, Sade-Balladen, Edel-Soul und Charts-Pop: Jessie Ware hat Album Nummer 3 fertig. Die Londonerin hat es ihrer Famile gewidmet - wegen der Schwangerschaft ließ sie sich Zeit mit "Glasshouse": "Ich dachte, ich schreibe nur Songs, aber dann wurde es dieses Album für meinen Mann und meine Tochter, die im September geboren wurde." Jessie, Ex-Journalistin und Kollegin von 50-Shades-Of-Grey-Autorin E.L. James (!), wird bestimmt wieder die Album-Top-10 zuhause im UK erreichen - oder wieder für den Mercury Prize nominiert werden. Co-Autor Ed Sheeran und Freundin Adele drücken die Daumen, dass sie ihn diesmal auch bekommt. (6)

Kllo - Backwater

Ein neues, australisches Electro-Pop-Dup: Kllo - ausgesprochen werden sie - ähm - "Klo" - mit leichtem "w" am Ende. Kllo sind Chloe Kaul (Vocals) und Simon Lam (Sounds). Auf Spotify generierten ihre Vorabsingles schon mehr als 20 Millionen Streams. Auf ihrem Debüt namens "Backwater" treffen im besten Falle leichte Jamie xx-UK-Garage-Beats auf Charts-R'n'B. "Endlich fühlen wir uns nicht mehr wie Kids", jubeln die beiden aus Melbourne und entern schon die großen Bühnen. Ohne mich. (5,5)

The The - Radio Cinéola: Trilogy

16 Jahre kein Konzert - noch länger keine Band-Platt mehr. Und nun das: 120 neue Stücke - aber nur eines klingt wie The The früher: "We Can't Stop What's Coming". Zwischen 1983 bis 1993 schrieb Matt Johnson mit seiner Band Indie-Pop-Hits wie "Infected", "The Beat(en) Generation" oder "This Is The Day". Anfangs waren noch seine Industrial-Einflüsse zu hören - im Laufe der Jahre ging er immer mehr Richtung Pop. Seit der Auflösung von The The arbeitete er an Soundtracks und Bühnenstücken. Auf seinem Cinéola-Label erscheint nun eine 3-fach-LP: Beiträge zu Matt Johnsons Radiosendungen, die der Trilogie auch den Namen gab: "Radio Cinéola". Darauf: alte Begleiter wie J.G. Thirlwell (Foetus), John Parish (beide PJ Harvey) oder Elbow. Ein Dokumentarfilm über Matt Johhnson und The The folgt. Aber es ist keine Rückkehr zum Pop - 119 Stücke (die meisten Skizzen und Snippets zwischen 10 Sekunden und 2 Minuten Länge) kommen ohne seinen Gesang aus. (ohne Wertung)

LaBrassBanda - Around The World (Live) (Olympiahalle München)

Nach einem Rosenmüller-Dokumentar-Film, einem Rosenmüller-Konzert-Film und einem zweiten Dokumentar-Film nun schon die zweite Live-Platte - erneut aufgenommen in der Münchner Olympiahalle. LaBrassBanda in der Verwertungs-Maschinerie. Bzw. beim Heimspiel mit 17 Liedern vor Tausenden von Fans. Der "Around The World Live"-Mitschnitt kommt als CD, DVD, Doppel-LP und limitiertes Fotobuch. Vorne drauf der Aufkleber: "Die legendäre Jubiläumsshow". (ohne Wertung, da nur drei Songs vorab hörbar)