Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Franz Ferdinand | MGMT | Ezra Furman

Der kompakte Überblick über die Neuerscheinungen der Woche stellt die neuen Alben vor. Mit dabei sind unter anderem The Dead Brothers, Wild Child, Joan as a Police Woman, Son Lux, GoGo Penguin, Sarah Klang, Jonny Greenwood, Alena Diane, John Tejada, Franz Ferdinand, MGMT und Ezra Furman.

Von: Matthias Hacker

Stand: 08.02.2018

Cover: John Tejada - Dead Star Program | Bild: Kompakt Records

Wild Child - Expectations

Das vierte Album der Band aus Austin erfüllt alle Erwartungen. Für dieses Album haben sie einen neuen Workflow ausprobiert und sind durch die halbe USA gereist, um mit verschiedenen Produzenten zusammenzuarbeiten. Das waren dann alles bekannte Namen aus dem sogenannten Indie-Bereich. Chris Walla von Death Cab for Cutie, Matthew Logan Vasquez von Delta Sprit und auch Scott McMicken von der Band Dr. Dog. Alle haben ihre eigene Handschrift hinterlassen: Die Songs klingen nach melancholischem Indie bei Death Cab For Cutie, sind wunderbar folkig wie bei Delta Spirit, und gerade zu  Beginn der Platte hören wir eine Mischung aus Soul und Americana wie es Dr. Dog auch gerne tun. Es sind schöne Songs und es ist ein rundes Album. Sprich: Viele Köche verderben nicht immer den Brei. (7 Punkte von 10)

MGMT - Little Dark Age

Seit ihrem Hitalbum „Oracular Spectacular“ vor zehn Jahren haben sich die New Yorker Shootingstars keinen Patzer erlaubt. Sie sind noch mutiger und oft noch besser geworden. MGMT. Immer wieder klingen 80er Jahre Referenzen an. So auch gerade in "Little Dark Age". Sänger Andrew VanWyngarden meint: „Seitdem wir uns in der Schule kennengelernt haben, hatten wir ein Faible für 80er Jahre-Synth-Pop. Es fühlt sich richtig an, weil es ein Teil von uns ist. Die Talking Heads und Prince haben uns beeinflusst, wie die ganze Popkultur der späten 80er und frühen 90er“. Neben dem 80er Jahre-Touch finden sich aber auch wieder psychedelische 60s-Momente auf dem Album. Diese beiden Retrorezepte gefallen mir, MGMT haben aber gleichzeitig wenig Zukunftsweisendes zu bieten. Dafür muss man schon eher auf die Texte hören, wo sie beispielsweise im Song „Hand It Over“ Donald Trump empfehlen abzudanken oder sich in „She Works Out Too Much“ mit dem maßlosen Social Media-Konsum auseinandersetzen. (8 Punkte von 10)

The Dead Brothers – Angst

Bei ihrer Gründung haben sich selbst eine „Begräbnisband“ genannt. Das ist lange her. The Dead Brothers feiern 20-jähriges Jubiläum. Sie beschenken sich und uns mit einem neuen tollen Album. Feierlaune kommt bei Songtiteln wie „Everything's Dead“, „Ghost Train“ oder „Angst“ aber natürlich nicht auf. Musikalisch poltert das Album wieder in seiner Mischung aus Country-Blues, Rockabilly und Southern-Noir Attitüde. Begleitet wird von Schweizer Dudelsäcken, Wurlitzer-Orgeln und Voodoo-Gesängen. Wer zum Zwanzigsten gratulieren möchte, kann am 15. März ins Münchner Import/ Export kommen, dort spielen sie das neue Album das einzige Mal live in Bayern. (7 Punkte von 10)

Joan As Police Woman – Damned Devotion

Joan Wasser könnte auch bei den Dead Brothers mitspielen. Sie hat nicht nur Geige studiert, sondern spielt auch Wurlitzer. Und leider hat sie auch schon einige Begräbnisse erleben müssen. Das ihrer Mutter und das ihres Freundes Jeff Buckley, für den sie auch kurze Zeit gespielt hat. Später war sie Bandmitglied bei Lou Reed, Elton John und anderen. Seit 2006 macht sie solo Musik als Joan As Police Woman. Da weiß man nie, was man kriegt: Eher Soul, eher Pop, eher Folk. Auf "Damned Devotion" fallen besonders die Beats auf. Aber vor allem die poetischen Texte sind das Anhören wert. (7 Punkte von 10)

Franz Ferdinand – Always Ascending

Das fünfte Album von Franz Ferdinand ist eine Zäsur in der Bandgeschichte. Gitarrist Nick McCarthy ist aus der Band ausgestiegen und widmet neuen Projekten (Manuela und Lunsen Trio). Dafür sind ein neuer Gitarrist und ein neuer Keyboarder zur Band gestoßen. Das hört man auch. Nur die große Wiedergeburt - wie im Pressetext angekündigt - ist es nicht. Die Stücke mäandern auf der einen Seite zwischen altbekannten, tanzbaren New Wave-Riffs und Disco-Patterns, die nicht so wirklich kicken wollen wie früher. Und auf der anderen Seite gibt’s überbordende, sphärische Synthie-Hymnen. Es zündet nur selten. Es mag sich für die Band wie eine Wiedergeburt anfühlen, nur so klingen tut es nicht. (6 Punkte von 10)

Son Lux – Brighter Wounds

Die wilden Drum-Samples am Ende des Stücks „Surrounded“ lösen nahezu Kammerflimmern aus – so fordernd ist das für Leute, die klassische Rhythmen gewohnt sind. Aber dieser Song zeigt besonders deutlich die wichtigen Pfeiler der neuen Platte. Sperrige Beats und dazwischen melancholische, fast schon gemarterte Melodien. Es sind immer große Kompositionen bei Son Lux – als ob er für Orchester schreiben würde und sie dann komplett anders vertont. Schon der Albumtitel macht die Grundlage dieses Album deutlich. "Brighter Wounds". Hellere Wunden. Freud und Leid. Ryan Lott, der Chef des Trios Son Lux, ist Papa geworden - und hat auf der anderen Seite einen seiner besten Freunde an den Krebs verloren. (6 Punkte von 10)

Ezra Furman – Transangelic Exodus

Ezra Furman postuliert: Sein neues Album wird eine "queer outlaw saga". In der Tat ist es sehr persönlich geworden. Er erzählt von Tiefschlägen und von seinem Leben als sexuellem Grenzgänger. Das deutet auch schon das „Trans“ im Albumtitel an. Er kokettiert immer wieder mit sexuellen Anspielungen. Im letzten Lied der neuen Platte singt er: „I lost my innocence, to a boy named Vincence, he was single by instance“. Ob Ezra Furman wirklich immer von sich erzählt, ist nicht klar, denn er positioniert einen Protagonisten in den Songs. Dieser verliebt sich in einen Engel und reist ihm hinterher. Aber diese kitschige Grundstory füttert Ezra Furman mit so vielen wunderbaren Textzeilen und melodiösen Hooks an, dass man oft staunen und schmunzeln muss. (8,5 Punkte von 10)

GoGo Penguin – A Humdrum Star

GoGo Penguin aus Manchester bringen Breakbeats, Piano-Soli, Jazz und Electronica zusammen. Das Trio besteht aus Piano, Bass und Schlagzeug. Die sanften Klaviermelodien und das rasante Schlagzeug könnte man Prog-Jazz nennen. „A Humdrum Star“ heißt ihr neues Album. Es ist eine Anspielung an ein Zitat Carl Sagans, den US-amerikanischen TV-Astronomen. Die Musik von GoGo Penguin hat auch etwas Kosmisches. Sie erzeugen große Räume mit ihren drei Instrumenten. Doch nur selten können wir in diese eintauchen, weil die technische Verbissenheit zu oft die Immersion versperrt. (4 Punkte von 10)

Sarah Klang – Love In The Milky Way

Sarah Klang aus Göteborg vermarktet sich als „Saddest Girl In Sweden“. Dabei dürfen wir ihr sicher ein kleines Augenzwinkern unterstellen. Sie macht aber definitiv keine fröhliche Musik, sondern arbeitet mit viel Nostalgie und Wehmut – wie es beispielsweise Lana Del Rey perfektioniert hat. Mit ihren Eltern lebte sie lange Zeit an der nördlichen Grenze Schwedens zu Finnland, wo es oft sehr kalt und sehr oft sehr dunkel ist. Da kann man schon mal depressiv werden. Diese Erfahrung hört man ihrem Debüt auch an. Aber ihr Motto lautet: “It's okay to be sad”. Sie spielt nicht nur verklärend mit der Nostalgie, sondern erkennt die Traurigkeit des Lebens an. Das ist ihr starker emotionaler Zugang zur Musik und macht ihr Album zu einem interessanten Stück Popmusik. (7 Punkte von 10)

Jonny Greenwood – Phantom Thread-Soundtrack

Bekannt wurde er als Gitarrist und musikalisches Mastermind bei Radiohead. Aber schon lange ist Jonny Greenwood auch ein herausragender Filmmusik-Komponist. Besonders beeindruckend war sein Score zum Film „There Will Be Blood“. Und daraus ergab sich ein kongeniales Trio: Denn wie damals führt auch jetzt im aktuellen Film „Der seidene Faden“ Paul Thomas Anderson Regie, Daniel Day Lewis spielt die Hauptrolle und Jonny Greenwood komponiert den Soundtrack. Erfolg kann Segen und Fluch sein. Das zeigt Anderson immer wieder in seinen Filmen. Die Protagonisten sind innerlich zerrissen und verlieren die Kontrolle. Greenwood untermalt diese Kämpfe mit schiefen Geigen und Staccatos. Es ist wieder ein fantastisch komponiertes und beklemmendes Meisterwerk. (9 Punkte von 10)

Alena Diane – Cusp

Alela Diane aus Portland hat ihr neues Album während ihrer zweiten Schwangerschaft geschrieben. Baby und Album sind jetzt glücklicherweise da. Doch bei der Geburt wäre Alela Diane beinahe gestorben. Auf "Cusp" erzählt sie persönlich vom Mutterwerden und Muttersein. Es ist ein sentimentales, aber nicht kitschiges Album. Geschrieben hat sie die Songs in einer verschneiten Hütte in den Wäldern von Oregon. Das passt zum bodenständigen Folk- und Americana-Sound. (7 Punkte von 10)

John Tejada – Dead Star Program

Techno und Houseproduzent John Tejada veröffentlicht wieder auf dem Kölner Kompakt-Label und bewegt sich wie immer gekonnt zwischen House, Techno und Electronic. (8 Punkte von 10)