Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Everything Everything | Grizzly Bear | UNKLE

Ob Brexit oder Trump, Bands haben wieder Feindbilder und die Songs dazu, und die müssen so schnell wie möglich raus, wie bei Grizzly Bear, Ghostpoet, Unkle oder Declaime. Außerdem in der Neuheitenschau im Nachtmix: Niedliches von Bunny, Bluesrock von The Yawpers und Dub-Electro von den Third Culture Kings.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 17.08.2017

Cover: UNKLE - The Road, Part 1 | Bild: Songs For The Deaf

Bunny - Bunny

Alle reden gerade nur von dem EINEN Band-Kollektiv aus Kanada, nämlich Arcade Fire. Dabei gibt es noch ein zweites, das sogar noch viel größer ist und definitiv mehr Nebenprojekte am Start hat: Das Kollektiv nennt sich Bunny, wie das Häschen, und macht wunderbaren Brian-Wilson-Pop. Erinnert mich auch an Band Saturday Looks Good To Me, wer sich noch erinnert. Beach Boys treffen auf Twee-Pop, äußerst kurzweilig. (7 Punkte von 10)

Everything Everything - A Fever Dream

Die Band aus Manchester ist schon in viele Schubladen gesteckt worden: Power-Pop, Indie-Rock und vor allem Math-Rock. Ihr letztes Album war ein Top Ten-Album im UK, auch "A Fever Dream", das neue Album, wird da anklopfen. Weil: Man hört weniger Song-Mathematik, mehr Euphorie und Pathos. Das mag der CD-Käufer für gewöhnlich mehr als einen musikalischen Satz des Pythagoras. (6,5)

Fortuna Ehrenfeld - Hey Sexy

Hinter Fortuna Ehrenfeld steckt verspulter Indie-Pop aus Köln von Martin Bechler, er nennt sich Fortuna Ehrenfeld nach dem Kölner Stadtteil. Bechler ist schon Mitte 40, das ist sein erst zweites Album, ein seltsames, aber nicht unspannend. Fortuna Ehrenfeld klingt wie eine Mischung aus Herbert Grönemeyer und Die höchste Eisenbahn mit Beats, dabei sind seine Texte manchmal sehr helge-schneider-esk, also ein wenig dada und kryptisch. Fortuna Ehrenfeld klingt aber auch nach der großen Zeit seines Labels Grand Hotel Van Cleef, als die ClickclickDeckers oder Olli Schulzes jeden Monat so ein verqueres Deutsch-Pop-Album rausgehauen haben. (5,5)

Grizzly Bear - Painted Ruins

Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten hat auch die Familienväter von Grizzly Bear wieder als Band aktiviert. Fünf Jahre nach dem Album "Shields" kommt der Nachfolger "Painted Ruins". Darauf gibt es im Song "Four Cypresses" eine zentrale Zeile: "It's chaos but it works." Es herrscht Chaos, aber trotzdem funktioniert alles. Und warum: Weil die Menschen zusammenhalten. "Painted Ruins" sollte kein politisches Album sein, sagt die Band, sondern ein empathisches. Musikalisch nähern sich Grizzly Bear immer näher Radiohead an, sie sind komplex, virtuos, geduldig, mal kalt, mal warm, einfach unglaublich vielschichtig. Platte der Woche und wahrscheinlich auch unter denen des Jahres. (8,5)

The Yawpers - Boy In A Well

The Yawpers sind ein Trio aus Denver, Colorado. Yawp heißt soviel wie der Aufschrei. Auf der Homepage der Aufschreier steht auch nur als Untertitel: American Rock 'n' Roll - und damit ist eigentlich auch schon alles gesagt zu dieser Band und ihrem neuen Album "Boy In The Well": Eine Metalband, die sich im Blues-Pelz versteckt. (6)

UNKLE - The Road: Part 1

The Man from UNKLE ist zurück: James Lavelle. Der hat in den 90ern das Mo Wax-Label gegründet, auf dem Trip-Hop und Acid Jazz aufblühen konnten. Und James Lavelle hat als UNKLE mit auch selbst Platten rausgebracht. Traditionell immer mit vielen Gästen und so auch auf seinem fünften Album "The Road: Part 1": Mark Lanegan ist dabei, genauso wie Musiker aus dem Queens Of The Stone-Umfeld. Das alles deutet schon darauf hin: Unkles Comeback ist aus der Zeit gefallen. Das klingt alles sehr sehnsüchtig nach den 90ern, nach Trip Hop, nach einer Zeit, wo Sigur Ros, Björk, Massive Attack und viele andere im Wettrennen waren: Wer haut den melancholischsten, sphärischsten Song für die Ewigkeit raus? Und wie damals schon sind UNKLE gutes, oberes Mittelfeld, aber nicht ganz oben an der Spitze. (7,5)

Ghostpoet - Dark Days & Canapés

Wieder ein Brexit-Album und wieder ein Songwriter-Album von Ghostpoet aus London. Wie schon beim letzten Album arbeitet Ghostpoet jetzt mit einer kompletten Band, weniger mit Beats. Für mich hat Ghostpoet da leider ein wenig an Magie verloren, seitdem er sich als Songwriter gibt. Wobei seine Texte immer noch messerscharf sind. Das Album nennt er "Dark Days & Canapes". Das zeigt schon: Er bricht die dunklen Tage mit Brexit und Co. auf seine Person runter. Was bedeuten die ganzen schlechten Nachrichten eigentlich für mein Leben? Seine Intention: Uns zeigen, ihr seid nicht allein mit der Frage. Ehrbare Message, die musikalisch leider im stumpfen Band-Sound verwässert. (5,5)

Declaime - Young Spirit

Declaime kennen wir bürgerlich als Dudley Perkins. Alter Weggefährte von Produzent Madlib, zusammen sind sie groß geworden auf dem Stones Throw-Label. Jetzt haben Dudley und seine Frau Georgia Anne Muldrow ein eigenes Label, SomeOthaShip Connect heißt das. Darauf veröffentlichen sie wieder als Declaime: Dudley rappt, Georgia hat die Platte produziert. Madlib ist auch wieder dabei, genauso wie Aloe "I Need a Dollar" Blacc oder Saul Williams. Alles wie früher eigentlich, die Platte klingt auch sehr nach oldschool - aber im besten Sinne. Wenn man Declaime hört, weiß man auch, was Kendrick Lamar früher so gehört hat. (7,5)

Third Culture Kings - Is That Light You Carry?

Eine der Überraschungen in dieser Woche, das ist das Duo Third Culture Kings. Die bestehen aus Octopus, Mitglied der HipHop-Truppe Dälek. Der andere heißt Jan Johansen, den könnte man von der Band Glorybox kennen. Zu zweit haben sie ein seltsames Album aufgenommen - das Seltsame macht es aber irgendwie großartig. Irgendwo zwischen Dub, House, Folk. Ich würde dafür das Genre Hypnagogic Dub erfinden wollen. Auch die Entstehung ist kurios: Denn alles außer Gesang und erste Gitarre sind mit dem iPhone aufgenommen. Perfekter Sound für Stunden alleine nachts auf der Autobahn. (8)