Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche EMA | Queens Of The Stone Age | Nadine Shah

Die Queens Of The Stone Age sind wieder da, generalüberholt mit Synthesizern und Autotune-Effekten. Der erdige Stonerrock weicht plötzlich kitschigen Discomomenten. The War On Drugs aus Philadelphia stapfen weiter in den großen Fußstapfen von Bruce Springsteen. Die düsteren Lofi-Elektroniker von Hype Williams sind zurück und sowohl Ian Felice von den Felice Brothers als auch EMA arbeiten sich an ihrem Heimatland USA ab und kommen zu ernüchternden Erkenntnissen. Außerdem gibt's neue CDs von Liars, Nadine Shah, Maya Jane Coles und Iron & Wine.

Von: Matthias Hacker

Stand: 24.08.2017

Cover: Nadine Shah - Holiday Destination | Bild: 1965 Records

The War On Drugs - A Deeper Understanding

The War On Drugs wandeln immer noch in den großen Fußstapfen von Bruce Springsteen. Vor allem Mastermind Adam Granduciel. Es ist ein Genuss ihm zu zuhören! Mit "Lost In The Dream" feierten sie ihren Durchbruch zuletzt. "A Deeper Understanding" ist eine epische, sehr dichte und sehr milde Americana-Platte, die wie eine Gaswolke an unseren Ohren vorbeizischt. Sie haben ihr Sounddesign nochmal verbessert: Mit noch mehr Hall, noch mehr kleinen Gitarrensoli, noch mehr Synthesizern. Die Erwartungen waren hoch und sie enttäuschen nicht. (9 Punkte von 10)

Maya Jane Coles - Take A Flight

Maya Jane Coles ist das, was man ein Naturtalent und noch dazu eine Self-Made-Frau nennt. Die britisch-japanische DJ macht nämlich alles selbst. Auch ihr zweites Album hat sie im Alleingang geschrieben, arrangiert, produziert, gemixt und eingesungen. Natürlich hat sie auch das Cover designt. Und natürlich erscheint "Take A Flight" auch auf ihrem eigenen Label. Das heißt auch noch passend: "I/AM/ME". Der ausgeprägte Eigensinn zahlt sich aus. Take A Flight ist aus einem Guss. Die Beats flirren und grooven zwischen den Genres Downbeat, TripHop und Lounge - manchmal mit ein bisschen House oder Dub versetzt. Sie selber säuselt sirenengleiche psychedelische Vocals ins Mikrofon. Maya Jane Coles ist detailverliebt. Aber die Songs sind federleicht. Hier bekommt man was für sein Geld. Das Album ist nicht nur richtig gut, sondern auch noch sehr lang. Die Doppel-LP bietet zwei Sets à zwölf Tracks. Das ist viel Zeit zum Genießen. (8

Ian Felice - In The Kingdom Of Dreams

Cover: Ian Felice - In The Kingdom Of Dreams | Bild: Loose Music

Die Brüder Simon und Ian Felice sind vor allem mit ihrer Americana-Band The Felice Brothers bekannt. Nach Simon veröffentlicht jetzt auch Ian das erste Mal eine Soloplatte. Seine Brüder und Bandmitglieder haben ihn aber kräftig im Studio unterstützt. Auf "In The Kingdom Of Dreams" errichtet er ein Traumschloss. Er stellt die Frage in den Raum: "Was wäre wenn?". Wenn er andere Entscheidungen im Leben getroffen hätte. Wenn er nicht Vater werden würde. Wenn sein Stiefvater nicht gestorben wäre. Wenn Donald Trump nicht gewählt worden wäre. Über letzteres Dilemma, so nennt er es, kann er nur noch zynische Witze reißen. Er singt: "Am Wahltag sind die Aliens gelandet. Das ist ein Joke auf meine Kosten - das 21. Jahrhundert ist doch ein Witz." Ein schlechter Witz. (6)

EMA - Exile From The Outer Ring (9)

Ein hochpolitisches Album. Nicht umsonst posiert EMA auf dem Cover mit ihren rotgefärbten Haaren - vor einer grünlich verschimmelten US Flagge, die ihre besten Zeiten definitiv hinter sich hat. Aber sie will ihr Land noch nicht aufgeben. Sie schaut auf die weiße Arbeiterschicht im Mittleren Westen, die Trump den Sieg brachte. Sie schaut auf verrottende Gefängnisse, die eher rechtsfreie Räume sind und im Machtgefüge zwischen staatlicher Willkür, privaten Betreibern und kriminellen Bandensystem zerbersten. Sie beschreibt die wachsenden Drogenprobleme. Sie singt über die Verlierer des Wandels im sogenannten Rustbelt. Sie erkennt den Schmerz und die Politikverdrossenheit. Sie kann die Wut nachempfinden, aber nicht den Hass. Bei ihrem anspruchsvollen Experimental-Pop erreicht das wohl nicht die weiße Arbeiterschicht. Es ist wohl wie zu den Bekehrten predigen. Am 27.09. spielt sie in der Kranhalle in München. (9)

Iron & Wine - Epic Beast

Iron & Wine, also Sam Beam, schreibt gerne über das Älter-Werden und die verschiedenen Lebensphasen. Dieses Mal geht's ums Größer werden, wenn man eigentlich schon erwachsen ist. Er singt: Die schönen Momente werden schöner, und die Tragödien härter. "Epic Beast" ist nicht sein bestes Folk-Album. Es klingt schon schön, ist aber auch harmlos und monton. (6)

PVRIS - All We Know Of Heaven, All We Need Of Hell

Die Musik der Band PVRIS empfinde ich als überzüchteten Elektro-Power-Rock. Bei Teenies und in der Wave-Goth Szene vielleicht ein Erfolg, aber aus diesen Nischen wollen sie mit diesem Mainstream-Kalkül wohl raus. Ein Titel des Albums fragt zurecht: What's Wrong? Hier: Einiges. (2)

Queens Of The Stone Age - Villains

Am 10. November spielen die Queens Of The Stone Age im Münchner Zenith. Der Zündfunk präsentiert das Konzert. Dort spielen sie auch ihre neue Platte. Vor den Aufnahmen des Vorgängers "Like Clockwork" blieb Josh Homme während einer harmlosen Knieoperation das Herz stehen, und er musste mit einem Defibrilator wiederbelebt werden. Die Platte klang deshalb düster, langsam, druckvoll - nach gutem alten Kyuss-Stonerrock. Den Titel "Like Clockwork" konnte man wie den Wunsch nach einem gesund schlagenden Herzen verstehen. Vor Villains gab es keine solchen Rückschläge und Irritationen - im Gegenteil. Die Zusammenarbeit mit Iggy Pop war ihm eine Herzensangelegenheit ganz anderer Art. Es entstand das gemeinsame Album "Post Pop Depression" und der Dokumentarfilm "American Valhalla".  Die Queens klingen jetzt nicht mehr nach flirrender Wüstenhitze in Palm Springs. Sie klingen gut gelaunt und haben Lust auf Po-Wackeln. Es gibt jetzt auch Autotune-Momente, Synthesizer und Diskonebel. Die Kluft zwischen erdigen Stoner-Gitarren und dem künstlichen 80er-Sound spreizt sich noch ein wenig für einen alten Queens-Fan wie mich. Aber für die Band ist es wohl eine Art Metamorphose. Die übrigens Pop-Spezialist Mark Ronson eingeleitet hat, der das Album produziert hat. (7)

Hype Williams - Rainbow Edition

Für mich war es ehrlich gestanden eine noch größere Freude, als ich gelesen habe, dass Hype Williams eine neue Platte veröffentlichen. Hinter Hype Williams steckten Dean Blunt und Inga Copeland, deren jüngsten Soloplatten ich sehr empfehlen kann. Hype Williams gibt es jetzt also wieder und der Sound ist wie gewohnt düster und LoFi. Aber sind Hype Williams wirklich noch die alten? Das Pressematerial stiftet Verwirrung. Auf dem Pressefoto sind zwei neue Herrengesichter zu sehen und auch im Text heißt es: "Inga Copeland und Dean Blunt sind nicht mehr involviert und jeder Hype Williams-Release, den man seitdem gehört haben könnte, ist ein FAKE!". Wir wissen es also nicht. Nur drei Songs dauern länger als drei Minuten. Die 16 restlichen Tracks sind allesamt kurze Interlude-Sequenzen oder Eineinhalbminüter - die aber zu einem Puzzle zusammengefügt mehr über Hype Williams verraten, als das ein Pressetext tun könnte. Die gespenstische Songskizzen und gesammelten Antipop-Stücke gefallen mir wieder, auch wenn es für andere halbgar wirken mag. Aber ich denke, dass das genau die absicht von Hype Williams war. Nach dem Motto: Machts euch nicht zu gemütlich in der Comfort Zone. (8)

Nadine Shah - Holiday Destination

Nicht nur die USA haben mit unsicheren politischen Zeiten zu kämpfen. Auch England. Das darf man nicht vergessen, meint Nadine Shah. Sie ist in England geboren und lebt seitdem dort in der Nähe von Newcastle. Ihr Vater ist allerdings aus Pakistan. Und deswegen hat auch sie im Alltag immer wieder mit Rassismus zu kämpfen. Das ständige Selbstvergewissern, das ständige sich Erklären-müssen und angefeindet werden, thematisiert sie auf "Holiday Destination". Sie erinnert mich an PJ Harvey. Soll heißen, auch das Album ist sehr gut. (7)

Liars - TFCF (Theme Of Crying Fountain)

Liars war früher ein Duo. Nun veröffentlicht Angus Andrew erstmals alleine als Liars. Und nicht nur deswegen ist es für ihn ein Neuanfang. Der hippe Experimental-Popper ist zum Naturburschen geworden. Er ist von L.A. zurück in seine Heimat Australien gezogen. Dort lebt er jetzt abgeschieden vom Festland. Wenn er Einkäufe machen will, muss er in sein Boot steigen und auf die Flut warten. Er konzentriere sich jetzt auf die rudimentären Dinge des Lebens. Die Natur ist plötzlich Teil von ihm und das hören wir auf TFCF. Ein Außenmikro hat er während der Sessions nämlich immer in den australischen Busch gerichtet. Er verwendet auch zum ersten Mal Akustik-Gitarren und sucht damit nach dem echten, warmen Sound. Auch den Rhythmus und die Frequenz der Wellen vor seinem Studio hat er in seine Platte mitaufgenommen. Die Songs walzen wie Wellen über uns weg. Ein Beispiel: Cliché Suite. (8)

Emma Russack - Permanent Vacation

Eine tolle LoFi-Songwriterin aus Australien, die mit Coversongs von Echo & The Bunnymen und Black Sabbath erste Aufmerksamkeit bekam. Ihre australische Kollegin Courtney Barnett sang zuletzt noch "Niemand interessiert es, wenn du nicht auf die Party gehst". Emma Russack singt selbstbewusst: "Jeden interessiert's, ob ich auf der Party bin oder nicht." (8)