Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Justin Timberlake | Doc Schoko | Rhye

Der kompakte Überblick über die Neuerscheinungen der Woche: Mit dabei sind unter anderem And The Golden Choir, Anna Burch, Mine und Orchester, Simple Minds, Hookwoms, Field-Music, B. Fleischmann, Nada Surf Tribute Comp, Rhye und Justin Timberlake.

Von: Angie Portmann

Stand: 01.02.2018

Cover: Doc Schoko - Stadt der Lieder  | Bild: Staatsakt

Anna Burch – Quit The Curse

Anna Burch ist eine junge Musikerin aus Detroit, die mit Gitarre und tollen Indie-Songs ihre mehr oder weniger gelungenen Beziehungen besingt und dabei so leicht, lo-fi und zeitlos klingt, dass sie auch wunderbar in die Nineties gepasst hätte. Mit „Quit the curse“ ist ihr ein großartiges Debüt gelungen, lässig und cool und im Gegensatz zu den Failed Flowers, in denen sie davor gespielt hat, alles andere als schrammelig. Stattdessen fast euphorischer Girl-Pop mit abgeklärten Zeilen wie "I won't play the victim / Just because I can't get what I want". Von Opfer kann hier natürlich sowieso  nicht die Rede sein, eher von der Emanzipierung einer Singer/Songwriterin, von der wir in Zukunft sicher auch noch mehr hören werden. (8 Punkte von 10)

And The Golden Choir – Breaking With Habits

And The Golden Choir – das ist nach wie vor NUR der Multiinstrumentalist und Klez.e-Kopf Tobias Siebert. Für sein letztes Album hatte er für den Backing-Sound auf der Bühne eigens dafür gepresste Schallplatten verwendet. Und auch sein Chor existiert natürlich nicht wirklich und entsteht nur durch die Multiplikation seiner selbst. Für sein jüngstes Werk hat sich Siebert jetzt etwas geöffnet, u.a. für mehr Elektronik. „Breaking with habits“, das ist Pop, der immer etwas Rauschhaftes hat, orchestraler Indierock mit einem wunderbaren Hang zur Melancholie. Aufwändig arrangierte Musik, mit großen, dunklen Melodien, die süchtig machen. In ihren ruhigen Momenten fast ähnlich verletzlich und gleichzeitig erhaben wie Anohni. Ansonsten mit einer mitreißenden Opulenz, die aus diesem Album fast eine Messe macht. (8,5 Punkte von 10)

V.A. - Standing At The Gates: The Songs of Nada Surf’s "Let Go"

Die Idee mit einem zentralen Werk aus der eigenen Bandgeschichte auf Tour zu gehen, ist nicht neu. Sonic Youth z.B. haben das schon vor gut zehn Jahren mit „Daydream Nation“ gemacht und Nada Surf machen es ihnen jetzt nach. Im April spielen sie in München in der Muffathalle ihr „Let go“-Album. Und wie damals Sonic Youth veröffentlichen auch Nada Surf Coverversionen von „Let go“, sogar ein ganzes Tribute-Album. Das funktioniert größtenteils ausgezeichnet und manchmal, wie ich finde, überhaupt nicht. Z.B. wenn Bands wie The Long Winters die charmante Unbeschwertheit, diese melancholische Leichtigkeit des Gitarrenpops von „Let go“ lieblos plattwalzen. Musiker wie Ron Gallo, Holly Miranda oder Ed Harcourt haben dagegen definitiv einen guten Job gemacht. Für Harcourt war es sogar eine Herzensangelegenheit. Denn er hat seine spätere Frau auf einem Nada Surf-Konzert in London kennengelernt und „Let go“ haben beide damals rauf und runter gehört. Nur dass er den Song „Fruit fly“ covern sollte, passte ihm anfangs überhaupt nicht. Er kann Fruchtfliegen nämlich nicht ausstehen ...
(7 Punkte von 10)

Justin Timberlake  - Man of the woods

Da prallen diesmal offensichtlich zwei Extreme aufeinander: zum einen der für Mainstream-Pop-Verhältnisse relativ futuristische, von Timbaland bzw. den Neptunes produzierte Sound. Eigentlich bisher Timberlakes Trademark-Sound, funky R’n’B bzw. Disco-Klitsche. Damit hatte er sich von seiner Boygroup-Vergangenheit emanzipiert und N’Sync überlebt. Bestes Beispiel: die erste Single aus „Man of the wood“: „Filthy“. Dem gegenüber steht diesmal der eher traditionelle Country wie ihn ein Chris Stapelton propagiert, der z.B. auf „Say samething“ zu hören ist. Eine fatale Mischung meiner Meinung nach, zumal die Produktion diesmal auch relativ überraschungsarm und gediegen daherkommt ... aber am Sonntag ist dann auch schon wieder alles egal: denn dann steht Justin Timberlake in der Halbzeitpause des Super Bowl auf der Bühne, von allein 111 Millionen Amerikanern mit Argusaugen überwacht - ein zweites Nipplegate darf es natürlich nicht geben, die Musik spielt da dann nur eine untergeordnete Rolle. (5 Punkte von 10)

Field Music – Open here

Field Music kommen aus Sunderland. Von dort stammen auch die Futureheads und Maximo Park. Bands, mit denen die Brüder Peter und David Brewis zwar freundschaftlich verbunden sind, musikalisch aber standen Field Music schon immer eher auf der experimentelleren, unkonventionelleren Seite. Auf „Open here“ geht es um Vertrauen und dessen Verlust. Harter Tobak, abwechslungsreich und bunt verpackt. Field Music sind eine wandelnde Jukebox, eine Referenzband, die mal nach Beatles, mal nach Talking Heads, nach ESG oder nach Prince klingt. Aber immer toll. (8,5 Punkte von 10)

Hookworms – Microshift

Wir bleiben in England und kommen zu den Hookworms, den Hakenwürmern aus Leeds und ihrem dritten Album „Microshift“. Entstanden im neuen Studio der Band, nachdem das alte während eines Hochwassers komplett abgesoffen ist. Ähnlich wie die großartigen Clinic waren auch die Hookworms früher auf klaustrophobischen, repetitiven Noise spezialisiert. Mit „Microshift“ scheinen sie sich jetzt neu erfinden zu wollen. Die Songs darauf klingen für Hookworms-Verhältnisse fast euphorisch-beschwingt. Die dunkle getriebene Psychedelic fehlt fast völlig. Das ist schön für die Band, die offensichtlich Grund zum Jubeln hat, aber schade für ehemalige Fans wie mich. (6,5 Punkte von 10)

Rhye  - Blood

Es ist eine Gradwanderung, bei der schon der ein oder andere dramatisch abgestürzt ist. Denn es ist nicht einfach, Pop zu machen, der soulful und sinnlich klingen soll, ohne dabei ins Weichgespülte und Belanglose abzudriften. Der Kanadier Michael Milosh alias Rhye tänzelt jetzt schon eine Weile auf diesem schmalen Grad dahin. Zwar erwischt er mich persönlich nicht unbedingt mit seinem neuen Album „Blood“. Aber wer auf kuschligen Slowmotion-R’n’B steht, mit analogen Instrumenten eingespielt und wunderbar als Soundtrack für die nächste Tinder-Session zu gebrauchen, dem könnte dieses Album gefallen. Mir ist es leider zu fad. (5,5 Punkt von 10)

B. Fleischmann - Stop making fans

Mit „Stop making fans“ gibt es nach fünf Jahren Pause wieder was Neues von dem Wiener B. Fleischmann. Noch immer auf Morr Music und noch immer Indietronica, wie wir sie jetzt von ihm seit zehn Alben kennen. Diesmal wieder sehr songorientiert, Fleischmann hat sich dafür auch Unterstützung ins Studio geholt, u.a. hören wir die schöne Stimme von Gloria Amesbauer. Während es auf dem ersten Teil des Albums streckenweise noch relativ nervös und aufgeregt zugeht, schaltet Fleischmann ab  Albummitte einen Gang zurück: die Stücke werden ein klein wenig ruhiger, melancholischer, zugänglicher, Kraut und Dub kommen verstärkt ins Spiel und Bernhard Fleischmann droppt Wortspielereien wie „Stop making fans, stop making fences“. (7,5 Punkte von 10)

Mine und Orchester – Live in Berlin

Erst im Oktober hatte Mine zusammen mit dem Rapper Fatoni ein gemeinsames Album veröffentlicht: „Alle Liebe nachträglich“.  Aber damit nicht genug. Jetzt gibt es  auch noch ein Livealbum von Mine, eingespielt mit Orchester und einem wie immer sehr unterhaltsamen Friedrich Lichtenstein als Conférencier, der das Album „das Opus Magnum der anmutigen, vor Swag platzenden Mine“ nennt – danke, damit wär eigentlich schon alles gesagt. Aber die umtriebige Mine hat es auch verdient, sie ist nicht nur eine multitalentierte, wortgewaltige Popmusikerin, sondern auch eine großartige Netzwerkerin. Für das Berlin-Konzert hat sie sich per Crowdfunding nicht nur ein Orchester, sondern auch etliche Gäste geladen, von Großstadtgeflüster, Edgar Wasser, Tristan Brusch bis zu Fatoni und Textor von Kinderzimmer Productions. Da ist also einiges geboten, reimtechnisch und musikalisch. Dabei ist die Idee ja keine neue: schon beim Puls-Festival 2014 war Mine zusammen mit dem Rundfunkorchester zu bestaunen. Offensichtlich mit Folgen, die da heißen: „Mine und Orchester, live in Berlin“. Für Mine-Fans ist diese Platte sowieso ein Muss, für alle anderen eine höchst abwechslungsreiche Einführung in den bunten Mine-Kosmos. (7,5 Punkte von 10)

Simple Minds – Walk between worlds

Ups, seit vierzig Jahren sind die Simple Minds jetzt schon aktiv und veröffentlichen mehr oder weniger erfolgreiche Alben. Ursprünglich eine gar nicht mal so uninteressante Postpunk-Combo, sind die Schotten mit den Jahren aber leider zu einer Karikatur ihrer selbst geworden. Ihr jüngstes Werk „Walk between worlds“ klingt wie der Aufguss vom Aufguss. Aufgeblähter Wave-Pop mit den immer gleichen Melodien und Synthie-Sounds, plus bombastischen Streichern ... kitschig und redundant bis ins letzte Gitarren-Riff. Zwischendrin macht es fast den Eindruck Jim Kerr und Charlie Burchill versuchten experimenteller zu klingen und David Bowie zu imitieren... und das tut dann richtig weh. (3 Punkte von 10)

Doc Schoko – Stadt der Lieder

Doc Schoko ist die Band um den Berliner Christian Schulte. „Stadt der Lieder“ heißt ihr viertes Album, das zusammen mit langjährigen Weggefährten wie dem Bassisten Pascal Schneider oder dem Gitarristen Uwe Jahnke (fame of SYPH, Fehlfarben) entstanden ist. Es geht um unsere kapitalistische Welt, in der das Musikmachen zu einem eher prekären Unterfangen geworden ist. Prekär, aber frei. Und so pendelt die Musik von Doc Schoko auch beseelt humorvoll und ohne jegliche Genrezwänge zwischen Shoegaze, avantgardistischem Krautrock („Trocken“, „Hawaii Zuhause“, „Durst“), Garagenrock und Punk („Hirnfriedhof“). (8 Punkte von 10)