Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Cristobal And The Sea | The Killers | Moses Sumney

Dies ist eine Veröffentlichungs-starke Woche. Das mit viel Vorablorbeeren bedachte US-Talent Moses Sumney bringt sein erstes Album raus: "Aromanticism" - mit viel Soul, Drama & Psychedelia. Das beliebte, afrikanische Pop-Paar Amadou & Mariam meldet sich mit einer neuen Platte zurück: "La Confusion". Im Rampenlicht dürften aber die aus Las Vegas stammenden Stadion-Emos von The Killers stehen. Außerdem hören wir die neuen Alben von Cold Specks, Cristobal & The Sea, Hundred Waters, Chelsea Wolfe, Metz, Steffi, The Horrors, Godspeed You Black Emperor und DJ Python.

Von: Ralf Summer

Stand: 21.09.2017

Cover: Cristobal And The Sea - Exitoca | Bild: City Slang

V. A. - Shimmer: A Selection by Boozoo Bajou (Vol. 1)

Cover: Boozoo Bajou - Shimmer (Vol. 1) | Bild: Embassy Of Music

Das fränkische Duo Boozoo Bajou legt nach 20 Jahren und vier Alben nun eine weitere Compilation mit Lieblinx-Liedern vor: "Shimmer" führt eine erlesene Reihe von Late-Night-Tracks zu einem knisternden Mix zusammen - nicht umsonst zeigt uns das Cover schon eine verschneite Strasse. Höhepunkt: "Mx Home" - etwas Klavier und viel Knistern - könnte von altem Vinyl oder von Neuschnee stammen. Dahinter steckt Rafael Vogel - er schreibt sich als Künstler aber rückwärts: Leafar Legov - und ist einer von einem Dutzend handverlesener Produzenten, die Stücke für Boozoo Bajou und ihren neuen Sampler "Shimmer" zur Verfügung gestellt haben. Dabei auch Slowdive, Burnt Friedman, Max Loderbauer, The Notwist undsoweiter. Boozoo Bajou wurden für ihren dubbigen Downbeat/TripHop-Sound bekannt - über die Jahre wurde der warme, sonnige Reggae+Soul-Einfluss weniger - zugunsten kühler, elektronischer Sounds. Trotzdem ne passende Entwicklung fürs Duo aus Erlangen und Nürnberg. (8,5 Punkte von 10)

Moses Sumney - Aromanticism

Mit "O Superman" wurde er bekannt: seine Coverversion des 80er-Jahre-Avantgarde-Hits von Laurie Anderson - eingespielt auf einem Moog Synthesizer. Und dem populären Autotune-Effekt auf seiner Stimme. Moses Sumney aus L.A. ist ein enormes Talent: das haben auch Musiker wie David Byrne, Solange oder James Blake erkannt und ihn als Support Act eingeladen. Sein Sound ist teils ätherisch-zarter, teils opulenter Folk-Soul ("Lonely World") - zum Teil auch mit Beats - oder mit Thundercat (vom Flying Lotus Label) am Bass. Nun also das Debüt des in Ghana geborenen Afro-Amerikaners: "Aromanticism" ist ein ausgereiftes Konzeptalbum über Liebe/Nicht-Liebe und Romantik. In "Doomed" klingt er wie eine Art "schwarzer Thom Yorke": seine schneidend-helle Stimme fällt auf - wird aber nicht allen gefallen. Am 9.11. spielt er in München im Ampere. (8)

Steffi -  World Of The Waking State

Tolle Elektronik-Platte von der aus den Niederlanden stammenden DJ-Produzentin und Labelmacherin Steffi Doms, die vor 10 Jahren nach Berlin zog. Auf ihrem dritten Album "World Of The Waking State" zaubert Steffi melancholisch angehauchten Home-Listening-Electro aus den Maschinen, manche Tracks sind eher tanzbar und clubtauglich - aber am besten sind ihre Songs dazwischen: "All Living Things" und "The World Of Memory". Diese Stücke tragen soviel Zukunfts-Sehnsucht in sich, ich frage mich, ob sie nicht zu "Blade Runner 2049" passen würden? Der Herbst kann kommen - er hat schon jetzt seinen getragenen, digitalen Soundtrack. (8)

Cristobal And The Sea - Exitoca

Cleverer Titel: aus "Exotica", dem Genre für (vor allem) tropische Pop-Einflüsse der 50er und 60er (eine Art Südsee-Sehnsuchts-Soundtrack zum Wegträumen aus dem Alltag) machen sie "Exitoca". Meint aber ähnliches: Pop als Exit-Strategie - zum "kalten und sexlosen Brexit", wie die Band sagt. Cristobal And The Sea kommen aus London - ihre Mitglieder stammen aber aus Portugal, Spanien, Frankreich, Ägypten und den USA - und wollen 2017 den etwas in Vergessenheit geratenen Exotica-Begriff neu besetzen. Sie suchen das Fremde, umarmen das Andere und versuchen sich an einer neuen Weltmusik-Erzählung: was ihnen bei Songs wie "Steal My Phone" und "Goat Flokk" mit seinen Tropicalia-Anleihen besonders gelingt. "Uma Voz" basiert auf Bossa, bei "The Seed" trifft Flöten-Psychedelia auf balearische Beats. Der in Frankreich aufgenommene Zweitling von Cristobal And The Sea steckt voller verspieltem/verspultem Global-Pop und erinnert uns in diesen national aufgeladenen Zeiten daran, dass bis vor ein paar Jahren der Begriff des "Kosmopoliten" noch keine schlechte Bedeutung hatte. (7,5)

Amadou & Mariam - La Confusion

"La Confusion" heißt die 9. Platte des Grammy-nominierten Duos aus Mali - sie stellen die Songs am morgigen Freitag in Hamburg beim Reeperbahn-Festival vor. Amadou & Mariam, die sich in einer Blindenschule in Bamako kennenlernten, wurden schon von Damon Albarn oder Manu Chao produziert, spielten auf der Eröffnungs-Feier der Fußball-WM, mit Herbert Grönemeyer und anläßlich des Friedensnobelpreis-Konzerts zu Ehren von Barack Obama. Sind also so etwas wie das offizielle afrikanische Pop-Aushängeschild geworden. Die neuen Stücke halten den hohen Standard - der Titelsong, "C'est chaud" und vor allem "Bofou Safou" sollten die Hits werden - von Letzterem gibt es auch Remixe von Africaine 808 und Henrik Schwarz. "Bofou" ist ein Slangbegriff in Mali für "Dandy". Aber Mariam ermahnt sie im Text nicht nur zur Arbeit, sie versteht auch ihren Drang zum Tanzen und Lebensfreude. (7,5)

Cold Specks - Fool's Paradise

Cover: Cold Specks -Fool's Paradise | Bild: Arts & Crafts

Das dritte Album von Ladan Hussein, der somalisch-kanadischen Sängerin, die in England lebt und sich Cold Specks nennt. Auf "Fool's Paradise" geht es um die Suche nach sich selbst - und die Selbstverständlichkeit, die/der zu sein, die/der man sein möchte. Der Sound ist typisch Cold Specks: melancholischer Pop mit dunkel-schimmerndem Soul-Vibe in der Stimme. Es geht gut los, mit dem Titelsong und "Wild Card" (handelt von geflüchteten Frauen, beides Vorab-Singles) spielt sie gleich ihre Trümpfe aus - die neuen Singles "New Moon" (eine Abrechnung über ein verlorenes Jahr gebrochener Herzen) - um sich zum einnehmenden Schlusssong "Exile" noch mal aufzuschwingen. Der in einer somalisch gehaltenen Ansprache von ihr endet. Alles in allem: sehr solide Arbeiten der sowohl für den Juno Award als auch den Polaris Music Prize-nominierten (beide Kanada) Künstlerin. Cold Specks weiß, wie sie sich Gehör verschaffen kann: beim ersten Konzert in München im Ampere brachte sie das z. T. geschwätzige Publikum mit einem Trick zum Zuhören: sie sang einfach bei einem Stück neben das Mikro, ihr Gesang wurde unverstärkt leiser, die Band zog nach und das Publikum merkte sofort was los ist - und schwieg bis zum Schluß (einigermaßen). Ob sie es noch so macht? Am 15.10. spielt sie in Frankfurt in der Batschkapp, am 16.10. in München in der Milla. (7)

Hundred Waters - Communicating

Das graphisch interessante Artwork ist das beste an der neuen Platte von Hundred Waters. Auf „Communicating“ versuchen sie den Schleier zu durchtrennen, die verhindern, dass Menschen sich einander verstehen. Bzw Liebende. Denn das US-Trio ist zum Duo geschrumpft – nun sind Nicole Miglis und Trayer Tryon wieder in der Besetzung weiter, in der sie 2012 begonnen haben: als Paar. In Los Angeles entstand das dritte Album und dreht sich also um die beiden: Liebe und Selbstverwirklichung. Mit Alt-J und The xx tourten sie schon, Skrillex veröffentlichte sie, Moses Sumney sang für sie. ob mit „Communicating“ der Durchbruch klappt? Fans sollte ihr elegischer Electro-Pop finden. (6,5)

Kölsch - 1989

Cover: Kölsch - 1989 | Bild: Kompakt

Der dänische Produzent Rune Reilly mit seinem 3. Album auf Kompakt, Köln. Als Kölsch vervollständigt er nach "1977" und "1983" seine autobiographische Techno-Trilogie. Ging es auf "1977" um sein Geburtsjahr und auf "1983" um eine längere Europa-Reise mit seinen Eltern im Alter von Sechs, kommt er nun auf "1989" in seinen Teenie-Jahren an. "Schwierige Zeit, alles ist grau in meiner Erinnerung: graues Wetter, graue Gesichter, graue Gefühle." Und die Scheidung seiner Eltern. Rune lenkte sich mit Skaten und Musik auf dem Walkman ab - Musik wurde zum Anker. So finden sich denn auch viele Grau/Grey-Tracktitel auf dem Album des auch von der BBC gefeierten Musikers, der gern zu eigenen DJ-Shows eingeladen wird. Auch hier wieder: epische Melodien über treibendem Techno. Neu: der Klassik-Aspekt wurde weiter verstärkt: Gregor Schwellenbach ist mit seinem 24-köpfigen Heritage Orchestra auf drei Stücken zu hören. An einer Stelle wurde die Stimme von Runes Großvater Ludwig eingebaut. "Push" ist der Club-Hit, aber "Goodbye" ist am tiefsten. (7)

Chelsea Wolfe - Hiss Spun

Sie kann anders. Sie kann heftig. Sie kann laut. Richtig laut. Chelsea Wolfe macht es auf ihrem neuen Album wie Henry Miller: sie geht unter die Oberfläche der Dinge. "Unter dem Chaos lauert die Schönheit", wie der US-Autor einst schwärmte. Die Songs hat sich die düstere US-Amerikanerin "von der Seele geschrieben, um frei zu werden" - vor dem Hintergrund der vielen schlechten Nachrichten im letzten Winter. Und auch weil in ihrem eigenen Leben gerade viel Mist passiert. Bei den letzten Platten klang Chelsea Wolfe mal nach runtergestripptem Folk oder nach pulsierender Elektronik - diesmal klingt alles heftiger. So fließen auch Lärm und Geheul in die neuen Stücke: egal ob im Stau auf der Tour in Prag oder Koyoten hinter ihrem Haus in Kalifornien. Mitgeholfen hat u. a. Troy Van Leeuwen von Queens Of The Stone Age. Zynisch, reinigend, voller White Noise - eine Platte wie eine Katharsis. (6,5)

The Horrors - V

Faris Badwan macht das Leben keinen Spaß: zuviel ist festgelegt. Er sucht die Herausforderung - mit seiner Band The Horrors. Seit zehn Jahren sind die Briten nun dabei, und machen "Psychotic Sounds For Freaks And Weirdos" - wie sie sagen. Krautrock, Shoegaze und Drone gehören seitdem zu ihrem Mix. Das fünfte Album "V" steht auch für "Victory". Wir hören Akustik-Gitarren über Drum Machines - beeinflusst von Dub, Talk Talk und Kraftwerk. Produziert hat ihr neuer Label-Boss - Paul Epworth, Mann an den Reglern bei Adele, Coldplay und Glass Animals. "Wir haben gewürfelt und nun warten wir was passiert." - sagen The Horrors und sind gespannt, wie "V" einschlägt. Es ist nicht ihr bestes Album geworden. (6)

Hiss Golden Messenger - Hallelujah Anyhow

Cover: Hiss Golden Messenger - Hallelujah Anyhow | Bild: Merge

Nicht wirklich warm geworden bin ich auch mit dem neuen Album von Hiss Golden Messenger, obwohl Musiker der tollen Formation Megafaun mitgewirken. Hinter Hiss Golden Messenger steckt der Kalifornier M.C. Taylor, der seit knapp zehn Jahren Alben veröffentlicht. Das morgen erscheinende trägt den Titel "Hallelujah Anyhow", erinnert stimmlich an einen jingle-janglenden Bob Dylan mit gepresster Stimme. Diesen 70er Country-Folk hat man so schon oft gehört. Kommt leider etwas uninspiriert daher - ausser bei "Jaw", der eigenständig klingt. (6)

The Killers - Wonderful Wonderful

Die Ober-Stadion-Emos aus Las Vegas haben "Wonderful Wonderful" fertig - nach vier von 12 Songs, die man bisher hören durfte, lässt sich noch kein Urteil abgeben. Aber dank eines der Vorab-Songs kann auch ich meinen Frieden mit der Band machen: "Some Kind Of Love" klingt angenehm zurückgenommen und erstickt nicht im typischen Band-Pathos: The Killers haben das Lied zusammen mit Brian Eno geschrieben. (ohne Wertung)

Godspeed You! Black Emperor – Luciferian Towers

Cover: Godspeed You! Black Emperor - Luciferian Towers | Bild: Constellation

Das siebte Album des kanadischen Experimental-Rock-Kollektivs aus Toronto - einer festen Größe mit Haltung nicht nur in ihrer Heimat. Ihre neue Platte heißt "Luciferian Towers" und sieht das Großkapital wie gewohnt als den Teufel: 2017 geht es um den Kapitalismus und seinen Bedingungen - u. a. für die Lebensbereiche Gesundheit, Wohnen, Wasser und Gefängnisse. Godspeed fordern ein Ende von militärischen Auslandseinsätzen und Aufhebung aller Grenzen. Diesmal in Songs unter zehn Minuten Länge. Vorab waren leider zwei zu hören - somit ist keine Wertung bis Sendungs-Beginn möglich gewesen. (ohne Wertung)