Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Charlotte Gainsbourg | Morrissey | Sharon Jones

Der große Dandy Morrissey kehrt zurück mit einem kontroversen Album, dem man die Weltanschauung schon verzeihen muss, um es zu mögen. Posthum erscheint diese Woche ein Album von Sharon Jones und ihren treuen Dap-Kings, ein Abschieds-Album der im letzten Jahr verstorbenen Soulsängerin, aufgenommen während der Chemotherapie. Außerdem ist diese Woche ein gute Hip Hop- und Soul-Woche. Wir hören in deutschen Rap von Ebow und Manfred Groove, schauen in die finnische Hip Hop-Szene und freuen uns mit dem Projekt Nx Worries auf den zukünftigen Weltstar Anderson Paak.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 16.11.2017

Cover: Morrissey - Low In High School | Bild: BMG

Charlotte Gainsbourg - Rest

Vor vier Jahren ist Kate, die Schwester von Schauspielerin Charlotte Gainsbourg, in Paris nach einem Fenstersturz gestorben. Kurz danach musste Charlotte weg aus Paris, weil die Stadt sie ständig an den tragischen Tod erinnert hat. Sie ist mit ihrer Familie nach New York gezogen und hat da dort urbane Songs über Tod und Verlust geschrieben. Sonst hatte Charlotte bei ihren Vorgängeralben immer Hilfe beim Texte-Schreiben, diesmal stammt alles aus ihrer Feder, nur bei der Produktion halfen immer noch gestandene Größen wie Sebastian, Paul McCartney, Owen Pallet und einer der Helme von Daft Punk. Das hört man auch. Vor allem der discoide Pop auf dem Album "Rest" ist absolut hörenswert. (7,5 Punkte von 10)

View - Leave A Comment

Dieser Sound klingt wie der neue heiße Hip-Hop-Scheiß aus einer amerikanischen Großstadt, kommt aber aus Finnland. Rapper View gehört dort zu den Newcomern. Er orientiert sich an Größen wie Drake oder ASAP Rocky. Hätte auch nicht überrascht, wenn einer der beiden mit auf dem Debütalbum gewesen wäre. Dies ist State-of-the-Art-Hip-Hop, der mit dicken Beats daherkommt, Trap-Musik streift, aber vor allem von der sinistren Stimme von View lebt. Als hätte sich Macklemore der dunklen Seite der Macht angeschlossen. (6,5)

Ebow - Komplexität

Sie galt als die M.I.A. Münchens, jetzt ist Ebow die M.I.A. Wiens, da lebt sie mittlerweile und veröffentlicht von dort ihr neues Album "Komplexität". Darauf ist Ebow weniger politisch, als wir es von ihr kennen. Die großen Stärken des Albums: die Beziehungs-Songs. Politisch ist Ebow aber natürlich auch immer noch, sie steht mit ihrem türkischen Background für Diversität und Empathie. (6,5)

Manfred Groove - Blumen aus Wachs

Achim Bogdahn hat das Freiburger Duo in seinem Montagsdemo im Zündfunk entdeckt. Mit Manfred Groove haben sie einen eher gewöhnungsbedürftigen Namen. Sie erinnern in den besten Momenten an Kinderzimmer Productions, aber mit noch mehr Ironie. Die verbreiten sie auch über ihren Youtube-Kanal Luksan Wunder, da machen sie sich mit sehr witzigen Videos über aktuelle Tendenzen im Hip Hop lustig - und das sehr erfolgreich. Das Album "Blumen aus Wachs" meint es ein wenig zu gut, 20 Tracks sind ein paar zuviel, ein wenig besser komprimiert und wir hätten hier eines der besten deutschen Hip Hop-Alben des Jahres haben können. (6,5)

Nx Worries - Yes Lawd! Remixes

Anderson Paak steht kurz vorm ganz großen Durchbruch, mit seinem nächsten Album soll es soweit sein. Er würde damit das Soul-Hip-Hop-Triumvirat mit Kendrick Lamar und Frank Ocean komplettieren. Vorher kann man nochmal so schauen, was der Mann aus Kalifornien sonst so nebenbei angestellt hat. Und da war doch was mit Produzent Knxwledge, sie nennen sich zusammen Nx Worries. Da kam eine tolle 19-Track-starke Platte, die jetzt nochmal mit 12 Remixen aufgelegt wird. Das Remix-Album fühlt sich aber an wie eine eigenständige Platte, nicht wie ein Mixtape, wie die Vorlage. Ein wirklich toll komprimiertes Remix-Album. Knxwledge hat die Beats, Paak den Style - wird man sich gerne daran zurückerinnern, wenn Anderson Paak ein Weltstar ist. (7)

Daniele Luppi & Parquet Courts - Milano

Beinahe unbemerkt ist dieses Jahr ein neues Parquet Courts-Album erschienen und zwar schon vor drei Wochen. Natürlich, möchte man sagen, die Parquet Courts haben einen überaus hohen Output, diesmal aber nicht alleine: Sie arbeiten mit dem italienischen Komponisten Daniele Luppi zusammen. Der hat auch schon mal mit Danger Mouse ein formidables Album rausgebracht. Und noch ein Gast ist auf vier Tracks zu hören: Karen O von den Yeah Yeah Yeahs. Wie immer bei den obercoolen Parquet Courts machen sie es einem nicht ganz einfach, sie drehen Velvet Underground durch den Fleischwolf oder machen einen auf Blondie mit Karen O als Debbie Harry. Fest steht eines: Das eine Parquet Courts-Album, das jedes Jahr kommt, gehört fast schon traditionell zu den besten des Jahres. So auch "Milano". (8)

Mavis Staples - If All I Was Was Black

Cover: Mavis Staples - If All I Was Was Black | Bild: Anti-

Mavis Staples war seit den Fifties mit Papa Pops und den Staples Singers unterwegs, hat sich damals auch der Bürgerrechtsbewegung angeschlossen, jetzt erlebt sie mindestens schon den dritten Frühling. Morgen erscheint das dritte Soloalbum in den letzten sieben Jahren und das immer mit freundlicher Mithilfe von Jeff Tweedy von Wilco. Er schreibt ihr kongenial die Songs auf den Gospel-Leib. Auf dem neuen Album sogar alle Songs, da ist kein Cover oder ähnliches dabei. "If All I Was Was Black" ist ihr bisher politischtes Album, gerichtet gegen Menschen, die behaupten, man müsse America great again machen. Mavis Staples sagt: America war schon immer great, nur dürfen wir unsere Gesellschaft nicht spalten lassen. Das Album hilft dabei, in dem es Aufbruchsstimmung verbreitet. Hinfallen, aufstehen, anpacken, immer wieder - und das mit 78. (7,5)

Sharon Jones & The Dap-Kings - Soul Of A Woman

Alben, die Künstler im Bewusstsein aufnehmen, dass sie todkrank sind, können oft sehr nostalgisch sein, alles ist dann meist auf Abschied getrimmt. Bei Sharon Jones ist das anders, was sehr viel über ihre Person aussagt. 2016 ist Sharon Jones viel zu früh an Krebs gestorben. Posthum erscheint jetzt ein Album mit ihrer treuen Backing-Band, den Dap-Kings. Darauf sind die Songs, die während den Krebs-Behandlungen aufgenommen wurden. Und sie sind eben nicht auf Sharon Jones bezogen, die Songs enthalten viele positiven Botschaften für die Fans. So gesehen ist das Album "Soul Of A Woman" ein großes Dankeschön-, kein Goodbye-Album. So oder so: Wir vermissen sie, den Soul dieser Frau, Sharon Jones. (8)

Karl Blau - Out Her Space

Cover: Karl Blau - Out Her Space | Bild: Pias/Coop/Bella Union

Seit fast 20 Jahren macht Karl Blau aus Washington unter Ausschluss der Öffentlichkeit Platten. Letztes Jahr hat das Bella Union-Label ein Country-Cover-Album von Blau aufnehmen lassen und es "Introducing Karl Blau" genannt. Jetzt erscheint die erste Platte mit eigenen Songs und mit Einbeziehung der Öffentlichkeit - ein sehr gelungenes, das nicht durch Zufall an den groovy Folk von Matthew E. White erinnert. Blau hat schon mehrmals für White produziert und der revanchiert sich auf "Out Her Space". Ein Album unter dem Motto: Space is the place - auch für Country und Folk. (7)

Morrissey - Low In High School

Wenn man so will, ist Morrissey Meister darin, liebevoll Hass zu predigen. Diese Bigotterie kann nerven, sogar ärgerlich sein, oder man kann sie zu großer Kunst erheben. Letzteres versucht Morrissey auf seinem neuen Album "Low In High School". Darauf bekommen Präsidenten, Diktatoren, Vergewaltiger, Fleischesser und Feinde Israels ordentlich eine mit. Ihnen verschreibt Morrissey allen mehr Liebe. Man kann nur hoffen, dass Morrissey selbst erkannt hat, dass das seine immer gleiche Antwort in einer so kompliziert gewordenen Welt zu kurz greift, aber in vier Minuten-Popsongs passt die Hassliebe dann immer noch sehr gut. Ein Schlüsselstück ist das sieben Minuten lange und halsbrecherische "I Bury The Living" - nach so einem Song suchen andere ihre ganze Karriere lang. "Low In High School" ist zumindest musikalisch sein bestes Album nach seinem 2004er Comeback "You Are The Quarry". (7)

Radio Citizen - Silent Guide

Ich habe die Serie Babylon Berlin noch nicht gesehen, aber wenn ich Radio Citizen höre, dann stelle ich mir vor, ich höre den Soundtrack: alles fließt in einer großen Stadt, es knistert, zischt, knallt und an der ein oder anderen Ecke schnappt man Geschichten auf. "Silent Guide", der stumme Wegweiser, ist ein urbanes Album vom Münchner Jazz-Projekt Radio Citizen - ein sehr solides Album, das einiges fordert, aber auch viel zurückgibt. (6,5)