Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Black Rebel Motorcycle Club | Haiyti | Typhoon

Allmählich kommt die Veröffentlichungsmaschinerie wieder in Gang. Highlights ist das Major-Label-Debut der deutschen Rapperin Haiyiti, das Comeback der amerikanischen Lederjacken-Rocker vom Black Rebel Motorcycle Club und das neue Album des feministischen US-Indie-Projektes The Tune-Yards. Außerdem gibt's Neues von den britischen Newcomern Typhoon, Ausgegrabenes der Berliner Künstler "Die tödliche Doris" und der linksradikalen Punkrocker "Feine Sahne Fischfilet".

Von: Matthias Hacker

Stand: 11.01.2018

Cover: Haiyti - Montenegro Zero | Bild: Vertigo/Universal

Jaguwar -  Ringthing

Das Dresdner Trio mischt Shoegaze, New Wave und Noise-Pop. Sie haben bereits bereits zwei EPs auf dem US-amerikanischen Prospect-Label veröffentlicht. Jetzt erscheint ihr Debüt beim heimischen Tapete-Label.  Die verhallten Melodien und krachigen Walls Of Sound erinnern an die großen Zeiten von My Bloody Valentine. Allerdings werfen die Gitarren oft aus der Shogaze-Traumwelt, da sie wie Metal-Äxte klingen und deplatziert wirken. Aber die Stimme von Sängerin Oyemi heilt diese kleinen Kratzer. (6,5 Punkte von 10)

Gregor McEwan - From A To Beginning

Eigentlich heißt er Hagen Siems - aber das klingt anscheinend nicht so kernig und cool nach Songwriter wie Gregor McEwan. Sein neues Album ist die vertonte Filmszene, wenn Menschen sich aus dem Autofenster lehnen und mit ausgestreckten Armen "Woohooo" in den Fahrtwind schreien. Das Songwriting ist zu austauschbar und kitschig. Je mehr er auf die emotionale Drüse drückt, umso kälter hat mich das Album gelassen. Es bleibt der Eindruck eines großen Flickerlteppichs mit Mundharmonika-Parts a la Bob Dylan und Indiestrophen wie bei Connor Oberst. Darunter mag ich die Songwriter-Punk-Phasen à la John K. Samson am liebsten. Vielleicht davon ein bisschen mehr beim nächsten mal. Am 25. Januar spielt Gregor McEwan in der Fürther Kofferfabrik. (4)

Shame - Songs Of Praise

Trotz großer Deutschlandtournee kommen die Londoner Postpunker von Shame leider nicht zu uns nach Bayern. Ihr Debüt ist ein düsteres, melancholisches Soundspektakel geworden. Sie erinnern mich an die jungen Afghan Whigs. Können aber auch mal rock'n'rollen wie der Black Rebel Motorcycle Club, zu dem wir später auch noch kommen. Wunderbar aggressiv, politisch und verspielt. Mit einem Durchschnittsalter von gerade mal 19 Jahren definitiv eine Band mit Zukunft in der Branche. Die Support Shows für angesagte Band wie Idles oder Fat White Family kommen nicht von irgendwoher. Interessant ist auch noch, dass sie nicht nur knüppeln und die Ekstase ihrer Songs überreizen. Die Sparsamkeit mit den großen Momenten ist eine ihre spannungserzeugenden Stärken. (8)

Børns - Blue Madonna

Der Songwriter aus Michigan veröffentlicht vorerst nur digital, bis Blue Madonna dann in zwei Wochen als CD zu kaufen ist. Børns hat schon als Kind gerne den Zauberer gespielt. Den Glitzerumhang trägt er heute noch gerne.  Er hat einen Drang zum Fantastischen, Androgynen und Doppelbödigen wie Bowie früher beispielsweise auch als Ziggy Stardust. Børns ist ein Träumer, was sich klanglich und textlich auch in Songs wie Sweet Dreams niederschlägt. Das ist ein perfekt ausproduziertes Album mit einem talentierten Songwriter. Chartmusik von der besseren Sorte. (7,5)

Fondation - Les Cassettes 1980-1983

Anfang der 80er-Jahre veröffentlichte das französische Musikerpaar Ivan Coaquette and Anannka Raghe unter dem Namen Fondation drei Kassetten mit experimenteller elektronischer Musik. Nun erscheinen die Highlights dieser drei Tapes auf einer Platte. "Les Cassettes 1980-1983" ist eine elektronische Klangschalen-Therapie zwischen Synthie-Rock, Ambient und Kraut. Die Patterns wiederholen sich und schaffen immer wieder einen hypnotischen Soundteppich. 35 Jahre ist das ein schönes Zeitdokument, das die elektronische Pionierarbeit dieser Band betont. Dass diese Klangexperimente von damals für uns heute keine ungewohnten Hörerfahrungen mehr sind, ist ein klarer Beweis dafür, wie sehr Avantgarde Bands wie Fondation die Popmusik nachhaltig geprägt haben. (7,5)

Typhoon - Offerings

Ein epochaler Opener für das Popjahr 2018. Die Band aus Portland macht imposanten Indierock und erzählt schaurige und traurige Geschichten. Es geht um die leidlichen Untiefen des menschlichen Daseins. Typhoon singen gerne von Tod, Krankheit und Vergänglichkeit. Dieses Mal geht es auf Offerings um einen Mann, der erst sein Gedächtnis und dann das Gefühl für sich selbst verliert. Im Song Rorschach erzählt dieser Mann davon, wie er die Welt um sich herum nicht mehr wahrnehmen, erkennen und begreifen kann. Gleichzeitig sind die Texte so doppeldeutig und spielen immer wieder auch auf die politischen Verhältnisse an. In selbigem Song heißt es in den ersten zwei Zeilen: "Eyes on the screen - we have all the information. But what does it mean?". All die Informationen, die uns zur Verfügung stehen, haben keine Bedeutung, wenn wir sie nicht benutzen oder einordnen können. Typhoon schaffen es mit ihren vielen Bandmitgliedern eine riesige Soundkulisse aufzubauen. Aber sie erschlagen sie uns nicht damit, was oft die Gefahr ist. Sie machen es richtig und geben den Songs Raum und damit Tiefe. Eine Dynamik, wie wir sie beispielsweise von Sigur Ros kennen. (8)

Black Rebel Motorcycle Club - Wrong Creatures

Bikerboots an und die schwarze Lederjacke zurecht gezupft. Der Black Rebel Motorcycle Clubs ist zurück. Über viele Jahre haben sie es geschafft ihren düsteren Rock'n'Roll auf hohem Niveau zu halten. Das letzte Album "Spector The Feast" hat das nochmal eindrücklich bewiesen. Auf der neuen Platte fehlen mir die großen griffigen Gitarren-Riffs, die sie früher noch am laufenden Band produziert haben. Andererseits ist Wrong Creatures deutlich feinfühliger und bluesiger geworden. Auch alte Motorclub-Rocker werden mal ruhiger. Aber auch ein Grund für den Wandel liegt sicher in der Krankheit von Schlagzeugerin Leah. Sie musste sich einer schweren Gehirnoperation unterziehen und das hat dem BRMC eine Arbeitspause aufgezwungen. Das Innehalten und Nachdenken ist Wrong Creatures anzuhören. (6)

Haiyti - Montenegro Zero

Gangsterrap ist bis dato eine Männerdomäne. Aber genau da drängt sich jetzt die Hamburger Trap-Rapperin Haiyti rein. Sie ist derzeit das Rolemodel schlechthin im weiblichen Rap, der sich mehr und mehr im Mainstream etabliert. Endlich muss man sagen. Haiyti hat sich diese Position selbstbewusst, großmäulig aber auch poetisch erkämpft. Sie fügt den Genres Gangster oder Ghettorap Feingefühl und Emotionen bei. Es sind endlich nicht mehr diese überzüchteten, stiernackigen Machos, die die Straße für sich beanspruchen. Das Hahnenkampf-Gehabe und der Goldkettchen-Style war ja auch schon seit Jahren langweilig und in der Krise. Es ist höchste Zeit für Haiyti und andere Rapperinnen. Wenn sie von Gold singt, dann nicht von angeberischen BlingBling, sondern sie sucht nach Nähe und Wärme. Da heißt es: "Was soll ich mit allem Gold der Welt? / Ich will nur ein bisschen Zeit mit dir." Das Album ist deutlich poppiger geworden als ihre bisherigen Songs. Ihr Style klingt aber immer noch mehr  nach überdrehtem Schnappatmungs-Rap. Die Stimme überschlägt sich in jeder Zeile. Das verleiht ihren Songs einen hysterischen Grundton, was viele Hörer auch nerven wird. Aber das ist wohl der neue Soundtrack für den Schulhof genauso wie für die Girlgang am Hauptbahnhof. (7)

Feine Sahne Fischfilet - Sturm & Dreck

Die linksradikalen Punkrocker aus der ostdeutschen Provinz waren immer wieder in den Schlagzeilen: überwacht vom Verfassungsschutz in Mecklenburg Vorpommern, aber auch bewundert für ihr starkes politisches Engagement gegen rechts. Dort wo es weh tut! In den rechten Hochburgen und Landkreisen haben sie Auftritte gespielt und dafür auch jede Menge Drohungen bekommen. Das fünfte Album der Band ist unpolitischer und ein Haudrauf-Punkrock-Album mit Hang zum Ska-Punk. Es werden die gängigen Klischees Rausch, Anarchie und Rebellion abgefeiert. Musikalisch ist es auch nicht besonders originell. Auch ihre Sprache ist deutlich braver geworden als früher. Doch es ist noch Platz für Agit-Punk. Sie zählen auf alle Fälle zu den derzeit relevantesten Punkbands in Deutschland. (5)

Die Tödliche Doris - Sprechpause

Cover: Die tödliche Doris - Sprechpause | Bild: Fang Bomb

Die Tödliche Doris war und ist ein Kunstprojekt um Wolfgang Müller aus Berlin, das sich neben experimenteller Musik auch auf Film, Literatur, Hörspiel und Performance ausgedehnt hat. 35 Jahre nach der Platte "In der Pause" haben Wolfgang Müller und Chris Dreyer die Aufnahmen von damals nochmal aufgegriffen und überarbeitet. Das Ergebnis ist ein für mich zeitloses Klangkunstwerk. Die Pause war schon immer ein großes Thema im Schaffen der Gruppe. Müller machte zuletzt auch ein Hörspiel dazu für den Bayerischen Rundfunk. Nun widmet er sich dem Thema wieder musikalisch. Die Songs heißen Schweigeminute, Pausenmusik oder Sendepause. Alle sind faszinierende Forschungen in den Zwischenräumen, denen sonst wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. (8)