Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Björk | Prins Thomas | Sufjan Stevens

Kurz vor der Weihnachtspause gehen noch etliche große Namen mit neuen Alben an den Start. Ein sicherer Kandidat für die Jahresbestenliste ist allerdings nur "Utopia" von Björk, die nach wie vor zu den innovativsten Musikerinnen unserer Zeit gehört. Nach dem tieftraurigen "Vulnicura" markiert "Utopia" jetzt einen Neuanfang, einen Aufbruch in eine andere, bessere Welt. Produziert hat wieder der Venezolaner Arca, dessen zersplitterte Beats und dissonante Synthies einen wunderbaren Gegenpol zu Björks neuer Romantik darstellen. Außerdem u. a. mit dabei: Howe Gelb, Prins Thomas und Sufjan Stevens.

Von: Angie Portmann

Stand: 23.11.2017

Cover: Björk - Utopia  | Bild: Embassy of Music (Warner)

Howe Gelb & Lonna Kelley - Further Standards

Die Nacht ist kalt und nass, nur in der Bar um die Ecke brennt noch Licht. Dort sitzt ein Mann am Klavier, der klassische "lonesome Crooner", die jüngste Reinkarnation von Giant Sand-Sänger Howe Gelb. Neben ihm sein weiblicher Gegenpart, charmant und verführerisch, aus Phoenix, Arizona, Lonna Kelley. Seit zwei Jahren spielen die beiden im Club der einsamen Herzen ganz weit vorne. "Future Standards" hieß ihr erstes gemeinsames Album, das genau vor einem Jahr erschienen ist und auf dem jazzige Standards im Frank Sinatra-Style zu hören waren. Mit Klavier, Kontrabass und sanft gestreichelten Drums. Zukünftige Klassiker sozusagen, die auf dem neuen Album "Further Standards" jetzt nochmal zu hören sind. Größtenteils in einer absolut stimmigen Live-Version, die uns noch weiter ins Plüschsofa drückt. Oder Lonna Kelley weiter in den Vordergrund spielt, auch das funktioniert großartig. Nur zwei Songs sind ganz neu auf dem Album, u. a. das unfassbar tolle, nur von Kelley gesungene und tatsächlich nach klassischem Standard klingende "Presumptuous". Sprich, auch für dieses Album gilt: Howe Gelb, the coolest cat around. (7,5 Punkte von 10)

Slow Leaves - Enough About Me

"Enough About Me" - so der Titel des zweiten Albums der Slow Leaves aus Winnipeg, Kanada, ist eine knallharte Lüge. Denn dem Titel zum Trotz geht es in den Texten von Grant Davidson, dem Kopf der Band, um nichts anderes als um ihn selbst. Sein Leben, seine Gefühle, seine Erinnerungen. Die Demos dazu hat er noch zu Hause im Keller aufgenommen und sich erst später Unterstützung von anderen kanadischen Musikern geholt, wie z. B. Julie Penner von Broken Social Scene oder Jason Tait von den Weakerthans. Offensichtlich ist Davidson ein großer Fan klassischen Country-Folk-Pops vergangener Dekaden. Denn "Enough About Me" ist zeitlos schön, liebevoll  arrangiert und instrumentiert, angenehm unaufgeregt und absolut solide. (7)

Sufjan Stevens - The Greatest Gift

"The Greatest Gift" ist eine Sammlung, ein Mixtape sozusagen, von Outtakes, Remixen und Demos, die im Zusammenhang mit dem wunderbaren Sufjan Stevens-Album "Carrie & Lowell" entstanden sind. Den Opener daraus, "Death With Dignity", gibt es hier im sanft verspulten, sehr echolastigen Helado Negro-Remix. Toll auch das iPhone- Demo von "John The Beloved". Ohne Rauschen, aber dafür mit umso mehr Nähe zum Musiker und seinem Song. Oder die Fingerpicking-Version von "Drawn To The Blood". Allerdings kann ein bunt gemischtes Mixtape wie dieses keinesfalls den Zauber eines in sich absolut stimmigen Albums wie "Carrie & Lowell" entwickeln. "The Greatest Gift" bleibt damit beim Geschenk für den Fan, dem Stevens-Neueinsteiger würde ich auf alle Fälle das Originalalbum empfehlen. (7)

Björk - Utopia

Auf dem Vorgängeralbum, dem düsteren, verstörenden "Vulnicura", hat Björk ihre gescheiterte Beziehung mit dem Künstler Matthew Barney aufgearbeitet. "Utopia" markiert jetzt einen Neuanfang, einen Aufbruch in eine andere Welt. Wenn man so will in eine Welt der Liebe. Ein wichtiger Teil davon ist mittlerweile der venezolanische Musiker Alejandro Ghersi, besser bekannt als Arca. Mit ihm verbindet Björk, wie sie selbst sagt, "eine musikalische Beziehung auf Augenhöhe". Er hat "Utopia" nicht nur produziert, sondern vielleicht sogar "verschuldet". In dem Song "Blissing Me" singt Björk über zwei Musiknerds, die sich gegenseitig mp3s schicken und sich im Inneren einer Melodie treffen. Neben romantischen Bildern wie diesen wird Björk auf "Utopia" aber auch politisch, wenn sie an anderer Stelle das herrschende Patriarchat als Farce bezeichnet oder ihren Sorgerechtsstreit mit Matthew Barney thematisiert.

Für die musikalische Umsetzung dieser Vision einer besseren Welt, in der Menschen, Maschinen, Technik und Natur glücklich vereint miteinander leben, hat Björk u. a. ein isländisches Flötenorchester engagiert, wir hören Harfen, Streicher, Wind, Wasser und Vogelgezwitscher. Und dazu die futuristischen, elektronischen Sounds Arcas. Zersplitterte Beats, dissonante Synthies. Es knirscht, manchmal weniger, manchmal mehr, dann wird die Björksche Idylle fast brutal zerstückelt. "Utopia", das ist wunderbar aufregender State-of-the-Art-Pop von einer der spannendsten Künstlerinnen im Pop, nach wie vor. Und ein sicherer Kandidat für meine Jahresbestenliste. Wer übrigens das Album von Björk in ihrem Onlinestore bestellen möchte, der kann dort auch mit Kryptowährung bezahlen, also mit Bitcoin, Audiocoin, Litecoin und Dashcoin. Auch hier ist die Isländerin mal wieder ihrer Zeit voraus. (8,5)

Prins Thomas - 5

Prins Thomas, legendärer norwegischer DJ und Produzent, mit einem Faible für kosmische Disco-Sounds. Und auch auf seinem neuen Album "5" arbeitet er an seinem Space Disco-Entwurf. Weg vom sonnigen Balearen-Sound, hin zum Experiment. Prins Thomas hat dafür extra ein neues Label gegründet: Prins Thomas Musikk (mit zwei K). Und auch wenn "5" kein Album für den Dancefloor ist, schickt es uns doch auf einen durchaus entspannten, aber nicht minder interessanten Trip. Disco, Acid, Ambient, Krautrock, Techno. Es knallt nur selten bzw. nie. Dafür lassen sich mit Prins Thomas z. B. hervorragend überlange Autofahrten überstehen. Mit Titeln wie dem eben gehörten "Lunga strada" oder "London til Lisboa". (7,5)

Xenoula - Xenoula

Xenoula, das ist Romy Xeno, eine Südafrikanerin, die mit 16 nach London gezogen ist und mittlerweile im Norden von Wales lebt. Zusammen mit ihrem Produzentenfreund Sam Eastgate aka LA Priest. Und wie dessen Solo-Debüt aus dem Jahr 2015 klingt auch der Elektropop von Xenoula ausgesprochen experimentell. Die Gitarren in slow motion, die Synthies lasziv im 70's Modus, dazu vertrackte Beats und ein Hauch von einem Gesang. Glichty Elektro-Pop, mystisch-verschroben und sehr arty. LA Priest lässt grüßen. (6,5)

Noel Gallagher's High Flying Birds - Who Built The Moon?

"Fort Knox", ein Opener wie in guten alten Rave-Zeiten. Schwere Beats, Bläser, Chorgesang, ein Albumeinstieg wie eine Dampfwalze. Primal Scream hätten es in den 90ern nicht besser hinbekommen. Das darauf folgende "Holy Mountain" ist nicht minder brachial, mit "Ca plane pour moi" von Plastic Bertrand als Pate und Noel Gallagher im Glam Rock-Fieber. Yeah! Party! Von wegen, Noel Gallagher hätte den Jazz für sich entdeckt und sitzt seitdem mit einem Glas Rotwein zu Hause und hört Sun Ra-Platten, Irrtum. Sein neues Album "Who Built The Moon" ist purer Rock-Hedonismus. Auch "Keep On Reaching" hält den Drive und hat dazu eine Menge Soul. Spätestens jetzt hat Noel Gallagher live sein schickes Hemdchen durchgeschwitzt. "It's A Beautiful World", wer will ihm da wiedersprechen. Noch dazu wenn Produzent David Holmes für einen derart unwiderstehlichen Groove sorgt. Dazwischen dann aber auch immer wieder psychedelisch-ruhige Siebziger-Pink Floyd-Passagen - wie gut, dass die Songs von Noel Gallagher jetzt nicht mehr Stadionrock-kompatibel sein müssen wie zu Oasis-Zeiten. Ein Hoch auf den britischen Nationalheiligen und seinen neuen, leicht größenwahnsinnigen, aber sehr unterhaltsamen Breitwandsound. (7)

Out Lines - Conflats

Im ersten Moment dachte ich schon da singt Dirk von Lowtzow von Tocotronic eine seiner getragen traurigen Balladen, spaßeshalber auf schottisch. Aber es war die Stimme von James Graham fame of The Twilight Sad. Out Lines nennt sich sein neues Projekt zusammen mit der großartigen Kathryn Joseph, die schon als die "Joanna Newsom aus den Highlands" bezeichnet wurde. Zwei Stimmen, Klavier, ein Harmonium und dunkle Syntheziserklänge. Mehr brauchen die beiden nicht, um "Conflats", ihr Mini-Debüt-Album, tieftraurig, aber auch immer wieder wunderschön klingen zu lassen. Hier wird getrauert und getröstet und das mit einer Ernsthaftigkeit, die mich an die phantastischen Low erinnert. (7,5)

August Rosenbaum - Vista

Der Däne August Rosenbaum ist Pianist und hat seine musikalischen Fähigkeiten schon an etliche andere Musikprojekte ausgeliehen. So hat er z. B. die Streicherarrangements für MØ geschrieben oder für Rhye Klavier gespielt und jetzt eben auch solo sein Debütalbum vorgelegt. "Vista", das ist sehr atmosphärische Instrumentalmusik, böse Zungen würden hier vielleicht auch manchmal von Fahrstuhlmusik sprechen ...auf alle Fälle der perfekte Soundtrack für einen stimmungsvollen Herbstkrimi. Und wenn dann sogar soulig verschmust gesungen wird, in diesem Fall von Philip Owusu, dann sitzt der Kommisar mit seiner Assistentin beim Abendessen im Stammitaliener, um auf den gelösten Fall anzustoßen. (6)