Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Benjamin Clementine | Ibeyi | Wolf Alice

In Krisen-Zeiten rücken Pop und Politik immer näher zusammen. So wenden sich Benjamin Clementine und Ibeyi auf ihren neuen Alben explizit politischen Themen zu. Von Aleppo über das Flüchtlingscamp von Calais bis zur Anti-Trump-Rede der früheren First Lady Michele Obama. Die Amerikanerin Mackenzie Scott alias Torres kämpft auf ihrer neuen Platte wiederum für die Abschaffung klassischer Geschlechterrollen. Außerdem mit dabei: Ben Frost, Jon Hassell, Wolf Alice, Four Tet und die Bayern 2-Artists der Woche: Kitty, Daisy & Lewis.

Von: Angie Portmann

Stand: 28.09.2017

Cover: Ibeyi - Ash | Bild: XL Recordings

Kitty, Daisy & Lewis - Superscope

2008 lieferten die drei Durham-Geschwister aus London ein zauberhaftes Debüt ab. Drei extrem gutaussehende Teenager in Vintage-Klamotten feierten den Sound der 1940er und 50er Jahre. Tatkräftig unterstützt von ihren pop-affinen Eltern, der Raincoats-Schlagzeugerin Ingrid Weiss und dem Toningenieur Graeme Durham. Zuerst waren es nur puristische Coverversionen, mit denen die Drei ihre Hipster-Fans scharenweise auf die Tanzfläche trieben. Später kamen auch eigene Kompositionen dazu, das sympathische Retro-Knistern auf den Platten von Kitty, Daisy & Lewis blieb. Heute erscheint nun Album Nr. 4 mit dem schönen Titel "Superscope". Und es sieht so aus, als hätten die drei ihren Zenit überschritten und die Idee des Retro-Rock'n'Roll ausgereizt.  Zwar beherrschen die Durhams nach wie vor ihre Instrumente perfekt, ähnliches gilt auch für ihr Songwriting - aber der nostalgische Charme der Anfangsjahre ist dahin. Auf dem letzten Album, das Mick Jones von The Clash produziert hatte, experimentierten sie noch mit Boogie, Funk und Reggae. Aber auch das fehlt auf "Superscope". Stattdessen hören wir glatt produzierten Retro-Sound ohne Ecken und Kanten. In den Charts dürften sie damit aber vielleicht sogar noch weiter nach oben rutschen. (6,5 Punkte von 10)

Wolf Alice  - Visions Of Life

Für ihr Debüt "My Love Is Cool" wurden Wolf Alice 2015 schon mit Ruhm und Ehre überschüttet. Ich persönlich war damals allerdings relativ enttäuscht vom Album, fand, dass es dem Hype nicht ganz gerecht wurde. Jetzt ist der Nachfolger da: "Visions Of A Life". Ein ausgesprochen eklektizistisches Album, das zwischen Shoegaze, Psychedelia, Rock und Synthie Pop pendelt, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres in dieser Indie-Welt. Ein sympathischer Hardcore-Kracher wie das rotzige "Yuk Foo" findet sich allerdings nur einmal auf diesem Album. Ansonsten bewegen sich die Londoner dann doch wieder nur in den bewährten Alternative Rock bzw. Dream Pop-Bahnen. (7,5)

Four Tet – New Energy

Eigentlich war ein neues Album von Four Tet erst für Mitte Oktober angekündigt. Jetzt ist die digitale Version schon heute da: Titel "New Energy". Ähnlich wie 2015: Kieran Hebden macht sein Album fertig, damals war es "Morning/Evening", und lädt es auf seine Bandcamp-Seite hoch, basta. Ohne Werbung, ohne Interviews, ohne Pressearbeit... alles läuft bei ihm nur über Twitter und Facebook. Und da "New Energy" ja auf seinem eigenen Label Text Records erscheint, wie alle Veröffentlichungen des britischen Ausnahme-Produzenten seit 2001, sitzen ihm auch keine Marketingstrategen im Nacken. Aber nachdem Four Tet in den letzten Wochen immer wieder neue Songs von sich ins Netz gestellt hatte, war klar, dass da ein neues Album kommen muss. Vorab gab es vier wunderbare Tracks: das phantastische "Planet", "Scientists", "Two Thousand And Seventeen" und noch relativ neu "SW9 9SL". Ein Track, der beide Four Tet-Seiten wunderbar miteinander vereint: die clubbige Uptempo-Seite und die ruhige Synthie-Seite. Und vor allem gegen Ende zieht uns Hebden hier wieder ganz weit raus, macht den Raum weit auf, für seinen genialen Breitwandsound. Zwischen diesen Highlights finden sich aber auch einige Tracks, die in ihrer Gelassenheit statt an "New Energy" fast an "New Age" denken lassen. (8)

Torres - Three Futures

Torres, das ist Mackenzie Scott aus Georgia bzw. mittlerweile New York. Mit "Three Futures" ist ihr wieder eine grandios clevere "Rock"-Platte gelungen, ihre dritte mittlerweile. Gitarrenklänge jenseits der herkömmlichen Soundpalette. Verzerrt, verstörend, düster. Plus analoge Synthesizer und elektronische Beats, beeinflusst von Kraftwerk, Can und Portishead. Produziert hat wieder der Brite Rob Ellis fame of PJ Harvey und zwar in Dorset, der Heimat von PJ Harvey. Und ähnlich wie Harvey hat auch Torres eine Intensität in ihrer dunklen, eindringlichen Stimme, die unter die Haut geht.

Album Nummer 3 beschäftigt sich diesmal vor allem mit dem Thema Körper. Dazu Scott: "This album is entirely about using the body that each of us has been given as a mechanism of joy. The body is something to be celebrated." Wie ernst es Torres damit meint, weiß man spätestens, wenn man das gegen Ende doch recht explizite Video zum Titelsong "Three Futures" gesehen hat. Interessanterweise ist die heute 26jährige Mackenzie Scott als Adoptivkind in einem streng religiösen Elternhaus aufgewachsen, zum ersten Mal gesungen hat sie im Baptistenchor. Schwer vorstellbar, dass dieses großartige, manchmal auch surreale Album dort, im super konservativen Süden Amerikas, großen Anklang finden könnte. Zumal Torres nicht nur ihren Körper feiert, sondern auch die Abschaffung klassischer Geschlechterrollen. Ein Album wie ein Befreiungsschlag, inhaltlich wie musikalisch. (8)

Ibeyi - Ash

Wir bleiben bei dieser neuen Generation selbstbewusster Frauen, die sich ihrer Weiblichkeit wie ihrer Freiheit bewusst sind. Die Zwillinge Lisa-Kaindé und Naomi Diaz sind zusammen Ibeyi. "Ash", das neue Global-Pop- bzw. Yoruba-Soul-Album der beiden franco-kubanischen Schwestern, hat wieder ihr Labelboss höchstpersönlich, Richard Russell von XL Recordings produziert. Auf ihrem Debüt waren die beiden franco-kubanischen Zwillinge noch sehr mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigt, dem frühen Tod ihrer Schwester und ihres Vaters Angà Diaz, einem kubanischen Percussionisten. Ein Album als Trauerarbeit sozusagen.

Im Nachfolger "Ash" geht es jetzt mehr um die aktuelle politische Situation. In dem feministischen "No Man Is Big Enough For My Arms" hören wir z. B. Auszüge aus der Anti-Trump-Rede der früheren First-Lady Michelle Obama, gehalten im Oktober des letzten Jahre in New Hampshire: "The measure of any society is how it treats its women and girls". In "Deathless", mit dem großartigen Kamasi Washington am Saxophon, verarbeitet Lisa, wie sie mit 16 fälschlicherweise von der französischen Polizei verhaftet worden ist. Ein Song für all diejenigen, die so etwas auch schon mal erlebt hätten, so Lisa. Kernstück des Albums ist aber das epische "Transmission". Es geht um die Übermittlung von weiblicher Stärke und Unabhängigkeit. U. a. ist hier auch die Mutter der beiden mit einem Zitat aus dem Tagebuch der legendären, nach einem Busunfall ans Bett gefesselten, mexikanischen Malerin Frida Kahlo zu hören: "Pies, para qué los quiero sí  tengo alas pa ´volar". "Wozu brauche ich Füße, wenn ich Flügel habe?". Großartige Songs, in denen Ibeyi wie schon andere schwarze Musikerinnen vor ihnen die große Geste der Selbstermächtigung pflegen. Das funktioniert größtenteils auch sehr gut. Nur manchmal wird es mir zwischendrin allzu neo-soulig-smooth und ein klein bisschen belanglos. (7,5)

Benjamin Clementine  - I Tell A Fly

Ausgesprochen ambitioniert präsentiert sich auch das neue Album des Briten Benjamin Clementine "I Tell A Fly". Es ist schon wieder zweieinhalb Jahre her, dass Benjamin Clementine mit "At Least For Now" sein vielbeachtetes  Debütalbum vorgelegt hat. Jetzt also das schwierige Album Nummer 2. Nach dem introvertierten Debüt richtet Clementine diesmal den Blick nach außen, ins syrische Kriegsgebiet, nach Aleppo, in das Flüchtlingscamp von Calais, zur Front National. Benjamin Clementine hat alles im Überfluss, er scheint vor Ideen fast zu platzen. Da folgt ein Chansonstück auf eine jazzy Ballade gefolgt von einer hibbeligen Broken Beats Nummer mit Kirchenchoreinlagen. Pianopassagen werden von Cembaloeinlagen abgelöst. Ein rauschhaftes Kaleidoskop wilder, unberechenbarer Ideen zieht an uns vorüber. Nicht alle treffen immer meinen Geschmack. Musicals muss man mögen (nicht nur LalaLand). Cembalos im Pop sind auch nicht jedermanns Geschmack. Aber die Stimme von Benjamin Clementine ist natürlich grandios, unglaublich variabel und schon fast absurd abwechslungsreich.  Absolut unberechenbares, hoch emotionales Pop-Kino, groß aber manchmal auch etwas anstrengend. Auf alle Fälle ein Erlebnis. Bayern 2 präsentiert Benjamin Clementine am 19. November in München in der Philharmonie. (7)

Jon Hassell - Dream Theory In Malaya: Fourth World Volume Two

Cover: Jon Hassell - Dream Theory In Malaya: Fourth World Volume Two | Bild: Tak:Til/Glitterbeat

Der mittlerweile 80jährige Jon Hassell gilt als ein wichtiger Fusion-Vertreter. Mit "Vierter Welt" versuchte der legendäre Trompeter und Experimentalmusiker vor vierzig Jahren seinem Musikstil einen Namen zu geben. Nachdem vor einiger Zeit  schon "Fourth World Vol. 1" aus dem Jahr 1980 wiederaufgelegt wurde, ist jetzt "Dream Theory In Malaya: Fourth World Volume Two" dran. Für dieses Album arbeitete Jon Hassell wieder mit Brian Eno zusammen. Die beiden hatten sich Ende der 70er Jahre in New York kennengelernt. Davor hatte Hassell u. a. in Köln bei Karlheinz Stockhausen studiert und mit Terry Riley gearbeitet. Hassell war fasziniert von östlicher und speziell indischer Musik. In seiner "vierten Welt" sollte all das zusammenfließen, all diese Kulturen sollten zu einem hypnotischen Ganzen werden: die Synthieflächen eines Brian Eno, indisches Conga-Getrommel, Field Recordings und Hassells elektronisch manipulierte Trompete. Ein aufregendes Stück Musikgeschichte. (7)

Ben Frost - The Centre Cannot Hold

Während andere Künstler in dieser Woche, wie z. B. Benjamin Clementine, die Dinge beim Namen nennen, thematisiert Ben Frost den Zustand unserer Welt auf eine abstraktere, aber nicht weniger bedrohliche Art: z. B. mit dem Titel seines neuen, fünften Albums "The Centre Cannot Hold". Die Zeile stammt ursprünglich aus einem Gedicht des Iren W.B. Yeats: "Things fall apart, the centre cannot hold. Mere anarchy is loosed upon the world...". Ein Gedicht, das Yeats im Chaos der Nachkriegszeit 1919 veröffentlicht hat.  Produziert hat hier der King of Noise Rock himself Steve Albini. Für die düsteren, manchmal fast schmerzhaften Drone- und Industrialeskapaden eines Ben Frost genau der Richtige. Überhaupt, was für ein Name: Ben Frost. Passender geht's kaum. Denn der Australier, der mittlerweile in Island lebt, ist bekannt dafür, dass er uns mit seinen eisigen Experimentalklängen gern das Blut in den Adern gefrieren lässt. (8)