Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Beck | Kettcar | Wu-Tang Clan

Jede Menge Stars veröffentlichen heute ein neues Album. Beispielsweise Robert Plant, der frühere Sänger von Led Zepplin, weigert sich, in Rockstar-Rente zu gehen. Sowohl St. Vincent als auch Beck haben mit ihrem jeweils letztem Album einen Grammy gewonnen und knüpfen mit ihren neuesten Werken daran an. Der Münchner Rapper Fatoni und die Stuttgarter Sängerin Mine besingen atemberaubend und ehrlich die neue Spießigkeit der Generation Y. Außerdem gibt es Neues von Courtney Barnett & Kurt Vile, Farin Urlaub, Kettcar, Matias Aguyao, King Krule und dem Wu-Tang-Clan.

Von: Matthias Hacker

Stand: 12.10.2017

Cover: Kettcar - Ich vs. Wir | Bild: Grand Hotel van Cleef

Courtney Barnett & Kurt Vile - Lotta Sea Lice

Ganz nach dem Motto "Gesucht & Gefunden" stellen die beiden Gitarren-Slacker Courtney Barnett und Kurt Vile ihr erstes gemeinsames Album vor. Die beiden sind wie füreinander bestimmt - zumindest musikalisch. Beide waren schon Solo sehr erfolgreich, er spielte früher bei War On Drugs. Beide tramtüten traumhaft vor sich hin und verlieren sich im Gitarrenspiel. Gefühlt tuckern wir mit den beiden auf dem Highway und dösen vor uns hin. Dazu leiert mal Courtney, mal Kurt ein paar lakonische Sätze, die der Fahrtwind aber ohne größere Bedeutung wegweht. Herzinfarkt-Gefahr besteht hier nicht. Alles ist laid back - alles im Fluss. Am Anfang der Platte stellen sie die Frage: "Was braucht man mehr im Leben als eine Gitarre?".  Ihre Antwort: NICHTS. Hoffentlich bleiben die beiden zusammen - also musikalisch. (8 Punkte von 10)

Wu-Tang Clan - The Saga Continues

Der Wu-Tang Clan ist zurück. Nach drei Jahren erscheint "The Saga Continues". Es sind alle dabei: Ghostface Killah, Raekwon, Method Man, RZA, Ol Dirty Bastard, GZA, Mathematics, Inspectah Deck, Masta Killa und wie sie alle heißen. Das Album hat 12 Songs und ein paar Song-Skizzen. Wir hören Fast & Furious. Das Album können ja wieder alle kaufen. Es ist nicht wie beim letzten Wu-Tang-Album, von dem es ja nur ein einziges Exemplar gab und welches sie dann an den Meistbietenden versteigert haben. Für 2 Millionen Dollar. Jetzt also wieder ein reguläres Album - besser gesagt: eine Compilation. Die Mitglieder des Clans geben sich abwechselnd und in unterschiedlichen Kombinationen wieder das Mikrofon in die Hand. Es gibt wieder viele tolle Samples, aber die Beats sind mir zu trocken und zu eintönig. Ein Meisterwerk, wie es der Wu-Tang-Clan selber nennt, ist es allerdings nicht. (6)

Warhaus - Warhaus

Warhaus ist das neue Nebenprojekt von Maarten Devoldere, der auch bei der belgischen Indieband Balthazar die Lieder schreibt. Für das Album hat er sich in die Einsamkeit Kirgisistans zurückgezogen. An der Seite eines Schäfers und seiner Herde hat er sich in der Steppe für die Soloplatte inspirieren lassen. Wieder zuhause in Belgien hat er sofort mit den Aufnahmen für das Album angefangen. Komplett im Einklang mit sich wie man auch auf dem Albumcover sieht. Das zeigt einen zufrieden grinsenden Heimkehrer. Die Songs im Noir-Stil spiegeln die Einsamkeit der Steppe  wieder. Aber Einsamkeit ist hier nicht negativ besetzt. Im Gegenteil: Maarten genießt sie. Wir sind benommen von der Schönheit und Ruhe der Musik. Nur die dezenten Marimba-Percussions, die orientalischen Saiten-Instrumente, der Kontrabass und die Background-Stimme seiner Freundin Sylvie erinnern uns daran, dass wir gerade nicht selber in der weiten Steppe Kirgisistans stehen. (7)

St. Vincent - Masseduction

Das genaue Gegenteil einer so beruhigenden Platte stellt St. Vincent vor. Ihre Musik ist gespickt mit Referenzen und Zweideutigkeiten: Arty, mondän, progressiv und urban. Sie ist ein Stadtmensch. Ihren beiden Lebensmittelpunkten widmet sie auf "Masseduction" auch jeweils ein Lied. Die Klavier-Ballade "New York" und das hedonistische "Los Ageless", wo sie schon im Titel auf den krankhaften Jugend- und Schönheitswahn in Los Angeles abzielt. Viele der Songs sind Uptempo-Nummern. Sie arbeitet sich an den 80ern ab. Im Sound, im Look und auch in ihren Geschichten. Es ist eines ihrer persönlichsten  Alben. Es geht um Sex, junge LiebhaberInnen, Drogen, Herzschmerz. Annie Clark legt sich ja selber nicht auf eine Sexualität wie Homo, Hetero oder Bi fest. Musikalisch bleibt sie ihren schrägen Gitarreneskapaden treu, aber der Synthesizer spielt eine immer größere Rolle. (9)

King Krule - The Ooz

Archy Marshall nennt sich King Krule. Der Rotschopf aus London ist wirklich ein Super-Talent. Nicht nur, dass er mit einer fantastischen kratzigen Soulstimme gesegnet ist. Schon auf seinem zweiten Album erfindet er sich komplett neu und schafft es, sogar das fantastische Debüt sogar zu übertrumpfen. "The Ooz" sind 66 Minuten zwischen modernem Jazz und Science Fiction-Blues. Es wäre auch ein wunderbarer Soundtrack für den neuen Blade Runner Film. Auf den 16 Noir Songs irrt King Krule durch düstere Zukunftsvisionen. Das Angenehme: Er tappt eben nicht in die Retrofalle. Er hat Schneid für Zukunftsmusik. Das Zusammenspiel von Genie und Leidenschaft ist für mich einfach nur begeisternd. (10)

Mine & Fatoni - Alle Liebe nachträglich

Beim ersten Mal Hören habe ich es noch nicht verstanden, erst im zweiten Hörgang. Es ist ein Konzeptalbum. Es ist ein Psychogramm der Generation 30+ und eine Momentaufnahme, wie diese in Beziehungen lebt. Mine und Fatoni beschreiben das ziemlich bildhaft und ehrlich. Sie reden nichts schön. Es ist wie ein Michael-Hanecke-Film. "30 Jahre jung - wir zelebrieren unsere Spießigkeit", ist ein Zitat aus dem neuen Mine-und-Fatoni-Album. Das klingt oft auch nach neuer Spießigkeit, aber das ist gewollt. In der Single "Romcom" beschreiben sie ein Liebespaar, das im Alltagstrott angekommen ist und das mit einer Romcom - also romantischen Komödie - die eigentlichen Probleme am Fernseher wegzappt. Im Song "Mehr" singen sie über egoistische Ansprüche an den Partner. Dialogisch erzählen sie auch vom "Aua" im Herzen. Gut, dass da jemand so ehrlich und schambefreit drüber spricht - bzw. rappt und singt. (8)

Robert Plant - Carry Fire

Er hat sich nicht auf den Erfolgen von Led Zeppelin ausgeruht und genießt auch nicht seine Rockstar-Rente. Er hat sich immer wieder neuen musikalischen Ideen gewidmet. Das Ergebnis waren Soloalben mit indischem Einfluss, mal ging es mehr in Richtung Blues, mal um Bluegrass oder er sammelte Sounds und Melodien im Mittleren Osten. Die großen Rockposen hat er schon lange nicht mehr nötig. Sein 11. Soloalbum geht wieder mehr in Richtung Folkmusic und Bluesrock. Es ist solide. (6)

Farin Urlaub - Berliner Schule

Jan Vetter hat sein Hobby Reisen zum Künstlernamen gemacht. Aus "Fahr in Urlaub" wurde "Farin Urlaub". Der Gründer und Sänger der Ärzte schreibt über sein neues Album mit alten Songs: "Es sind schlechte Lieder, die lausig klingen". Es ist quasi Ausschussware. Die Texte und Songs haben es nie auf ein Ärzte-Album geschafft. Teils zurecht, teils zu unrecht. Sie sind chronologisch nach Entstehungsjahr geordnet. Der erste Song stammt aus dem Jahr 1984, der letzte aus 2013. Es ist also auch eine kleine Zeitreise durch den Sound und die Geschichte der Ärzte. Spaß macht es, aber wer nicht passionierter Ärzte-Fan ist, kann darauf auch verzichten. (5)

Beck - Colors

Nach seinem Grammy Album "Morning Phase" legt er nun ein Uptempo-Feelgood-Album nach. Die Melancholie ist weg. Das Album knallt. Der neue Beck ist voller Energie und schreibt Hits wie ein Duracell Häschen. Schon der Titel spricht Bände: "Colors". Würde Beck mit seinen Songs malen, dann würde er große bunte Kleckse an eine Wand werfen. Und am Ende wäre es trotzdem noch ein fein komponiertes, stimmiges Arrangement. Technisch gesehen ist er ein Genie und deswegen auch unser Artist der Woche im Nachtmix. (8)

Matias Aguayo - Sofarmopolis

Der chilenische Produzenten, der in Köln aufgewachsen ist und mittlerweile in Berlin lebt. Aber auch in Frankreich, Mexiko und Argentinien ist er sehr gefragt und legt viel auf. Sein neues Album ist inspiriert durch die Gegend um Köln. Hier trifft Latino-Minimal auf Postpunk. Matias Aguyao auf seine Band The Desdemonas. Die Stimm-Samples sind von Matias Aguayo selbst. Es ist sein Markenzeichen. Er singt auf Englisch, Spanisch und Deutsch. (7)

Kettcar - Ich vs. Wir

Um die Band Kettcar war es länger still. Zuletzt hatte Sänger Marcus Wiebusch vor drei Jahren eine Soloplatte veröffentlicht. Vor allem der Song "Der Tag wird kommen", indem er das Thema Homosexualität im Fußball angesprochen hat, sorgte für viel Schlagzeilen und Zuspruch. Jetzt also das Comeback von Kettcar. Es ist nicht mehr der viel kritisierte Befindlichkeits-Indierock. Es ist ein hochpolitisches Album über Deutschland, die Rechten, die Linken und die Probleme dazwischen. Wo stehen wir in diesen ganzen komplizierten gesellschaftlichen Turbulenzen? Wie kann ICH das WIR besser machen? Das sind nur zwei Fragen, die sich Kettcar auf dem neuen Album stellen. (7)

Dan Deacon - Rat Film (Original Motion Picture Soundtrack)

Dies ist der Soundtrack zum "Rat Film" - einer Doku über die Menschen und das Zusammenleben mit den vielen Ratten in und unter der Stadt Baltimore. Komponiert hat die Filmmusik Dan Deacon. Er kommt auch selber aus der Stadt. DasThema hat er auch experimentell aufgegriffen und mit Ratten musiziert. Er hat ein Magnetfeld installiert und die Ratten in einen Käfig gesperrt. Deren Bewegungen haben dann Schwingungen erzeugt, welche die Grundlage für viele der Songs waren. Ein wunderbarer Score - mutig aber kurzweilig. (8)