Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Angus & Julia Stone | Foo Fighters | Son Little

Vampire Weekend werden ihn vermissen: Ex-Bandmitglied Rostam Batmanglij legt sein Solo-Debüt vor - und es steckt viel von seiner Ex-Band drin. Angus & Julia Stone kommen raus aus ihrer einsamen Waldhütte, in ihren Händen: ein versiertes Folk-Album, das wieder die Charts hochklettern wird. Ariel Pink muss, bevor sein neues Album erscheint, noch seine Scheidungspapiere unterschreiben - und das obwohl er dachte, er wäre schon seit zwölf Jahren geschieden. Außerdem in der Musik von Morgen: neue Platten von den Prophets Of Rage, Son Little und Wyclef Jean.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 14.09.2017

Cover: Son Little - New Magic | Bild: Anti-/Epitaph

Angus & Julia Stone - Snow

Es gibt sie im Pop immer wieder: die Geschwisterpaare, wie zum Beispiel Haim, CocoRosie, First Aid Kit, aber relativ selten sind: Bruder und Schwester, die zusammen Songs schreiben. Angus & Julia Stone gehören dazu und verkaufen nicht nur in ihrer Heimat Australien richtig viele Platten. Ihr letztes Album hat Rick Rubin produziert, das neue soll - ohne Rubin - genau daran anknüpfen. Das hört man auch, dazugekommen sind gar nicht mal so leise Beats unter dem Geschwister-Folk. Das ist die Milky-Chance-Formel, die hier Anwendung findet. Steht den beiden aber. Denn ihr Markenzeichen bleibt der Call-and-Response-Gesang, der im Pop ja schon immer unwiderstehlich war. Vielleicht ist das die Angus-And-Julia-Stone-Formel. (6,5 Punkte von 10)

Rostam - Half-Light

Dieser Musiker trägt einen Superhelden im Namen: Rostam Batmanglij. Er nennt sich nur Rostam. Wir kennen ihn aus dem letzten Jahr, von seiner gemeinsamen, formidablen Platte mit Hamilton Leithauser. Davor war er Mitglied von Vampire Weekend - und die werden ihn stark vermissen, denn auf seinem Solo-Debüt finden wir alles, was Vampire Weekend so stark gemacht hat: das Gespür für unwiderstehliche Melodien, Afrobeat, Autotune-Ausflüge und das teilweise alles in einem Song. Ich hoffe ja nur, das wird Vampire Weekend nun nicht alles abgehen, die haben nämlich auch gerade vermeldet, dass ihr neues Album zu 80 Prozent fertig sei. Rostam hat hier schon mal ordentlich vorgelegt, eines der besten Indie-Pop-Alben des Herbstes. (8)

Ariel Pink - Dedicated To Bobby Jameson

Ariel Pink hatte gerade viel mit Scheidungsanwälten zu tun, denn eigentlich dachte er, er wäre schon über zehn Jahre geschieden - war er aber nicht. Zwölf Jahre blieb er auf dem Papier verheiratet, ohne es zu wissen - das passt sehr gut zu dem verplanten Hobbit mit dem Namen Pink. So schnell wie seine Haarfarben wechselt er auch den Blick auf die Welt, in der er gerade lebt. Ein Glücksgriff, dass er sich auf seinem neuen Album mit dem Leben eines anderen beschäftigt: Bobby Jameson. Aufstrebender Popstar in den 60ies, dann der Absturz: Sektenanhänger, obdachlos, alkoholkrank, totgeglaubt, aber 2007 taucht er wieder auf, in einem Blog, wo er mit dem Musikbusiness und der Welt abrechnet, bis er 2015 bettelarm stirbt. "Dedicated To Bobby Jameson" hat Ariel Pink sein neues Album genannt. Eine Widmung, aber auch eine Warnung - so kann's gehen im Geschäft. Auch wenn Pink selbst sich keine Sorgen machen muss, sein Lo-Fi-Pop ist immer noch zu großartig verspult, zu herrlich abgedreht, damit ihn die Industrie durch den Wolf dreht. (8,5)

Lee Ranaldo - Electric Trim

Wenn es R.E.M. wieder geben würde, ich hätte die Hoffnung, sie würden so fantastisch klingen, wie Lee Ranaldo auf seinem neuen Album "Electric Trim". Der Mitgründer von Sonic Youth hat nach vier Jahren Pause ein neues Album draußen, es heißt "Electric Trim" und kommt ziemlich unscheinbar daher, ist aber eine der Überraschungen in dieser Veröffentlichungswoche. Allein schon der siebenminütige Opener "Morocan Mountains" ist eine Offenbarung. Auch mit dabei: Kid Millions, der Sänger ist auf sechs Songs zu hören, genauso wie Gitarrist Nels Cline von Wilco. Teile der Texte kommen vom Schriftsteller Jonathan Lethem. Aber allein für das Duett mit Sharon Van Etten beim Song "Last Looks" lohnt der Albumkauf schon. (7,5)

Prophets Of Rage - Prophets Of Rage

Die Prophets Of Rage bestehen aus Mitgliedern von Rage Against The Machine, Public Enemy und Cypress Hill. Zentral dabei: Rage-Gitarrist Tom Morello und Chuck D, die Stimme von Public Enemy. Allein mit dem Namedropping ist der Sound eigentlich schon beschrieben: Das klingt hier alles wie Rage Against The Machine - ohne Zach de la Rocha. Musikalisch spannend sind nur Tracks wie "Take Me Higher", die funky daherkommen. Und dann bleibt dann noch die politische Ebene: die Prophets Of Rage sind gegen Donald Trump, Hass, Gewalt, Überwachung - und für die Legalisierung von Marihuana. So weit so gut. Ich frage mich nur: Was können diese alte Haudegen ausrichten gegen eine rechtsextreme Alt-Right-Bewegung, die auf einen Taylor-Swift-Song als Hymne setzt? Die Feindbilder sind heute viel schwieriger zu identifizieren. Ich zweifle daran, ob diese alte Form des Protests heute noch wirksam sein kann. Trotzdem: solide Platte. (6,5)

Foo Fighters - Concrete And Gold

Die Foo Fighters haben mal kurz angetäuscht: Ihre erste Single aus dem neuen Album "Concrete And Gold" hat tatsächlich nach Refused geklungen, also nach kredibilen Hardcore. Aber Entwarnung, die Band um Dave Grohl macht immer noch ziemlich aufgeblasenen Mainstream-Rock. Der geht immer mal wieder in die Nische, zum Bluesrock oder in den Heavy Metal, bleibt aber durch seine Redundanz auch immer gut im Radio spielbar. Das wird auch den Top10-Platz in den Billboard Charts garantieren, denn da geht's hin. (5,5)

Son Little - New Magic

Son Little heißt bürgerlich Aaron Livingston, macht Retro- Soul und -R&B. Hatte er auf seinem Debüt noch mit Beats experimentiert, sind diese bei Album Nummer 2 komplett verschwunden. Wir hören Blues, Rock'n'Roll, Philly Soul und den R&B, wie ihn Stevie Wonder am liebsten mag: schön smooth. Erinnert an die Herangehensweise von Mayer Hawthorne an den Soul, aber Son Little fehlt leider oft der zwingende Moment in seinen Songs. Alles super produziert, aber bei den Songs vermisse ich oft noch diesen einen Twist. Trotzdem: Neben Leon Bridges oder Curtis Harding ist Son Little ein Retro-Soul-Name, den man sich merken muss. (6,5)

Wyclef Jean - Carnival III: The Fall And Rise Of A Refugee

Das erste Soloalbum von Wyclef Jean kam 1997, hieß “The Carnival” und verkaufte sich über 2 Mio Mal in den USA. Vor zehn Jahren kam dann der zweite Teil von “The Carnival”, verkaufte sich schon nicht mehr so gut und jetzt feiert der Ex-Fugee Jean sein Comeback mit The Carnival Part III. Um Verkaufszahlen ging’s ihm dabei nie, wie der Name schon sagt, geht’s beim Carnival darum, Diversität zu zeigen und zu feiern. Ein ehrenwertes Ziel, wenn das Sound und Lyrics nur leisten würden. Auf dem Song “Fela Kuti” erkennt man weder Afrobeat noch versteht man die Zeile “We came to party” - bei Fela Kuti ging’s schon um mehr als um Party. Leider fremdelt Wyclef Jean dann auch noch mit Trap, der Rest klingt sehr altbacken. Wir haben es hier mit einem eher missglückten Comeback zu tun. (3)

Fink - Resurgam

Cover: Fink -  Resurgam | Bild: R'coup'd

Fin Greenall nennt seine Band Fink, früher war er Produzent, bis er gemerkt hat, dass es ein Frevel wäre, wenn er seine Stimme hinter Beats versteckt. Hat auch nicht lange gedauert, und sie wurde als die schönste Stimme Großbritanniens genannt. Sein neues Album "Resurgam" hat einen spannenden Blues-Groove, relativ reduziert kommt das daher, hier und da mal Gospeleinsprengsel, eine Gitarre, die ein wenig aufleuchtet oder ein sinistrer Beat, mehr ist nicht und das steht Fink ausgezeichnet. (6,5)

Friedrich Liechtenstein Trio - Ich bin dein Radio

Viele kennen ihn aus der Werbung, ein grauer Mann mit tiefer Stimme, der Lebensmittel liebt: Friedrich Liechtenstein mag aber auch Jazz und Avantgarde-Pop, den hören wir bei seinem Friedrich Liechtenstein Trio. Da drauf gibt's mit "Shave The Monkeys" einen Song, den er für eine Rasierermarke geschrieben hat - kein Witz, der Song heißt wirklich "Shave The Monkeys". Und damit ist auch der Humor von Herrn Liechtenstein offensichtlich. Der ist nicht hintersinnig oder deep, aber für einen kurzen Schmunzler immer gut. Darum für mich: feinster Schmunzler-Pop, den wir hier hören. (5,5)

Siriusmo - Comic

Moritz Friedrich nennt sich Siriusmo, ist Produzent aus Berlin und großer Comic-Fan. Sein neues Album heißt auch so: Comic. Das Label Monkeytown sagt dazu: 14 Geschichten zum selbst ausmalen. Die Platte ist origineller als der Label-Text. (6,5)