Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Angel Olsen | Dillon | Shed Seven

Zu ihren Fans zählen Bonnie Prince Billy und Wilco - Angel Olsen ist der neue Star am Americana-Himmel. Vergangenes Jahr feierte sie ihren ersten großen Soloerfolg. Nun schickt sie eine Raritäten-Compilation mit unveröffentlichten Aufnahmen hinterher. Auch eine ganze Schar deutschsprachiger Musiker veröffentlicht diese Woche neue Platten. Max Gruber (Drangsal) und Stella Sommer (Die Heiterkeit) präsentieren ihr neues gemeinsames Projekt "Die Mausis". Markus Acher kollaboriert unter dem Namen Spirit Fest mit den Tenniscoats und Ja-Panik-Sänger Andreas Spechtl stellt sein zweites Soloalbum vor.

Von: Matthias Hacker

Stand: 09.11.2017

Cover: Dillon - Kind | Bild: PIAS

Jim White - Waffles, Triangles & Jesus

Jim White hat sich schon als Taxifahrer und Model durchs Leben geschlagen. Ein Lebenskünstler. Seit 20 Jahren ist die Musik sein Lebensinhalt. Aber auch die große musikalische Karriere war ihm nicht gegönnt. Auf  seinem neuesten Album erzählt er von vielen Verlusten und Niederlagen in seinem Leben. Aber er jammert nicht. Er verarbeitet:  die Kindheit in der Kirche, verlorene Traumfrauen und generell sein schwieriges Leben. Er ist ein Vertreter des Southerm Gothic. Aber so düster sind seine Südstaaten-Songs gar nicht mehr. Er ist nicht mehr von Selbstzweifeln und Selbstzerstörung zerfressen. Es klingt so als hätte Jim White nach langer Zeit Frieden mit sich selbst geschlossen. (8 Punkte von 10)

 Quicksand - Interiors

Die Post-Hardcore-Band feiert ihr CD-Comeback. Frontmann Walter Schreifels Stimme führt einen sofort zurück in die goldene Zeit der verzerrten Gitarren Mitte der 90er. Die Riffs und Melodien sind stark wie damals, aber der Drive ist abhandengekommen. Es klingt als würden sie mit angezogener Handbremse fahren. Das Songwriting hätte dynamischer sein müssen. Das Spiel zwischen laut und leise, knüppelhart und vernebelt-verträumt hätte schöner ausgearbeitet werden können. Dabei können sie es noch wie sie im Titelsong beweisen. Sie erfinden nichts neu, aber für Post-Hardcore-Nostalgiker ist es einen Hördurchgang schon wert. (5)

Sampa The Great - Birds & The Bee9

In Sambia geboren, in Botswana aufgewachsen, vor zwei Jahren hat sie dann in Australien ihre Musikerkarriere erfolgreich gestartet. Sampa singt sehr ruhig, aber wenn sie rappt, ist sie aggressiv und treibt die entspannten Percussions vor sich her. Sie schreibt über den Kunstmarkt, ihre Vorfahren und ihre innere Stimme. Ihr zweites Album ist ein sehr sinnlichs, spirituelles und selbstbewusstes Mixtape geworden. (7)

Angel Olsen - Phases

Manchmal sind CDs auch Mogelpackungen. Das neue Album von Songwriterin Angel Olsen soll eigentlich eine B-Seiten und Raritäten-Sammlung sein, welche sie in den letzten Jahren nicht veröffentlicht hat. Aber wenn das ihre Ausschussware sein soll, dann müssen andere Songwriter ihre Karriere nochmal ordentlich überdenken. Zum Glück veröffentlichen sie diesen Schatz nun doch noch. Ihre minimalistischen Lofi-Folksongs stehen dabei im Mittelpunkt. Viele Songs klingen wirklich wie alte Skizzen, doch gerade mit dieser Einfachheit und Reduziertheit besticht das Album. Sie ist unsere Artistin der Woche im Nachtmix. (7)

Yung Lean - Stranger

In den letzten zwei Jahren avancierte Cloud Rap zu einem großen Phänomen im Mainstream und in den Charts. Bands wie Rae Sremmurd eroberten Platz 1 der US-Charts und auch hierzulande feiern Rapper wie Crack Ignaz, RIN oder LGoony großen Erfolge. Ihre Songs laufen auf den Handies im Schulhof. Cloud Rap zeichnet sich durch nebulöse, sphärische Synthesizerteppiche und einen gelangweilten Rapstil aus, der meist mit Autotune-Effekten verziert und verzerrt wird. Entstanden ist das Genre in den USA. Der Schwede Yung Lean zählte 2014 noch zu den europäischen Vorreitern. Mit seinem dritten Album setzt er weiter auf seinen Stil des Sad Rap. Er war auch auf der letzten Frank-Ocean-Platte vertreten, was für einen Europäer einem Ritterschlag gleichkommt. Yung Lean ist Popstar und Influencer. Mit Musik, eigener Modelinie und erfolgreichem Instagram-Account. Auf "Stranger" will er sich noch weiter in die elektronische Richtung entwickeln, was aber nicht immer so spannend klingt wie sein Cloud Rap. Freunden von elektronischer Tanzmusik würden hier die Beine einschlafen. (6)

Spirit Fest - Spirit Fest

Eine spontane Aufnahmesession wird zum Spirit Fest. Spirit Fest sind sozusagen eine Pop-Up-Band. Notwist-Sänger Markus Acher organisiert das Alien-Disko-Festival in den Kammerspielen München (auch dieses Jahr wieder im Dezember, präsentiert vom Zündfunk). Vergangenes Jahr lud er die Band Tenniscoats aus Tokyo ein und verfrachtete sie kurzerhand in ein Studio, wo sie gemeinsam mit ihm, Cico Beck von Joasihno und Jam Fowler von Mat Money zwei Wochen lang aufnahmen. Say Ueno und Markus Acher geben der Platte die Stimmen. Die Songs sind zwar spontan und zügig entstanden, aber kein Schnellschuss. Es ist sehr zurückhaltend harmonisch. Jedem Ton und Instrument wird die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt. (7)

Dillon - Kind

So leicht ging es zuletzt bei der Elektronik-Künstlerin Dillon nicht. Zitat: "Schreiben ist für mich eine wahnsinnige Herausforderung, eine freiwillige Tortur." Bei ihrem dritten Album war es nun etwas besser: "Zum ersten Mal seit einer sehr langen Zeit war ich wieder in der Lage mit einer gewissen Leichtigkeit an Musik zu arbeiten." Leider ist die Leichtigkeit nicht zu hören. Der Großteil der Songs klingt wie verkrampftes Stückwerk. Ein unstrukturiertes Brainstorming. Weder nehmen die Melodien einen an der Hand, noch reißen die Beats mit. Dabei verspricht der Album-Opener eigentlich gutes. Der Rest kann es nur nicht einhalten. (4)

Andreas Spechtl - Thinking About Tomorrow, And  How To Build It

Andreas Spechtl ist bekannt geworden als Sänger der Indie-Band Ja, Panik aus Österreich. Daneben spielte er in vielen Kombos und unter anderem Gitarre für Christiane Rösinger. Nun erscheint sein zweites Soloalbum, das - wie der Vorgänger auch - ein herausragendes Klangexperiment geworden ist. Von Indie keine Spur mehr. Er spielt mit Ambient, Free Jazz, Afrofuturism und Industrial. Er bastelt an einem Sound der Zukunft. Projektname: "Thinking About Tomorrow, And How To Build It". Spechtl hat es in Teheran aufgenommen, wo er den Winter über gelebt hat. Ein Thema im Song: Future Memories. Wie werden Menschen in Zukunft auf unsere Zeit zurückblicken? Wenn sie in vielen Jahren mal wieder Andreas Spechtls neues Album hören werden, dann werden es gute Erinnerungen sein. (9)

Whitney - Light Upon The Lake (Demo Recordings)

Light Upon The Lake war ihr umjubeltes Debütalbum. In den Zündfunk/Nachtmix-Jahrescharts landete es 2016 sogar auf Platz 3. Auch ich habe diese jungen, souligen 60er-Jahre-Songs geliebt. Seitdem sind Whitney fast permanent auf Tour gewesen. Nun erscheinen die "Light Upon The Lake"-Songs nochmal - allerdings die Demoversionen. Sie sind immer noch fantastisch, klingen nur roher und nicht so perfekt produziert. Ich mag das sehr, aber für so eine junge Band ist es etwas zu einfach und zu früh, nur das Demo-Material nochmal zu verhökern. So als Art Finanzspritze. Lediglich ein Allen-Toussaint-Cover und ein unveröffentlichter Track sollen uns das versüßen. Wer das Original kennt, macht aber auch bei den Demos nichts falsch und bekommt sogar noch einen neuen Song dazu. (7)

Das Lunsentrio - Aufstehn!

Luns steht für Bett. Dieses Bett teilen sich drei Herren. Erster Bettgenosse: Nick McCarthy, früherer Gitarrist bei Franz Ferdinand. Zweiter Bettgenosse: Seb-I Kellig, der schon für Labrassbanda proudziert hat. Dritter Bettgenosse: Fotograf Hans Schmitt in der Beek, der auch die Texte geschrieben hat. Mit dem Lunsentrio vertont er nun seine Gedichte. Der Gaga- und Dada-Faktor beim Lunsentrio ist hoch. Sie singen vom Boandlkramer und vom Edelweiß, greifen auf Schlagermelodien wie "Felicita" und "Sieben Tage Lang" zurück. Es ist Punk-Trash zum Mitschunkeln. Heimatsound für Punk, Ska und NDW-Freunde. (6,5)

Shed Seven - Instant Pleasures

Über 15 Jahre mussten die Fans der Band Shed Seven auf neue Musik warten. Ende der 90er surften sie auch ganz schön erfolgreich auf der Britpop-Welle mit. 2003 haben sie sich aufgelöst, als der Erfolg nachgelassen hatte. "Instant Pleasures" wird ihnen den Erfolg nicht wiederbringen. Bis auf ein paar schöne Melodien ist das einfach nur Altherren-Britpop . Aber nicht vom Format Liam Gallagher, der heute noch Hymnen schreiben kann. (3)

Die Mausis - Mausis EP

Das ist kein Scherz. Hinter den Mausis verbergen sich Max Gruber, den man auch als Drangsal kennt, und Stella Sommer von  Die Heiterkeit. Mit ihren Akustikgitarren wollen sie die Welt ein bisschen grauer machen, heißt es im Pressetext. Ihre erste EP passt also gut in den November. Die Songs heißen Die Farbe Grau, Mausis mögen keine Katzen, Everything Turns Grey und zu guter Letzt: "Was kann ein Mausi dafür". Vielleicht ist es ja doch ein Scherz, aber dann ein ganz netter. (5)