Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Alien Stadium | Neil Young | The Rolling Stones

Im Dezember gehen die aktuellen Veröffentlichungen erfahrungsgemäß zurück. Stattdessen regnet es nun Edel-Boxen von prominenten Musikern, die sich als Weihnachtsgeschenk anbieten. Deswegen gibt's heute in der "Musik von Morgen" Leute wie die Rolling Stones, Neil Young und New Order zu hören, aber auch noch ein paar modernere Artisten mit wirklich neuem Material.

Von: Roderich Fabian

Stand: 30.11.2017

Cover: Alien Stadium - Livin' In Elisabethan Times | Bild: Domino

C.O.W. - Shanghai Money/C.O.W. (Doppel-EP)

Vier anonymen Musikern, die angeblich zu gleichen Teilen aus Deutschland und China stammen - mehr oder weniger instrumental und tatsächlich innovativ klingend. Ob hier tatsächlich Chinesen mitgewirkt haben, ist zumindest vorstellbar, denn tatsächlich klingt dieses Downbeat-Electro-Projekt asiatisch angehaucht und vermittelt einem das Gefühl, in einer Zukunft angekommen zu sein, in der es noch viel zu entdecken gibt. Sehr angenehm. (7,8 Punkte von 10)

Cindy Wilson - Change                       

Nach neuen Wegen sucht hörbar Cindy Wilson, 60 Jahre alt, auf ihrem ersten Solo-Album. Sie war mal ein Star, als Sängerin der großartigen New-Wave-Band "The B-52s". Sie hat sich also gut dreißig Jahre Zeit gelassen mit ihrem Solo-Coming-Out. Und das ist jetzt eher ruhig ausgefallen, keine Spur mehr von ihrer einstigen Hibbeligkeit - stattdessen simple Songs über gediegene Song-Teppiche, die oft trotzdem funktionieren - eine unauffällige, deswegen wohl sehr flüchtige Platte. (6,7)

Nabihah Iqbal - Weighting of the Heart

Nabihah Iqbal ist eine britische Solistin, die auf dem verlässlichen Ninja-Tune-Label aus London ihr erstes Album herausbringt. Wer daraus schließen möchte, hier komme das nächste Post-Step-Electro-Projekt daher, liegt aber falsch. Nabiha Iqbal ist deutlich durch britische Rockmusik sozialisiert, die Gitarre ist auf dem Album ein tragendes Instrument, aber natürlich nicht in aggressiver Weise, sondern als lyrisches Element - eine interessante, irgendwie singuläre Erscheinung. (6,9)

New Order - NOMC15                       

Es geht um ein Konzert in der Londoner Brixton Academy im Jahr 2015. Überraschender Weise hat mich dieser Live-Mitschnitt, den es früher im Jahr schon mal als limitierte Vinyl-Ausgabe gab, gleich gefangen genommen. Die Band aus Manchester schafft es wunderbar, alte und neue Songs miteinander zu verknüpfen, entwickelt Druck, verbreitet aber gleichzeitig die Melancholie der frühen Jahre. Und wenn sie dann ein altes Joy-Division-Stück wie "Atmosphere" spielen, sind die Leute im Publikum natürlich hin und weg. (7,0)

U2 - Songs Of Experience

"Songs Of Experience" soll als Bruder des vor zwei Jahren erschienenen "Songs Of Innocence" verstanden werden. U2 mussten sich damals viel Kritik gefallen lassen, weil sie ihre Unschuld per iTunes verschenkt hatten. "Songs Of Experience" kommt jetzt auf den üblichen Wegen daher, ist regelrecht unterproduziert und soll an die Anfangstage der Band erinnern. Aber ihre Unschuld haben U2 längst verloren, was auch das Erscheinen von Bono in den "Paradise Papers" belegt - das Album ist völlig irrelevant. (5,0)

The Rolling Stones - On Air

Dies sind die gesammelten Aufnahmen der Rolling Stones, die die Band für die BBC in den Jahren 1963 bis 65 gemacht hat: Wir hören die Stones also in ihrer Frühphase, in erster Linie als Coverband von Chuck-Berry- und Bo-Diddley-Stücken. Erst 1965 fangen sie dann an, auch Selbstkomponiertes in roughen Versionen fürs Radio einzuspielen - für mich eine korrekte Sache. Ich fand die Band eigentlich nie besser als in ihren ganz frühen Jahren. (6,5)

Alien Stadium - Livin' in Elisabethan Times

Eine neue Band mit alten Bekannten: Ein Ex-Mitglied der Beta Band und einer von Primal Scream veröffentlichen morgen dieses Mini-Album mit vier langen Tracks: Die sind cool und gleichezeitig seltsam verkauzt, so wie es die Beta Band in den 90ern auch war. Mir gefällt das, weil es so britisch-exzentisch daherkommt wie ein durchgedrehter Lord aus "Downton Abbey". (7,2)

Van Morrison - Versatile

Erst vor ein paar Woche erschien Vans Album mit Blues-Aufnahmen, nun folgt mit "Versatile" eine Platte mit seeehr abgehangenen Jazzstandards à la "Makin' Whoopee" oder "You Can't Take That Away From Me". Die braucht eigentlich kein Mensch, aber auf "Versatile" gibt's auch ein paar Van-Morrison-Eigenkompostionen, die einen für die Abgedroschenheit der anderen Titel entschädigen und wir lernen, wie gut er eigentlich Saxophon spielen kann. (6,3)

Neil Young + Promise Of The Real - The Visitor

Neil Young hat für "The Visitor" wieder mit der Band "Promise Of The Real" zusammengearbeitet, die leider nicht die gleiche Klasse hat wie Crazy Horse. In den Songs hier verarbeitet Young seine Wut über die Trump-Regierung und andere Missstände in dieser schnöden Welt. Die Musik ist meist trivial, die Refrains haben oft etwas von einem Kinderlied. Mit einem Wort: "The Visitor" ist höchstens Neil-Young-Komplettisten zu empfehlen. Am Besten gefällt mir es noch, wenn er den Johnny Cash gibt wie auf "Change Of Heart". Das kommt besser, als wenn er rockt. Das tut er aber leider sehr oft auf "The Visitor". (4,5)

We Like We - Next To The Entire All

Cover: We Like We - Next To The Entire All | Bild: Sonic Pieces

Ein dänisches Experimental-Quartett arbeitet mit Streichinstrumenten und Stimmen und ist manchmal sehr elegant und manchmal auch gleich geeignet für das Concerto Bavarese, also für die Moderne Klassik. Muss man mögen, wenn mans mag. (5,5)

Textro & Renz - The Days Of Never Coming Back And Never Getting Nowhere

Eine Art Minialbum von unter 30 Minuten: Textor könnte man noch als Mitglied der Kinderzimmer Productions kennen, aber hier wird nicht gerappt, sondern zur sparsamen Instrumentierung der Blues gesungen. Die meisten Tracks hier klingen eher wie Demos und nicht wie ausarrangierte Songs, manche haben trotzdem ihren Reiz. Hier gibt's auch eine Version von "Willin'", die aber die Little-Feat-Originale nicht mal halbwegs erreicht. (6,0)

Danielle de Piciotto & Alexander Hacke - Menetekel

Nur selbstgeschriebene Songs bietet dieses Duo. Und wer bei einem Wort wie Menetekel gleich an die Einstürzenden Neubauten denkt, der liegt richtig, hat Hacke dort doch einst gespielt. Zusammen mit der amerikanischen Multimedia-Künstlerin steigt Hacke in die Abgründe der 80er Jahre hinab, also in die Zeit, als die Welt noch unterging, manchmal sehr inspiriert. (7,0)