Nachtmix Die Musik von morgen am 08. Dezember
Roderich Fabian verteilt Gold, Silber und Bronze an die neuen Alben der Woche. Die Goldmedaillen-Sieger sind aber Geheimtipps: Tender Forever, Howling Hey, Gaiser Presents Void. Schon mal gehört?
GOLD
TENDER FOREVER
Where are we from EP
Die Französin Melanie Valera lebt seit Jahren in der amerikanischen Hipster-Metropole Portland und gehört zum Kosmos des Independent-Urgesteins "K Records". Valeras Künstlername ist "Tender Forever" – für immer zärtlich – und so ironisch und clever sind auch ihre Songs. Diese Sieben-Track-EP hat wie immer selbstbewussten, feministisch unterfütterten Pop irgendwo zwischen der Zugänglichkeit von Feist und der Sperrigkeit von Björk auf Lager – sehr angenehme, zeitgemäße Musik.
HOWLING HEX
Wilson Semiconductors
Neil Hagerty war einst Gitarrist der wilden Bands "Pussy Galore" und "Royal Trux". Seit 2001 macht er Platten unter dem Pseudonym The Howling Hex, die in der Regel immer noch viel zu sperrig für den Mainstream sind. Morgen erscheint das neue Album, das vier lange Tracks enthält und mal wieder zeigt, welch verkanntes Genie Neil Hagerty eigentlich ist. Auch hier weigert er sich strikt, sich anzubiedern, aber mit dem Eröffnungstrack "Reception" macht er zugleich klar, dass er könnte, wenn er wollte – ein Beweis für den lebendigen Underground Amerikas.
GAISER PRESENTS VOID
No Sudden Movements
Der Berliner Produzent Jon Gaiser macht Meta-Techno-Musik auf dem Album "No Sudden Movements" und hat sich – auch dies in bester 90er Jahre Tradition – ein neues Pseudonym zugelegt: Gaiser presents Void steht auf dem Cover – und hier finden sich abstrakte, verhaltene, manchmal genialische Tracks – eine Empfehlung für Freunde digitaler Experimente.
SILBER
LEMONHEADS
Hotel Sessions
Eigentlich ist dies nur Bandleader Evan Dando mit einer Akustik-Gitarre, der in 1992 in einem australischen Hotel sitzt und Lemonheads-Songs in einen billigen Walkman singt. Keine Ahnung, warum sich Evan Dando dafür entschieden hat, diese akustisch natürlich miserablen Tapes nun als Album zu veröffentlichen. Aber hier kann man den Mann auf dem Höhepunkt seiner Karriere erleben: Selbstbewusst und humorvoll kokettiert er zum Beispiel auf dem Song "Style" mit seiner Drogenabhängigkeit, die später dafür gesorgt hat, dass er doch nicht der Superstar geworden ist, den man ihm Anfang der 90er zugetraut hatte – das Zeugnis einer verpassten Chance.
ERALDO BERNOCCHI
HAROLD BUDD
ROBIN GUTHRIE
Winter Garden
Drei große Ambient-Komponisten: Der Italiener Eraldo Bernocchi, der Amerikaner Harold Budd und der Schotte Robin Guthrie – letzterer bekannt als Gründer der einst magischen Cocteau Twins. Die drei Musiker haben sich dabei der Methode bedient, die bei Kollaborationen in der Elektro-Musik längst üblich geworden ist: Man schickt sich Soundfiles zu, bearbeitet sie weiter und übermittelt sie dann an den nächsten, bis alle einig sind, dass der Track perfekt ist. Trotzdem wirkt dieses Album nie überfrachtet. Wir haben es eben mit Profis zu tun.
DI GIUSTO Y CAMERATA ROMEU
Habanera
Der Pianist Gerado di Giusto aus Cordoba in Argentinien macht Musik irgendwo zwischen Jazz und Klassik, ist ein moderner Dave Brubeck. Für sein neuestes Album hat er mit einem kubanischen Streichquartett namens "Camerata Romeu" zusammengearbeitet – und das ist eine sehr fruchtbare, professionelle und atmosphärische Kollaboration geworden.
MAZGANI
Song of Distance
Das dramatische Bemühen um Intensität hat längst die Runde um die Welt gemacht. Das beweist z.B. auch dieser portugiesische Songwriter, der in seiner Heimat ein Star ist und nun danach trachtet, auch im Rest der Welt Beachtung zu finden. Deshalb erscheint morgen bei uns dieses Album, das mitten im Schwermut Forest zuhause ist mit seinen nie losgehenden Rock-Balladen. Aber es gibt sieben Bonus-Tracks aus dem früheren Schaffen von Mazgani, wo er mit seiner Band noch eine etwas härtere Gangart an den Tag legt und die beweisen, dass er durchaus international mithalten kann – allen Nick-Cave-Fans ans Herz gelegt.
BRONZE
FENNESZ + SAKAMOTO
Flumina
Ambient Music bietet dieses Doppel-Album, auf dem der österreichische Elektro-Avantgardist Christian Fennesz sich Klavieraufnahmen des japanischen Supertars Ryuichi Sakamoto angenommen hat. Die Kunst der sanften Verfremdung ist hier das Leitmotiv – Musik für späteste Stunden ist das Ergebnis.
JUDY COLLINS
Bohemian
Judy Collins veröffentlichte 1961 ihr erstes Album "A Maid of Constant Sorrow", nun – also 50 Jahre später – folgt das vorerst neueste Album der inzwischen 72jährigen. Judy Collins gehörte in den Sixties zur ersten Liga der politisch motivierten Folkszene, die von Bob Dylan und Joan Baez angeführt wurde. Sie war zwar nie so erfolgreich wie diese beiden, steht aber bis heute für ungebrochene Integrität. "Bohemian" ist ein Album voller melancholischer Nostalgie, bietet vier neue Songs und sieben Cover-Versionen, allesamt Klassiker des engagierten Folk – ein fast schon wehmütiges Album.
K’S CHOICE
Little Echoes
Pop im Zeichen der Globalisierung – das heißt, dass niemand mehr sagen kann, woher eine Platte wirklich stammt. Ein gutes Beispiel dafür ist diese belgische Band, die seit fast 20 Jahren elegante, international kompatible Popmusik macht und auch auf das South-By-Southwest-Festival nach Texas eingeladen wird, ohne groß aus dem Rahmen zu fallen. Morgen erscheint mit "Little Echoes" eine Unplugged-CD von K's Choice, auf der die Band ältere Songs in neuen Versionen anbietet. Da bietet sich natürlich auch immer eine originelle Cover-Version an, die dann ins Oeuvre der Band eingemeindet werden kann.

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