Bayern 2 - Nachtmix

Lee "Scratch" Perry Der Salvador Dali des Dub

Unser Mann von der schnellsten Insel der Welt, Jamaica, hat schon vor Jahrzehnten und lange vor Sten Nadolny die Langsamkeit entdeckt: Lee Perry schickt seit Anfang der 60er Jahre Roots, Rocksteady und Reggae zur Entschleunigung durch seine Echokammer.

Von: Michael Bartle Stand: 17.08.2012
epa02565284 A picture made available on 05 February 2011 shows Jamaican musician Lee 'Scratch' Perry performing at Duerer Garden in Budapest, Hungary, 04 February 2011. The 75-year-old artist used to be a co-author and co-producer working with Bob Marley and the Wailers in the 1970s. EPA/BALAZS MOHAI HUNGARY OUT  +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Bild: picture-alliance/dpa

"Der Salvador Dali des Dub" - wie ihn Lloyd Bradley genannt hat, ist mittlerweile 76 Jahre alt und schaut genauso aus wie ein 76-jähriger Salvador Dali, der seit über 60 Jahren Ganja raucht. Wer ihn in seinem neuen Video "Golden Clouds" sieht - Lee "Scratch" Perry wird demnächst ein Album mit The Orb, den Großmeister des Ambient, herausbringen -, der wird gleichzeitig um den Alten fürchten und hin und wieder lächeln müssen. Mal steht Perry mit gelber Perücke im Studio, mal mit roter, mal mit Trainingsanzug - immer schwer bewaffnet mit Ringen an jedem Finger, die er möglicherweise bei irgendeinem Africa-Festival stiebitzt hat.

An jedem bayerischen Bahnhof würde der Dub-Greis sofort von der Polizei aufgegriffen werden. Aber: lassen wir uns nicht von Äußerlichkeiten ablenken, da steht Lee "Scratch" Perry längst drüber. Das Album "The Observer In The Star House" mit The Orb wird Ende August erscheinen und ist wirklich wieder großartig geraten. Lee "Scratch" Perry radebricht seinen - sorry - Tippelbruder-From Outta-Space-Stream Of Consciousness über überraschend klischeefreie Beats von The Orb.

The One And Only: "Studiowizzard"

Gemeinsame Platte: The Orb und Lee "Scratch" Perry | Bild: Cooking Vinyl

Lee "Scratch" Perry wahrlich has come a long way - mit 15 hat er sich davon gemacht aus dem Haus seiner Eltern, einer Farmhilfskraft und eines Straßenarbeiters und hat sich zunächst auf dem Land in Jamaika als Tänzer, Hilfsarbeiter und Dominospieler durchgeschlagen bevor er dann nach Kingston kam und dann Hiwi im Studio bei Sir Coxsone Dodd.

1968 gründete Lee Perry sein eigenes Upsetter Label und nahm in der Folge nicht nur mit Bob Marley Tracks auf, sondern schickte nahezu alle namhaften jamaikanischen Künstler durch seine Hallräume, ab 1973 dann sogar in seinem eigenen, legendären Black Ark Studio. Wenn jemals jemand die Bezeichnung "Studiowizzard" verdient hat, dann wohl er: kein anderer war ein derartiger Hütchenspieler und Trickser an den Reglern.

Und ohne zu untertreiben: Sein Bearbeitungsirrsinn und sein Sound- und Raumverständnis war für die Reggae-Kultur genauso fundamental wie später für die Entwicklung der Remix-Kultur und auch für Techno und House. Wie schön, dass der "Salvador Dali des Dub" auch mit 76 Jahren noch einen Riesenzwirbelschnurrbart von einer Platte hinlegen kann.

Hier der Link zum Song "Golden Clouds"


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