Bayern 2 - Land und Leute


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Der "Wolfsmann" Sigmund Freuds berühmtester Fall

Die Geschichte eines Liebesabenteuers, das in München begann und alle Züge einer "Amour fou" aufweist. Eine Leidensgeschichte also: obsessiv, psychotisch, tragisch endend. Kein Wunder, dass sich Sigmund Freud dafür interessierte. Sergej Konstantinowitsch Pankejeff litt unter einer Wolfsphobie, weshalb Freud ihn den "Wolfsmann" nannte und zum Gegenstand seiner berühmten Schrift "Aus der Geschichte einer infantilen Neurose" machte. Das größte Unglück jedoch durchlitt Therese, die schöne Münchnerin, in die sich der Wolfsmann unsterblich verliebt hatte ...

Von: Robert Schurz

Stand: 20.08.2017 | Archiv

Hinter dem Pseudonym "Wolfsmann" verbirgt sich der Sohn reicher russischer Grundbesitzer, der an einer merkwürdigen Angst vor Wölfen litt und später als Neurastheniker diagnostiziert wurde. Neurasthenie ("reizbare Schwäche" oder "burnout") gehörte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zu den Modekrankheiten einer gehobenen Gesellschaftsschicht.

Ein Kindheitstraum bestimmte sein ganzes Leben

Sergej Pankejeff

Besonders prägend scheint für Sergej Pankejeff gewesen zu sein, daß er als Kind von seiner älteren Schwester zu sexuellen Handlungen verleitet wurde und daß er seine Eltern bei einem Geschlechtsakt (a tergo) beobachtete. Er war ein schwächliches und schwieriges Kind; und ein Traum, den er etwa mit vier Jahren gehabt hatte, bestimmte sein ganzes Leben:

"Ich habe geträumt, daß es Nacht ist und ich in meinem Bett liege. Plötzlich geht das Fenster von selbst auf, und ich sehe mit großen Schrecken, daß auf dem großen Nußbaum vor dem Fenster ein paar weiße Wölfe sitzen. Es waren sechs oder sieben Stück. Die Wölfe waren ganz weiß und sahen eher aus wie Füchse oder Schäferhunde, denn sie hatten große Schwänze wie Füchse, und ihre Ohren waren aufgestellt, wie bei Hunden, wenn sie auf etwas aufpassen. Unter großer Angst, offenbar von den Wölfen aufgefressen zu werden, schrie ich auf und erwachte."

(Sergej Pankejeff)

Nach dem Selbstmord seiner Schwester begannen seine Depressionen

Ab seinem zehnten Lebensjahr litt Pankejeff unter religiösen Zwangsvorstellungen. Seine heißgeliebte Schwester brachte sich um, als er etwa achtzehn Jahre alt war; von da an neigte er zu Depressionen, zu Grübeleien und Lebensunmut, wie er später selbst berichtet. Muriel Gardiner, seine spätere Biographin, schreibt über den jungen Wolfsmann:

"Er war gänzlich abhängig und existenzunfähig. Er war nicht einmal imstande, sich selber anzuziehen. Er konnte nicht studieren und war für jegliche Arbeit unvorbereitet. Er hatte keine befriedigende Beziehung zu einer Frau und keine wirkliche Freundschaft mit einem Mann. Er war in den wichtigsten Lebensbereichen schwer beeinträchtigt."

(Muriel Gardiner)

Er entschloss sich, in ein deutsches Sanatorium zu gehen

Auffällig war auch, daß er ständig anderer Leute Rat einholte, vor allem von irgendwelchen Autoritäten und besonders von seinem Vater. Er ließ sich von den unterschiedlichsten Ärzten behandeln, aber als selbst eine Hypnose nichts nützte, faßte er den Entschluß, sich in ein deutsches Sanatorium zu begeben.

Der Psychiater Emil Kraepelin (1856-1926)

"Die Wahl des Sanatoriums überließ ich meinem Vater, der in dieser Hinsicht genügend Erfahrung hatte. Von Zeit zu Zeit erkrankte er nämlich an einer ziemlich klar ausgeprägten Melancholie, begab sich dann in irgendein Sanatorium in Deutschland und kehre jeweils nach einigen Monaten wiederhergestellt nach Hause zurück. Von allen Ärzten, die mein Vater in Deutschland konsultiert hatte, schätzte er gerade Professor Kraepelin besonders. So beschloß er, daß auch ich zu ihm nach München fahren solle."

(Sergej Pankejeff)

Und so begab er sich nach München, um sich von Prof. Kraepelin behandeln zu lassen. Die Behandlung scheiterte, wohl auch deswegen, weil er sich unsterblich in Therese, eine Angestellte des Sanatoriums verliebte.

Therese - die Liebe seines Lebens

Diese qualvolle on/off-Liebesgeschichte sollte den Wolfsmann lange begleiten: immer wieder sucht er München auf, um Therese für sich zu gewinnen. Alle Ärzte, die ihn behandeln, raten ihm, von der schändlichen Leidenschaft in München zu lassen, aber der Wolfsmann hält unbeirrt an Therese fest. Selbst als er in Wien in psychoanalytischer Behandlung ist, erwirkt er nach langen Verhandlungen mit Sigmund Freud die Erlaubnis, zu ihr nach München fahren zu dürfen. Doch die Affäre mit Therese endet tragisch.

Robert Schurz ist dem Wolfsmann in München nachgegangen.

Buchtipp:

Zwei Krankengeschichten: "Rattenmann" / "Wolfsmann"
(Sigmund Freud, Werke im Taschenbuch)

  • Autor: Sigmund Freud
  • Einleitung: Carl Nedelmann
  • Taschenbuch: 256 Seiten
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch; Auflage: 3 (1. Februar 1996)
  • ISBN-10: 3596104491
  • ISBN-13: 978-3596104499

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